Camargue Lasso statt Lavendel

Wildwest im Süden Frankreichs: In der Camargue zeigt sich die Provence von einer anderen Seite. Cowboys reiten weiße Pferde, züchten schwarze Stiere und gelten als sehr eigenwillig. So wie Gilbert Arnaud, der nur in der Camargue glücklich sein kann.


Les Saintes-Maries - Leuchtende Sonnenblumen und endlose Lavendelfelder - typisch Provence, denken viele. Doch wer von Arles aus ein Stück Richtung Süden fährt, ist plötzlich von einer ganz anderen Landschaft umgeben.

Die Rhône hat sich dort in zwei Arme geteilt. Ihr Wasser fließt in gemächlicher Ruhe dem Mittelmeer entgegen. Und das Land dazwischen, die Camargue, erinnert eher an den Norden Schleswig-Holsteins als an den Süden Frankreichs: Es ist flach wie ein Teller.

Olivenbäume sucht man hier vergeblich. Kleine Gräben mit Schilfrohr am Ufer durchziehen die Weiden. Rund 450 Kilometer sind die Kanäle lang, die zum Ent- und Bewässern gebraucht werden. Die Camargue ist eben die etwas andere Provence.

Als eigenwillig gelten auch ihre Bewohner. Sie kultivieren noch so manche Eigenheit aus längst vergangenen Tagen, die anderswo in Frankreich allenfalls als folkloristisch durchgehen würde. Männer verbringen hier oft noch viel Zeit im Sattel, nicht nur die, die Vieh hüten.

Die Gardians, wie die Cowboys der Camargue genannt werden, legen Wert auf Traditionen. Und die schwarzen Stiere, die sie bewachen und die für die Camargue so typisch sind wie die weißen Pferde, auf denen die Gardians reiten, leben hier noch fast in Freiheit. Massentierhaltung ist in der Camargue jedenfalls ein Fremdwort.

"Es ist ein Cowboy-Leben"

Die Stiere werden auf Farmen gezüchtet, die Manades heißen. Eine davon gehört Gilbert Arnaud. Vor dem Schuppen auf seinem Hof in der Nähe von Les Saintes-Maries-de-la-Mer steht sein Landrover, im Stall daneben sein Pferd Nacho.

Arnaud ist in Les Saintes-Maries geboren und züchtet bereits seit einem Vierteljahrhundert Stiere. Er ist mit der Camargue fest verwurzelt. "Wenn er über die Rhône kommt, fühlt er sich schon unglücklich", sagt seine Frau Stephanie. Sie sieht mit heller Hose, Halstuch, Lederjacke, Hut und Lederhandschuhen aus wie eine Rancherstochter - dabei hat sie gar keinen Stallgeruch. Stephanie Arnaud stammt aus Köln und hat BWL studiert.

Zum 30. Geburtstag hat sie eine Reise ins Rhônedelta geschenkt bekommen. "Ich fand die Camargue am Anfang gar nicht interessant", erzählt sie. Aber dann hat es sie gepackt. "Denn das eigentliche Geburtstagsgeschenk war mein Mann."

Mit ihm zusammen züchtet sie Camargue-Stiere. "Es ist ein Cowboy-Leben", sagt sie. "Ich wusste es nicht, aber ich war dafür bestimmt." Die Stiere werden an andere Züchter oder an den Schlachthof verkauft. "Das ist reines Biofleisch." Mettwurst wird daraus zum Beispiel gemacht, Stier-Paté oder Stier-Gulasch. "Die Tiere sind das ganze Jahr über draußen", erzählt Stephanie Arnaud.

Auf der Manade der Arnauds können Besucher zusehen, wie die beiden zusammen mit ihrer Tochter Carla die Stiere zu Pferd zusammentreiben. Zu Fuß gerät man besser nicht in die Herde, das könnten die Stiere leicht falsch verstehen. Die drei reiten erst durch kniehohes Gras, dann durch eine Senke mit Wasser. Carla übt, einen Jungstier aus der Herde auszusondern - ein Hauch von Wildwest in Frankreichs Süden.

Wallfahrt zur schwarzen Sarah

Les Saintes-Maries-de-la-Mer - die heiligen Marien am Meer - ist ein langer und ungewöhnlicher Name für den kleinen Ort: Er hat nur 2200 Einwohner, aber eine lange Geschichte. Der Überlieferung zufolge wurden Maria Salome, Maria Magdalena und Maria Jacobäa - alle drei aus dem Kreis der Jünger um Jesus - auf einem Schiff im Mittelmeer ausgesetzt und bis an die Küste der Provence getrieben. Die drei Frauen brachten das Christentum nach Südfrankreich.

Im 15. Jahrhundert erschien René, dem König der Provence, ein Engel und verriet ihm, wo sie begraben waren. Er ließ die Reliquien suchen und in die Kirche von Les Saintes-Maries bringen, das bald zum wichtigsten Wallfahrtsort der Provence wurde.

Das ist er noch heute. Die Wehrkirche ist das älteste Gebäude des ehemaligen Fischerdorfes und hat immer noch eine Atmosphäre, die auch auf diejenigen Eindruck macht, die vom Wahrheitsgehalt der Legende nicht überzeugt sind. In einer Vitrine im Innenraum sind Messgefäße, eine Monstranz und die Reliquienbehälter zu sehen - daneben viele Bilder, die Gläubige gestiftet haben, deren Gebete erhört wurden.

Einige Stufen führen hinunter in die Krypta. Im Halbdunkel brennen viele kleine Kerzen. Hier unten wird vor allem eine vierte Heilige verehrt, die heilige Sarah. Sie soll die Dienerin der drei Marien gewesen sein und von dunkler Hautfarbe. Die Sinti und Roma verehren sie deshalb als eine der ihren, und Tausende kommen jedes Jahr im Mai zur "Zigeunerwallfahrt" nach Les Saintes-Maries.

In der Krypta steht auch eine Holzstatue der "schwarzen Sarah", die bei der Wallfahrt im Mai festlich gekleidet zusammen mit den Reliquien der drei Marien ans Meer getragen wird, wo der Bischof von Arles die Gläubigen segnet.

Schwarzer Reis, schwarze Stiere

Les Saintes-Maries ist – nach Arles - der wichtigste Ort der Camargue. Viele andere gibt es auch gar nicht, die Region ist dünn besiedelt. Jahrhundertelang gehörte das Sumpfgebiet den Gardians.

Mit dem eher kargen Leben in der Camargue, der Stierzucht und dem Stierkampf beschäftigt sich auch das Museé Camarguais, ungefähr 20 Kilometer von Les Saintes-Maries entfernt an der Straße nach Arles. Das Museum ist in einem "Mas" untergebracht, einem großen Bauernhof, wie er für die Camargue typisch war.

Ein Teil der Ausstellung widmet sich dem Reisanbau. Als der große Schnapsfabrikant Paul Ricard im Zweiten Weltkrieg keinen Pastis mehr herstellen durfte, sattelte er auf Reis um. Als Frankreich seine Kolonien in Indochina verlor, förderte die Regierung den Reisanbau sehr - auch weil er der Entsalzung des Bodens dient. Und so gibt es den Reis aus der Camargue auch heute noch. Die Chance, dass er den schwarzen Stieren und den weißen Pferden als Symbol der Region den Rang abläuft, ist allerdings sehr gering.

Andreas Heimann, dpa



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