Kunstprojekt in Italien Gib Stoff, Christo

Verpackungskünstler Christo will Touristen übers Wasser wandeln lassen. Das Kunstprojekt in einem See kostet ihn 15 Millionen Euro - und könnte der Lombardei in Norditalien viele zusätzliche Touristen bescheren.

Christo

Er verlangt keinen Cent Eintritt, empfiehlt aber eins: Bitte barfuß! Nur auf bloßen Sohlen, sagt Christo, hole man sich diese "sexy Erfahrung", wenn man auf dem Wasser geht. Drei Kilometer schaukelnde Stege wird er bis zum Sommer über den Iseosee in der Lombardei legen, und diese dann mit 70.000 Quadratmeter Stoff überziehen.

"The Floating Piers" (18. Juni bis 3. Juli 2016) nennt der Künstler sein jüngstes Art-in-Nature-Projekt. Die Installation in der norditalienischen Region ist eine Hommage an seine 2009 verstorbene Frau Jeanne-Claude. Beide waren vor über 80 Jahren an demselben Tag geboren worden. Sie in Marokko, er in Bulgarien. Sie verliebten sich, als der junge Mann ihre Mutter porträtierte.

Gemeinsam haben die beiden den Berliner Reichstag und die Pariser Pont-Neuf in Folie gepackt. Als Team legten sie einen 40 Kilometer langen Zaun ("Running Fence") durch die Hügel Kaliforniens. Allein vier Millionen Besucher flanierten durch ihre safrangelben "Gates" im New Yorker Central Park.

Gut möglich, dass im Sommer mehr Besucher als sonst an den Iseosee kommen werden, um einen Spaziergang übers Wasser zu machen. Spezialisten tüfteln gerade an einem Leitsystem, das 16 Tage lang die Besucher zu neu geschaffenen Parkplätzen lotsen wird. Touristenführer wollen Tagesausflüge über den Iseosee anbieten - kostenloses Lunchpaket inklusive.

"Es ist wie auf einem Wasserbett"

Eiszeitliche Gletscher haben das Bett für den See aus den Bergamasker Alpen gehobelt. Zwischen steilen Ufern liegt wie eine riesige Schildkröte Montisola auf dem Wasser, eine von Europas höchsten Binneninseln.

Christo war sofort bezaubert von den "wunderschönen Dörfern, Kirchen, römische Ruinen". Im Geiste legte er eine Trasse vom Festland zum "Inselberg" und weiter zum Mini-Eiland San Paolo - wo er überraschend auf offene Türen stieß. Inselherr und Waffenfabrikant Ugo Gusalli Beretta erlaubte für das Kunstprojekt gleich zwei Schaukelstege zu seinem Hideaway, Besucher können sogar den Mauerring des früheren Klosters umrunden.

Derzeit setzen Taucher 140 tonnenschwere Anker für die Pontonstege. Aus 200.000 Polyäthylen-Würfeln werden jeweils hundert Meter lange Segmente montiert und in einem stillen Seewinkel zwischengeparkt. Ihre Tragfähigkeit und Stabilität bei Wellengang waren zuvor im Schwarzen Meer getestet worden.

Im Sommer werden dann die Stege den Uferort Sulzano mit Montisola und dem idyllischen San Paolo vernetzen. 16 Meter breit sind die schimmernden Flanierwege, die mit dahliengelbem Nylon der Grevener Firma Setex bezogen sein werden. Man läuft direkt auf den Wellen, Christo verspricht Schmetterlinge im Bauch: "Es ist wie auf einem Wasserbett." Bewegungen des Wassers werden unter den Füßen spürbar sein, zum Beispiel, wenn ein Boot vorbeifährt.

Kunststege und Käsealmen

15 Millionen Euro lässt sich Christo das Kunstwerk kosten. Der Künstler mit Atelier in New York verweigert sich Sponsoren und öffentlichen Zuschüssen, beschäftigt Helfer nur gegen Lohn. Seine Projekte finanziert er ausschließlich aus dem Verkauf seiner Zeichnungen und Entwürfe. "Ich möchte frei sein", sagt er.

Das Angebot des Künstlers hat die Politiker zwischen Brescia und Bergamo beflügelt. In nur einem Jahr hat die Lombardei das Projekt durchgewinkt - beim Berliner Reichstag hatte es über zwei Jahrzehnte gedauert. Die sonst eher stille Weinregion Franciacorta, die zwischen Mailand und Venedig liegt, bekommt plötzlich internationale Aufmerksamkeit.

Selbst die eigenen Landsleute südwärts vom Po hatten diesen Genießerwinkel mit seinen Käsealmen und köstlichen Fischmenüs bisher hauptsächlich über seinen elitären Spumante wahrgenommen. Jenen Schaumwein mit Champagner-Ambition, der den Prosecco aus dem benachbarten Veneto das Prickeln lehrt. Die lombardischen Winzer rüsten sich bereits für den Ansturm der Kunstfreunde aus aller Welt. Der Sekt steht schon kalt.

Gerhard Merk/srt/jus

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