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Öko-Urlaub auf Teneriffa: Mein Ferienhaus, das Labor

Von Steve Przybilla

Der Fluss im Wohnzimmer temperiert den Raum, das Trinkwasser kommt aus dem Ozean: Auf Teneriffa erproben Urlauber die Zukunft des Ökotourismus in einem Feriendorf. Es nutzt das raue Klima der Kanaren - und ringt mit ihm.

Öko-Ferienhäuser auf Teneriffa: Urlaub unterm Windrad Fotos
Casas Bioclimaticas ITER

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Dunkler Sand, die Landschaft wie in einem Western, Büsche, Kakteen, Geröll und von oben die sengende Sonne. Im Süden von Teneriffa regnet es nur selten. Darum kommen die Touristen. Und darum kamen die Forscher.

Hier, am Rand des Montaña Pelada liegen die Ferienhäuser des Instituto Tecnológico y de Energías Renovables (ITER). Die Anlage befindet sich zwischen einem Industriegebiet und dem Flughafen, abgeschirmt durch Berge und ein Dutzend Windräder. Hübsch ist das nicht.

Doch der erste Eindruck täuscht, nicht nur, weil der Strand in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar ist. Sondern auch, weil jedes einzelne der Häuser mit seinen eigenen Formen, Farben und Baumaterialien verblüfft.

Die sogenannten Casas Bioclimáticas (wörtlich: bioklimatische Gebäude) würde man in Deutschland als Passivhäuser bezeichnen. Sie sehen alle unterschiedlich aus, weil verschiedene Architekten sie entworfen haben. Manche wirken wie Hobbit-Höhlen aus "Der Herr der Ringe", andere geradezu futuristisch.

Mit Solarkollektoren und Windrädern erzeugt die Anlage ihren Strom selbst. Wer auf der Terrasse sitzt, hört das auch, denn die Rotoren stehen fast nie still. Stört so etwas die Urlauber? Oder gehört es einfach dazu, genau wie das Meeresrauschen oder der Lärm startender Flugzeuge? Und welches Haus taugt für die langfristige Nutzung? Das sind Fragen, denen man in Teneriffas Südosten nachgeht.

Flüsschen im Wohnzimmer

Das ITER gehört zu den wichtigsten Forschungseinrichtungen der Insel. Die Wissenschaftler interessiert alles, was mit Nachhaltigkeit und erneuerbaren Energien zu tun hat. Seit fünf Jahren können sie ihren Urlaub in einem von 25 Öko-Ferienhäusern verbringen - und gleichzeitig der Forschung dienen.

Nicole Neumann gefällt die Idee des bewohnten Labors. "Wir wollten auf keinen Fall in eine Bettenburg", sagt die 41-Jährige, die zusammen mit ihrem Partner Holk Kirschner, 48, aus Frankfurt angereist ist. Im Internet stieß Neumann auf die Casas Bioclimáticas. "Eine tolle Idee", sagt sie. "Es gibt so viele Umweltprobleme hier, allein schon der ganze Plastikmüll. Da ist es gut, einen kleinen Beitrag zu leisten."

Das Paar ist in dem Haus El Rio untergekommen, durchs Wohnzimmer fließt ein künstlicher Miniaturbach. "Dadurch wird es nie zu warm", sagt Neumann. Keines der Ferienhäuser verfügt über eine Klimaanlage. Manche sind mit Luftkammern ausgestattet, die unterirdisch kühlen. Andere nutzen Wind und Schatten, um die Temperatur zu regeln. Oder eben Wasser.

Um zu testen, ob die Konzepte wirklich funktionieren, sind Sensoren in den Häusern installiert. Sie messen Feuchtigkeit und Temperatur. "Das Raumklima regelt sich vollautomatisch", sagt ITER-Sprecherin Miren Iriarte. Doch längst klappt nicht alles, wie es sich die Planer erhofft haben. "Die Leute wollen selbst bestimmen, ob sie ein Fenster öffnen oder die Rollos herunterlassen." Solche Banalitäten, sagt Iriarte, lieferten oft die besten Erkenntnisse.

Salz, Staub und Feuchtigkeit - ein zerstörerischer Cocktail

Das Gebäude selbst muss dem rauen Klima der Kanaren trotzen. "Salz, Staub und Feuchtigkeit bilden einen zerstörerischen Cocktail", sagt Iriarte. Solarkollektoren würden matt, Fugen mit Sand zugeweht. Sechs Hausmeister, sagt die Sprecherin, seien jeden Tag damit beschäftigt, die Anlage in Schuss zu halten. Ein großer Gewinn bleibt dabei nicht. "Die Casas tragen sich gerade mal selbst", sagt Iriarte. Ein Ferienhaus für zwei Personen kostet zwischen 100 und 135 Euro pro Nacht.

Die Unterkünfte liegen auf dem Gelände des Forschungsinstituts. Wer zu seinem Domizil möchte, muss beim Pförtner vorbei, eine Schranke passieren und dahinter parken. Denn das kameraüberwachte Öko-Dorf ist eine autofreie Zone. Eigentlich. In Wahrheit jedoch steht vor vielen Ferienhäusern ein Mietwagen, offensichtlich abgestellt von den Urlaubern.

Wie viel Bio steckt wirklich in den Casas Bioclimáticas? Die Gäste kommen schließlich mit dem Flugzeug auf die Insel. Zudem ist das Institut von der touristischen Infrastruktur abgeschnitten. Wer zum Supermarkt, zur Post oder nächsten Kneipe möchte, kommt um einen Mietwagen nicht herum. Und: Viele Häuser sind mit üppigen Badewannen ausgestattet - in einer Region, die unter Wasserknappheit leidet.

Hartmut Rein kennt dieses Problem. Er leitet den Studiengang Nachhaltiges Tourismus-Management an der Hochschule Eberswalde und hat schon viele vermeintlich umweltfreundliche Hotels gesehen. In diesem Fall ist er aber zufrieden: "Die Anlage ist sehr fortschrittlich. So etwas gibt es selten." Und der Flug? "Lässt sich leider nicht vermeiden", sagt Rein. Er rät zu Direktverbindungen und einem CO2-Ausgleich über zertifizierte Anbieter, zum Beispiel Atmosfair oder MyClimate.

"Mit der Natur, nicht gegen sie"

Institutssprecherin Iriarte beteuert die gute Umweltbilanz der Ferienhäuser. "Unsere Anlage ist C02-neutral", sagt sie, "weil wir uns komplett selbst versorgen." Das Trinkwasser stamme aus einer eigenen Meerwasser-Entsalzungsanlage, die mit erneuerbarer Energie betrieben werde. Sogar eine Kläranlage befinde sich auf dem Gelände. "Aber auch wir lernen noch", räumt Iriarte ein. "Wo gibt es schon Perfektion?"

Nicht alle Gäste kümmert das. Aber hin und wieder taucht vor Ort jemand auf, der sich tatsächlich für die Details und den Passivbau interessiert. "Einmal war ein Amerikaner hier, der ein komplettes Haus nach Texas verschiffen wollte", erzählt Miren Iriarte. "Doch so einfach ist das nicht, die Technik ist an unser Klima angepasst."

Auch ein Schweizer will die Modellsiedlung auf Teneriffa studieren. "Ich möchte mich inspirieren lassen", sagt Adrian Günter. Der 48-jährige Unternehmer will auf der Zugspitze ein Hotel bauen. "Mit der Natur, nicht gegen sie."

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