Weltgrößtes Schneeschuhrennen Nur nicht aus den Latschen kippen

Auf Schneeschuhen muss man nicht spazieren gehen. Man kann auch rennen. Alljährlich am Dreikönigstag wetteifern bei Bozen mehr als 6000 Profis und Hobbyjogger. Stefan Wagner ist beim weltgrößten Schneeschuhlauf mitgelaufen.

La Ciaspolada

So schnell kann's gehen. Eben noch renne ich mit weiten Schritten, fast schon Sprüngen, auf einer Euphoriewolke den Berg hinunter. Dann, plötzlich, schmecke ich Schnee im Mund. Sturz, Gesichtslandung - wie ein nasser Faustschlag. Ich schaue hoch und sehe direkt neben meinem Kopf fliegende Füße mit Schneeschuhen.

Vor mir dreht sich einer um und schreit "Sorry!". Der Typ ist mir hinten auf einen Schneeschuh getreten und hat mich zu Fall gebracht. Hat zumindest spektakulär ausgesehen, hoffe ich. Ich wische mir den Schnee aus dem Gesicht und stehe auf.

Weiter geht's. War ja auch erst der erste von acht Kilometern des größten Schneeschuhrennens der Welt, der Ciaspolada in Oberitalien. Dutzende Läufer sind inzwischen an mir vorbeigezogen, eben auch ein als Wikinger verkleideter Mittfünfziger mit einem bellenden Hund. Er sieht unfit aus, mein Ego heult auf, ich starte die Verfolgung.

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Weltgrößtes Schneeschuhrennen: Füße hoch!

Das Herz hämmert, der Schnee staubt, die Hosen sind durchnässt. Überall keuchende, strauchelnde Läufer, die meisten sicher - wie ich - zum ersten Mal dabei. Es ist ein bisschen Tour de France-Feeling: Oben kreisen Hubschrauber mit TV-Kamerateams, vorne fahren neben der Spitzengruppe der Schneeschuhläufer Schneemobile mit Fotografen. Die Besten kommen aus Frankreich, den USA und Finnland, aus Marokko oder Nepal und natürlich Italien. Vor einigen Jahren hat sogar mal ein Kenianer gewonnen.

Duell mit Vater und Kraxenkind

An Anstiegen und in den kleinen Gassen der Orte bilden die Zuschauer enge Spaliere. Sie schreien sich heiser, für sie ist die Ciaspolada das größte Event des Jahres. Um die 6000 Menschen rennen oder spazieren jeden Dreikönigstag mit bunten Schneeschuhen - ciaspole im örtlichen Dialekt - an den Füßen um den eher unspektakulären Ort Fondo herum, 35 Kilometer von Bozen entfernt. Vorne sprinten Profis und Ambitionierte, dahinter trottet das Volk.

Inzwischen trotte auch ich, die Anstiege fordern ihren Tribut, ich bin pitschnass geschwitzt. Gerade liefere ich mir ein Duell mit einem Vater, der - demütigenderweise - auch noch sein Kind in der Rückenkraxe mitschleppt. Je weiter hinten man im Feld ist, desto zerstampfter ist der Schnee, desto mehr rutscht man bei jedem Schritt wieder zurück.

Wobei die Masse der Teilnehmer das Ganze ohnehin eher als erschwerten Spaziergang ansieht, mit Blick auf die herrlich verschneite Gebirgsgruppe der Brenta. Der Kurs führt über gewalzten Schnee und rollende Hügel durch winzige Dörfer wie Cavareno oder Sarnonico. In den vergangenen Jahren musste schon mal wegen zu warmer Temperaturen Schnee per Lastwagen herangekarrt und als schmales Band über die grünen Felder gelegt werden.

Der Gaudifaktor ist groß: Teilnehmer mit Wikingerhelmen rollen ein Fass Wein vor sich her, andere haben Bierkästen auf Schlitten dabei, manche tragen ultra-atmungsaktive Wettkampftrikots, andere Lederhosen. Es gibt Familien, die ihre Kinder im Plastikbob mitziehen, Bergbauern, greise Gebirgsjäger mit Federhüten, zwei Hexen samt Besen, Wahnsinnige ohne T-Shirt - ein Happening auf einem Sportgerät, das aussieht wie an die Füße geschnallte Tennisschläger.

Schneeschuhwanderungen haben sich in den vergangenen Jahren als fester Bestandteil des Angebots von Wintersportorten etabliert: im verschneiten Wald abseits von Wegen die Natur erfahren. Das fußgängerische Äquivalent von Offroad-Fahren oder Freeriding wird immer beliebter. Für Besucher, deren Knie zu kaputt zum Skifahren sind, eine schonende Alternative.

Aber Schneeschuhlaufen hat noch eine andere Seite: Vor allem in Nordamerika und in den Trailrunning-Hochburgen Spanien, Italien und Frankreich kommen immer mehr Ausdauersportler auf den Geschmack, schnallen sich für ihre Winterläufe Schneeschuhe an die Füße und rennen abseits der Straßen. Der weiche Schnee macht das Landen gelenkfreundlicher, der größere Krafteinsatz stärkt die Muskeln für die Sommersaison.

Mit den Schneeschuhen aus Holz haben die modernen Rennmodelle nichts mehr gemein. Es wäre so, als ob man eine Postkutsche mit einem Ferrari vergleicht. Die heutigen Renngeräte sind aus Aluminium, Karbonfasern und Plastik. Topmodelle haben nur noch eine recht geringe Fläche und wiegen gerade mal 300 Gramm.

Zwei Schritte vor, eineinhalb zurück

Auf dem Weg zur Ziellinie strauchle ich noch einmal. Diesmal bin ich mir selbst mit einem Schneeschuh auf den anderen getreten. Das "Laufen" fühlt sich mittlerweile so an, als wolle ich mit einem Rührbesen durch einen Ozean rudern. Zwei Schritte vor, eineinhalb zurück. Den Wikinger mit seinem Hund habe ich überholt. Aber nur, weil er auf ein Schwätzchen mit einem Anwohner stehengeblieben ist. Kraxen-Papa sehe ich weit vor mir, die blaue Mütze des Kindes hüpft lustig auf und ab.

Einer, der sich selbst aus Holz und Weidenruten Schneeschuhe gebastelt hat, schleppt die Trümmer seiner Kreation in den Händen. Meine knallgelben Mietschuhe tragen mich, untermalt vom Brüllen der Bürger von Fondo, auf die Piazza San Giovanni. Auf den letzten Metern läuft noch eine etwa 70-jährige Frau federnd an mir vorbei. Ich hechte mich unter dem Band mit der Aufschrift "Arrivo" ins Ziel.

  • La Ciaspolada
    Die Ciaspolada wird seit 1973 jedes Jahr am Dreikönigstag ausgetragen.

    Anfahrt: Die 300 Kilometer weite Anfahrt von München nach Fondo dauert per Auto knapp vier Stunden.

    Startgebühr: Für das Familienrennen 15 Euro ohne, 18 Euro mit Schneeschuhleihgebühr. Für Wettkampfsportler 30 Euro ohne, 33 Euro mit Leihgebühr. Start ist am 6. Januar um 10:30 Uhr.

    Veranstalter: Società Podistica Novella, Piazza S. Giovanni, 7, 38013 FONDO (TN), Italien. E-Mail: novella@ciaspolada.it; www.ciaspolada.it
  • Internetseite Ciaspolada

Erst mal nur Luftschnappen. Vielleicht sind es ja auch die 1000 Meter Meereshöhe. An der Hand habe ich eine kleine Schnittwunde von einem der Stürze. Dennoch - ich bin wohl unter den ersten 2000. Der Präsident des Organisationskomitees, Gianni Holzknecht, hat gesagt, dass das hier eine Art Wimbledon des Schneeschuhsports sei. Das ist doch mal eine Ansage, im Tennis hätte ich es nie bis nach Wimbledon geschafft.

Hinter der Ziellinie hat die Ciaspolada den Charme eines Dorffestes, es fühlt sich an wie in einem Don-Camillo-und-Peppone-Film. Mit feierlicher Miene überreicht der Bürgermeister den ausgepumpten Siegern 500 Euro, eine Kiste Äpfel und einen Kasten Bier. Eine Feuerwehrfrau drückt mir ein Plätzchen und einen Plastikbecher Glühwein in die Hand. Sie sieht mitleidig aus.

Am Abend stehen noch ein Feuerwerk und ein Fackelmarsch durch den Ort auf dem Programm. Dann versinkt Fondo wieder in seinen Winterschlaf - bis zum nächsten Dreikönigstag.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
fvaderno 06.01.2018
1. Ein Laufwettbewerb mit Schneeschuhen ...
... ist ein Vergnügen für Beteiligte und Zuschauer - aber mit einer ernsthaften Sportart hat es doch recht wenig zu tun. Schneeschuhe sind nur eine Hilfe bei der Fortbewegung im tiefen (!) Schnee. Nur dort kommt man mit ihnen besser vorwärts, und auch nur dann, wenn man so tief in den Schnee einsinkt, dass das gehen ansonsten sehr mühselig wird. Der Austragungsort der 'Ciaspolada' in Fondo hat aber durchschnittlich nur einmal in zehn Jahren solche Schneehöhen vorzuweisen, dass Schneeschuhe eine Hilfe bei der Fortbewegung sein können. Das sind sie aber auch nur für die vorderen Leute in einer Spur, je nach Schneebeschaffenheit kommen Geher weiter hinten ohne diese 'Trapser' viel besser vorwärts. Bei geringer Schneelage sind diese sowieso nur eine Behinderung. Es ist also ein Wettbewerb in dem festgestellt wird, wer mit einem solchen Handicap besser zurecht kommt.Man könnte es vergleichen etwa mit Geräteturnern, die sich für den Wettkampf zusätzlich einen Sandsack an die Füsse binden. Oder Rennfahrern auf der Piste, die Reifen fürs Gelände montieren. Wandern mit Schneeschuhen ist eine Freizeitbeschäftigung. Jeder Gesunde, der gehen kann, kann sie ohne Anleitung (!) ausüben. Denn man bemerkt sofort, dass man die Füsse weiter auseinander halten soll und dass man mit (Ski-) Stöcken leichter geht, das ist eigentlich alles, was man in einem 'Kurs fürs Schneeschuhgehen' lernen kann. Allerdings sollte man darauf achten, dass man im tief verschneiten Gebirge mit dieser Fortbewegungshilfe schnell ein Gelände erreichen kann, wo Lawinen und andere Gefahren drohen die nur wirklich Erfahrene beurteilen können. Wer sich in solch alpines Gelände vorwagen will, dem ist anzuraten, sich ortskundigen und erfahrenen Führern anzuschließen. Leicht werden sie sich allerdings in einer Einsamkeit suchenden Gruppe mit 30 Teilnehmern wiederfinden, die für viel Geld ein frustrierendes Erlebnis haben. Und spätestens der Fünfte in der Reihe würde viel leichter gehen, wenn er die Schneeschuhe an den Rucksack hängen und nur mit Bergschuhen weitergehen würde.
ClaudiaK 07.01.2018
2. "eine 70jährige Frau federnd an mir vorbei"
Humorvoll geschriebener Text, der einem wiederkehrend ein Lachen ins Gesicht zaubert. "In den letzten Metern straucheln" bei dem anstrengenden Lauf halte ich für legitim, solange man dann doch noch ankommt.
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