Dracula-Grusel in Dublin Allein im Vampirsarg

Graf Dracula lebte in Transsilvanien - wenn er denn lebte. Doch der Erfinder der literarischen Figur, Bram Stoker, ist nie dorthin gekommen, er war Dubliner. Und die verstehen sich noch heute auf echten Grusel.

Christoph Driessen / TMN

Es liegt sich bequem in Draculas Sarg. Etwas zu kurz ist er für mich, aber die purpurrote Polsterung ist weich. Fast könnte man in der Dunkelheit wegdämmern - wenn es nicht so beklemmend wäre, allein in einem Sarg im Castle Dracula zu liegen.

"Irlands spleenigster Abend in Dublins ausgefallenster Location" heißt es im Prospekt, immer freitagabends. Jetzt ist Mittwoch, und Erbauer und Direktor Ronan MacGabhann hat das Castle ausnahmsweise für mich aufgeschlossen. Außerdem für zwei Requisitenmacher, die für ihn eine neue Figur basteln sollen.

Wir sind zusammen durch das leere Schloss gelaufen und haben anfangs noch gelacht und uns gewundert, denn das Schloss ist gar kein Schloss, sondern der Anbau eines ziemlich edlen Fitness-Centers. Wir passierten einen Swimmingpool, dann öffnete sich eine Tür und plötzlich - den Chlorgeruch noch in der Nase - standen wir in einem dunklen Gang mit Fackeln, Spinnen und Moder.

Die bizarre Schaueranlage ist recht weitläufig. Wir stoßen mit den Köpfen an herunterbaumelnde Puppenleiber, die mit Kinderstimmen flüstern. Wir verlieren das Gleichgewicht, als wir über eine Brücke wanken, die durch einen sich drehenden Tunnel führt. Und wir machen MacGabhann Komplimente für sein überzeugendes Outfit, als er uns mit Maske und Kostüm hinter Bram Stokers Bar empfängt.

Und dann lassen die drei mich alleine. Während ich auf die Rückkehr von MacGabhann warte, soll ich mich in den Sarg legen. "Ich schalte die Hydraulik für dich ein", sagt er noch und geht. Nun liege ich hier und frage mich, was der Mann wohl damit gemeint hat.

Bram Stoker war ein Dubliner

Castle Dracula ist noch eine verhältnismäßig junge Attraktion. Im Dezember 2014 hat sie eröffnet. Vorher gab es an dieser Stelle die Ausstellung "Bram Stoker Dracula Experience", die nicht so gut lief. Jetzt beleben Schauspieler und Spezialeffekte die Szenerie. Zutritt ab 14 Jahre.

Viele Touristen wissen gar nicht, dass Dublin etwas mit Dracula zu tun hat. Der Graf wird in Transsilvanien verortet. Völlig richtig. Aber Draculas Erfinder Bram Stoker (1847 bis 1912) ist dort niemals gewesen. Er ist gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite geboren und sprach zeitlebens mit Dubliner Akzent.

Klein und grau ist das Geburtshaus mit der Adresse 15 Marino Crescent. Es gibt kein Hinweisschild, nur ein benachbartes Bram's Café mit einer Büste des Autors und Vampirbildern an den Wänden. Die junge Kellnerin weist einem gerne den Weg. Als ich vor dem Haus stehe, sagt eine Stimme hinter mir: "Bescheiden, nicht wahr?" Sie gehört einem alten Nachbarn: "Da vorn, in Nummer eins, da wohnte seine spätere Frau Florence Balcombe", erzählt er. "Oscar Wilde hat ihr den Hof gemacht, aber sie hat ihn für Bram stehen gelassen."

Bram Stoker war als Kind sehr krank, bis zu seinem siebten Lebensjahr konnte er nicht stehen. Aber dann erholte er sich und wuchs zu einem wahren Kleiderschrank heran, vollbärtig und muskelbepackt. Stoker wurde Sportchampion am Trinity College im Zentrum von Dublin, wo er Literatur, Geschichte und Mathematik studierte. "Härteste Leibesertüchtigung und eiskalte Bäder - das war sehr populär damals", erzählt der Historiker Joseph O'Gorman. Die Viktorianer hofften, auf diese Weise ihr dunkles Triebleben beherrschen zu können.

Nach Abschluss seines Studiums wurde Stoker Beamter. Er wohnte nun in 30 Kildare Street, zentral, aber wieder recht einfach. Das Haus steht noch und hat sogar eine Plakette. Stokers Arbeitsplatz war eine regelrechte Finsterburg: Dublin Castle, der verhasste Sitz britischer Macht genau in der Mitte der Stadt. In der Abenddämmerung werfen die Laternen ihr fahles Licht an die Mauern des Schlosshofs. Die langen Fensterreihen sind schon schwarz, nur hinter einem flackert ein Leuchter.

"Nosferatu" brachte den Ruhm

Genau wie jetzt im Castle Dracula - jäh erwacht es zum Leben: Kerzen flammen auf, Gardinen flattern. Das muss die Hydraulik sein. Mittlerweile ist mir klar geworden: MacGabhann stellt mich auf die Probe. Er hat mich in seiner Burg eingeschlossen wie Graf Dracula seinen englischen Besucher Jonathan Harker.

Ich klettere aus dem Sarg, blicke in die Augen dreier Vampirbräute und wage mich in die stockfinsteren Gänge. Jetzt nicht in etwas Ekliges fassen! Eigentlich ist es ja albern, sich hier zu fürchten: Alles ist unecht - alles bis auf Stokers Haarlocke, die ihm seine Frau im April 1912 auf dem Totenbett abschnitt. Sein Ableben wurde in den Zeitungen weitgehend übergangen - fünf Tage zuvor war die "Titanic" gesunken. Schlechtes Timing.

Stoker war eben auch nicht wirklich prominent. Seine schriftstellerische Tätigkeit hatte er ausschließlich nachts ausüben können, sein Geld verdiente er tagsüber als Manager des berühmten englischen Schauspielers Sir Henry Irving, dessen Gesichtszüge er als Vorbild für Dracula genommen haben soll. Der Vampirroman war 1897 zwar ein Achtungserfolg, aber kein Bestseller.

"Ohne den 'Nosferatu'-Film von Friedrich Murnau wäre Dracula heute schon lange vergessen", meint Historiker O'Gorman. Im Dubliner Wachsfigurenkabinett sind zwar alle großen irischen Literaten von Jonathan Swift bis James Joyce ausgestellt, nicht aber Stoker. Er ist nur indirekt vertreten - durch einen von Christopher Lee inspirierten Dracula in der "Chamber of Horrors".

Da ist die Ausgangstür. Und da steht MacGabhann. "Hi Ronan", höre ich mich sagen. Keine Reaktion. "Wirklich sehr spooky hier." Er verzieht keine Miene. "Ich werde es weiterempfehlen!" Da breitet sich ein Lächeln über sein Gesicht aus und er sagt: "Freut mich riesig, dass es dir gefällt. Da steckt sehr viel Herzblut drin, weißt du."

Christoph Driessen/dpa/abl

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insgesamt 1 Beitrag
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anna cotty 06.10.2015
1. Nicht nur
der Autor von 'Dracula' kommt aus Irland, sondern auch der Autor der ersten Vampirgeschichte ueberhaupt. Das ist naemlich 'Carmilla' und sie wurde von Sheridan Le Fanu geschrieben, der im 19. Jahrhundert ind Dublin und Abington ( County Limerick) lebte.
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