Canyoning im Tessin Der Reiz des Abgrunds

Sie springen von hohen Felsen, seilen sich in Schluchten ab, tauchen durch eiskalte Bäche. Beim Canyoning im Tessin suchen moderne Abenteurer das Erhabene in der Natur - genau wie die Dichter und Künstler, die vor mehr als zwei Jahrhunderten ins Gebirge aufbrachen.

Von Jonas Morgenthaler


Mitten auf einem Asphaltsträßchen in den Bergen verwandeln wir uns. Die sommerlich-dünnen Hosen und T-Shirts landen im Kleinbus. Halbnackte junge Körper glänzen kurz in der spätherbstlichen Sonne. Es quietscht und ploppt, als wir uns mit Mühe in die Gummianzüge zwängen - und schließlich aussehen wie Außerirdische in einem billigen Siebziger-Jahre-Science-Fiction-Film.



Etwas unsicher laufen wir in der neuen Kleidung auf einem Kiesweg den Berghang hoch. Sogar Dominik Fischer, unser Guide, wirkt tollpatschig - dabei ist er Outdoor-Profi. Seit vielen Jahren bietet er Canyoning-Touren an. Dieser Abenteuersport ist seit Anfang der neunziger Jahre populär geworden - und funktioniert im Grunde ganz einfach: Man nehme eine gute Kletter- und Wassersportausrüstung sowie eine geeignete Schlucht und steige mit ersterer durch letztere ab - rutschend, springend und schwimmend.

Aber noch sind wir auf dem Weg nach oben. Laufen vorbei an Berzona, einem winzigen Alpendorf im Onsernonetal, in dem sich die Rustici dicht drängen - flankiert von einem schlanken Campanile, der hoch in den Himmel greift. Jeder Wanderer wäre jetzt vollkommen zufrieden, würde rasten und sich an einige der ehemaligen Bewohner erinnern, Max Frisch, Alfred Andersch, Golo Mann. Wir nicht. Wir wollen nicht nur betrachten, wir wollen die Natur spüren und erleben.

Kurz darauf beginnt das Rauschen und hört nicht mehr auf. Ein ständiger Begleiter beim Abstieg durch die Schlucht. Zwischen Büschen und Bäu-men braust der Fluss nach unten. Sein Bett ist eine Welt aus Stein, vom kleinsten Kiesel bis zum meterhohen Brocken. Dominik erinnert noch einmal daran, dass wir nicht springen müssen, wenn wir nicht wollen - wir sind schließlich auf einer Anfängertour.

Daran zweifeln wir allerdings, als wir sehen, wo wir jetzt hinunterrutschen sollen. Gleich nach der Einstiegsstelle schießt der Fluss durch eine enge Rinne steil herunter in ein ovales, dunkles Becken.

Widerstand zwecklos

Ein starker Griff schreckt mich aus der Naturbetrachtung. Ich lande im Wasser und werde nur noch an der Schwimmweste festgehalten. Das Rauschen ist jetzt ganz nah, dröhnt in die Ohren. Über mir steht Dominik und grinst: "Okay?" Ich nicke - und flutsche weg. Gut sieben Meter schwemmt mich der Fluss hinunter und lässt mich dann in das tiefe Becken fallen. Widerstand zwecklos. Der Nächste bitte. Die einen schlittern voll Abenteuerlust, andere versuchen noch zu bremsen und rutschen unbeholfen wie auf dem Rücken liegende Schildkröten nach unten.

Einige Schwimmzüge durch das eiskalte Wasser des Beckens, hinausklettern und bergab bis zu einem großen Felsen kraxeln. Dahinter geht es steil nach unten, vier Meter vielleicht. Hier hilft nur ein Sprung. So ein bisschen rechts vorne sei das Wasser tief genug, meint Dominik.

In ein unbekanntes Bachbecken zu springen ist aufregend. Nix da vom Schwimmbad mit sichtbarem Boden. Wo ist es sicher? Verbirgt sich unter der Oberfläche auch wirklich kein spitzer Stein? Jetzt hilft nur das Vertrauen in Dominik. Im Flug spüre ich den kühlen Lufthauch auf der nassen Haut, sehe das dunkle Wasser näher kommen und meine, einen Stein zu erkennen. Dann der tiefe Taucher ins Wasser. Ein badewanniges Planschgefühl stellt sich ein.

Kurz danach steigt die Anspannung wieder. Abseilen ist angesagt, nicht jeder mag das. Das Seil halten, sich von der Wand stemmen und mit etwa zehn Meter Abgrund im Rücken langsam rückwärts den Fels heruntersteigen - etwas viel auf einmal. Vor allem für Tobi, einem gepiercten Sozialarbeiter: "Wie soll ich da schauen, wo ich hintrete? Ich habe Höhenangst!" Wer Angst hat, lehnt sich nicht genügend Richtung Abgrund, wer sich nicht zurücklehnt, hängt haltlos an der Wand wie ein nasser Kartoffelsack. Nur nicht zu viel denken. Lieber zurücklehnen, tauchen, rutschen. Den Körper fühlen. Mitfließen.

Von Schreckgestalten zu Stars

Dieser Schluchtenspaß wäre nicht möglich ohne einen fundamentalen Wandel in der Wahrnehmung der Berge. Früher waren sie unwirtliche Schreckgestalten voller Gefahren. Die Alpen waren nicht mehr als ein Hindernis, welches leider ab und an überquert werden musste. Doch ab dem 18. Jahrhundert machten Literaten, Maler und Dichter sie zu Stars. Schon 1729 dichtete der Schweizer Arzt Albrecht von Haller nach einer Reise in die Bergwelt begeisterte Verse, schrieb von "beglänzten Höhen" und einem "dick beschäumten Fluss", der durch Felsenritzen dringt und "mit gäher Kraft weit über ihren Wall schießt".

Das Hochgebirge wurde zur Kreativquelle für Literaten, Maler und Dichter. Viele waren auf der Suche nach dem, was der britische Philosoph Edmund Burke Mitte des 18. Jahrhunderts als das "Erhabene" beschrieb: Archaische Natur, die mehr ist als nur schön, die überwältigt und angenehm erschauern lässt. Auch der englische Dichter William Wordsworth suchte die rauschhafte Natur und beschrieb sie voller Pathos:

(...) Die Wasserstürze aus
der klaren Bläue;
Das Murmeln in den schroffen
Felsenklippen
Nah unserm Ohr;
schwarztropfendes Gestein
Am Wegesrand,
aus dem es zu uns sprach,
Als ob der Felshang
eine Stimme berge;
Der bange Anblick und die
schwindeltiefe
Vorausschau auf den tosenden
Gebirgsbach; (...)
Tumult und Friede, Finsternis
und Licht -
's war alles wie das Wirken
eines Geistes,
Die Züge eines einzigen Gesichts (...)

(aus: William Wordsworth: Präludium oder Das Reifen eines Dichtergeistes. Übersetzt von Hermann Fischer. Stuttgart 1974)

Wordsworth erinnert mit diesen Zeilen an eine Reiseepisode im Jahr 1790: Mit einem Wanderfreund überquerte er den Simplon-Pass nach Italien, verlief sich und war schwer enttäuscht, als er von einem Bauern erfahren musste, dass er die Alpen schon überquert hatte - unwissentlich und dadurch ohne in romantischem Gedankengut schwelgen zu können.

Die Romantiker betrachteten die Berge mit neuen Augen, bestaunten plötzlich so unwirtliche Dinge wie Felswände und Schluchten. Die traditionelle Ästhetik des Schönen reichte ihnen nicht - ebenso wenig wie der Canyoning-Gruppe die Betrachtung der Idylle des dicht bewaldeten Onsernonetals.

Tessin als Zentrum des Canyoning

Die modernen Abenteuersport-Touristen sind auch sonst von den ungestümen Romantikern gar nicht weit entfernt. Die romantische Begeisterung für die Berge ging im 19. Jahrhundert einher mit der Entwicklung des Alpinismus - der Besteigung und wissenschaftlichen Erforschung des Hochgebirges. Immer höher und tiefer drangen die Alpinisten in das Hochgebirge ein, auf der Suche nach einer unbekannten, gefahrvollen Wildnis, einer Quelle intensiver Naturerfahrung. Technischer Fortschritt machte die Natur nach und nach immer beherrschbarer, ein immer größeres Terrain verlor seinen Schrecken und wurde zur sportlichen Herausforderung.

Als um die Wende zum 20. Jahrhundert schließlich auch die Schluchten systematisch erforscht wurden, war der Weg frei fürs Canyoning. Den wissenschaftlichen Kundschaftern folgten Abenteurer, mit der Zeit wurde daraus besonders in Frankreich und Spanien ein moderner Sport. Von den zwei Ländern sprang die Begeisterung über nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. Das Tessin mit seinen vielen Schluchten wurde zu einem Zentrum des Canyoning.

Zu fünft warten wir auf einem kleinen trockenen Fleck im Flussbett auf den Rest der Gruppe. Durch das Geäst fallen einige Sonnenstrahlen auf grüngrauen Stein. Eine Euphorie macht sich breit, einfach so. Wer ist früher nicht gerne auf Steinen herumgeklettert? Wir springen von einem Bein aufs andere, unbefangen und aufgeregt wie kleine Kinder. Wir beobachten den achtjährigen Yaren, Sohn eines Teilnehmers und schon zum dritten Mal in einer Schlucht unterwegs. Fast schwerelos turnt er über die nassen, blank geschliffenen Steine. Abseilen, springen, schwimmen - alles kein Problem für den Kleinen.

Es rauscht, unaufhörlich rauscht es, irgendwann vergisst man die Ausrüstung und die Anstrengung, vergisst Zeit und Ort. Jeder fließt mit dem Wasser. Hier in der Schlucht spürt man die enorme Kraft, die es zwischen den Steinen entwickelt. Wasser sickert durch den Neoprenanzug, eine nasse Kälte, aber der Körper wehrt sich, atmet, arbeitet und drängt die Kälte bis an die Hände nach außen, leider nicht weiter. Noch gut eine Stunde dauert der Abstieg, nach unten hin erscheint die Natur immer wieder voller Fallen. Wackelt der Stein? Wie glitschig ist der Fels, auf den man gerade tritt? Was verbirgt sich unter dem schäumenden Wasser?

Doch dann verlassen wir unversehrt die Schlucht und stehen bald wieder an der Betonstraße, an der wir gestartet sind. Wir holen unsere Sachen aus dem Kleinbus, die Gummigestalten verwandeln sich zurück in Menschen des Medienzeitalters, die in ihrem Alltag mehr betrachten als erleben. Doch heute haben wir in den Tiefen der Schlucht das Erhabene gefühlt, gehört, geschmeckt. Vom Fluss begleitet, waren wir in einer Gegenwelt zum zivilisierten Alltag. Ein aufregender Cocktail aus etwas Gefahr und viel Natur. Oder ganz einfach: Romantik 2.0.



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