Wandern an den Cliffs of Moher: Saftige Wiesen, tödliche Abgründe

Von Martin Cyris

Die wilden Cliffs of Moher konnten bislang nur mit viel Mut und einigen Kletterkünsten abgewandert werden. Dann machte ein irischer Farmer den Weg frei: Pat Sweeney setzte durch, dass es nun einen Pfad gibt - und der ist immer noch schwindelerregend.

Cliffs of Moher: Hart am Abgrund Fotos
Martin Cyris

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"Wollen Sie reden?" Das Schild mit dem Gesprächsangebot der irischen Samaritervereinigung deutet an, dass sich in der dramatischen Kulisse der Cliffs of Moher von Zeit zu Zeit menschliche Dramen abspielen. Die wildromantischen Klippen im Westen Irlands haben eine magische Anziehungskraft. Unter den Hunderttausenden Besuchern jährlich befindet sich auch eine gewisse Anzahl Lebensmüder.

Die allermeisten Touristen wollen freilich oben bleiben. Das phantastische Fels- und Seepanorama an den sieben Kilometer langen Steilklippen bewundern, mit seinem wechselnden Farbspiel. Die Kraft von Wind und Wellen spüren. Aber auch ein bisschen Nervenkitzel erleben. Im Stehen oder im Liegen, auf Gras und Moos gepresst, ein paar Handbreit vom Abgrund entfernt. Fast senkrecht fallen die Steilwände ab und bieten schwindelerregende Ausblicke.

Für Abenteuerlustige und Naturfreunde war es seit jeher ein besonderer Reiz, die Cliffs of Moher abzulaufen. Sie lassen sich nicht von der unberechenbaren Witterung an der grünen Westküste Irlands abschrecken. Und auch nicht von Stacheldrahtzäunen und Trockenmauern, die die saftigen Wiesen umzäunen und die man nur mit viel Schneid und einem gewissen Maß an Kletterkünsten überwinden konnte.

Die Begrenzungen dienten nicht nur dazu, Rinder und Schafe zusammenzuhalten, sondern sollten auch Touristen abhalten. Grund war eine diffuse Mischung aus Sicherheitsüberlegungen der Behörden - an manch halsbrecherischen Engpässen geht es immerhin bis zu 200 Meter tief hinunter - und Sturheit. Nicht jeder Bauer konnte sich vorstellen, zugunsten eines Wanderwegs auf ein paar Grashalme zu verzichten.

Zwei Bauern bleiben stur

Redebedarf hatte deshalb auch Pat Sweeney. Weil er die Klippen liebt. Weil er deren touristisches Potential erkannte. Und weil er ein begeisterter Wanderer ist. Vor ein paar Jahren lud der Farmer aus Doolin deshalb in ein örtliches Pub. Es kamen Nachbarn, Freunde und lose Bekannte. Farmer und Landbesitzer wie er. All die O'Neills und O'Briens, Caseys und Kellys, Burkes und Berminghams, O'Flahertys und O'Hallorans. Vertreter der alteingesessenen Familien im County Clare im Westen Irlands.

Pat Sweeney wollte endlich einen offiziellen und weitgehend sicheren Wanderweg an den weltberühmten Klippen: den Doolin Cliff Walk. Doch er brauchte die Zustimmung der Landbesitzer. Das war 2007. "Zuerst haben sie über mich gelacht", erinnert sich Pat. Heute lacht er. Denn der Doolin-Klippenweg ist heute nahezu komplett. Von den 39 Anrainern sind inzwischen 37 auf seiner Seite. Sie lassen die Wanderer passieren, haben zum Schutz von Mensch und Vieh Zäune und Natursteinmauern versetzt und neue errichtet. Und auch die Behörden spielen mit.

Je nach Start- oder Zielpunkt ist der Weg zwischen 12 und 17 Kilometer lang. Er verläuft zwischen der Ortschaft Doolin und einem hochmodernen Besucherzentrum, direkt an den Cliffs of Moher. Auf einem kleinen Teilstück müssen die Wanderer noch improvisieren und sich außerhalb von Weidezäunen entlanghangeln. Weil zwei Farmer hartnäckig blieben. "Aber ich bin sicher, dass der Weg im Sommer endlich komplett ist", sagt Pat. "Wir verhandeln."

Wer auch an dem noch fehlenden Abschnitt auf Nummer sicher gehen möchte, bucht einfach Pat als Wanderguide - den ersten und bislang einzigen Führer auf dem Klippenweg. Treffpunkt ist das Besucherzentrum an den Cliffs of Moher. Pat sprüht vor Energie und Wanderlust. Der 48-Jährige erzählt von seiner Heimat und den Klippen, die er schon als kleiner Junge unentwegt aufsuchte. Etwa um verlorengegangene Schiffsnetze einzusammeln. Damit deckten seine Eltern Torf ab, den sie im Moor stachen.

Papageientaucher und Postkartenmotive

Es geht vorbei am O'Briens Tower. Der alte, Wind und Wetter trotzende Aussichtsturm ist wie für Hobbyfotografen gemacht. In der Ferne liegen die bewohnten Aran-Inseln wie Omelettes im tiefblauen Meer. Pat erzählt Amüsantes, Mystisches - und natürlich Dramatisches. Nicht jeder, der den Tod in der Tiefe fand, hat ihn dort finden wollen.

Etwa jene beiden Kletterer, die sich vor 13 Jahren von einer steinernen Plattform abseilten und von Geröll erschlagen wurden. "Ihr einziger Fehler war", sagt Pat, "dass sie niemanden aus der Umgebung gefragt haben, ob diese Stelle sicher ist." Jeder Bauer wisse, wo es gefährlich sei und wo nicht.

In der Vergangenheit konnte das Wissen über die Klippen und ihre Gefahren nur über das Versuch-und-Irrtum-Prinzip gesammelt werden. Tödlich ging es auch für eine Gruppe Dorfbewohner aus, die per Flaschenzug hinabgelassen wurden, um Seegras und Vogeleier zu sammeln - vor 150 Jahren wichtige Nahrungsquelle der damals bitterarmen Bevölkerung im Westen Irlands.

Die Vögel sind längst geschützt. Und die Touristen übertreffen längst die Zahl der einheimischen Besucher. "Ich bin mir sicher, dass der Klippenweg bald zu den Top-Routen in Irland gehört", sagt Pat Sweeney. Schon heute zählen die Klippen zu den beliebtesten Postkartenmotiven Irlands. Dabei sind es noch nicht einmal die höchsten der Insel. Aber zu ihrer Beliebtheit dürften auch die drolligen Papageientaucher mit ihren großen rot-schwarzen Schnäbeln beitragen.

Musik als Trostspender

Über einen engen Pfad geht es weiter Richtung Doolin. Das Rauschen des Ozeans und das Pfeifen des Winds permanent im Ohr. Auf dem Cliff Walk sollte man trotz neuer Sicherungen schwindelfrei sein. "Kinder unter acht Jahren nehme ich nicht mit", sagt Pat. Er verlangt übrigens nur fünf Euro für eine Tour. Weil ihn sein Enthusiasmus und Idealismus antreibt. Und auch, um der weit verbreiteten Meinung entgegenzutreten, Irland sei ein teures Pflaster.

Nach einigen Kilometern passiert man eine irische Flagge, von Pat errichtet. Von dort biegt der Klippenweg ins Landesinnere ein, Richtung Doolin. An dieser Stelle winkten zu Zeiten der großen Emigrationswellen die Zurückgebliebenen den Schiffen zu. Auf ihnen verließen Geschwister, Kinder oder Freunde die Insel, um ihr Glück in Amerika oder Australien zu finden. Die Schiffe legten in der Galway Bay ab. Manche an Bord kamen nie an. Und selbst die, die es schafften, sahen ihre Heimat und Familien oftmals nie wieder.

"Es berührt mich jedes Mal zutiefst, wenn ich hier stehe", sagt Pat. Tiefgründige Gedanken und sentimentale Gefühle sind im Angesicht der wildromantischen Landschaft und ihrer bewegten Geschichte keine Schande. Gleichzeitig wird hier klar, wozu die Heiterkeit und Ausgelassenheit der irischen Musik dienen - als Trostspender und Balsam für die irische Seele. Ob er denn auch musikalisch sei und singe? "Nein", sagt Pat, "höchstens nach dem zehnten Guinness." Und was er dann singe? "A Man You Don't Meet Everyday".

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Wunderschön
Tuennemann 13.05.2013
Zitat von sysopDie wilden Cliffs of Moher konnten bislang nur mit viel Mut und einigen Kletterkünsten abgewandert werden. Dann machte ein irischer Farmer den Weg frei: Pat Sweeney setzte durch, dass es nun einen Pfad gibt - und der ist immer noch schwindelerregend. Cliffs of Moher in Irland: - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/cliffs-of-moher-in-irland-a-898525.html)
Es ist einfach wunderschön dort. Ich habe mich damals über die Leichtsinnigkeit mancher Besucher/Wanderer gewundert.
2. etwas übertrieben...
quercusrobur 13.05.2013
Zitat von sysopDie wilden Cliffs of Moher konnten bislang nur mit viel Mut und einigen Kletterkünsten abgewandert werden.
Kletterkünste? Ich bin die Strecke in den letzten 20 Jahren mehrmals gegangen. Es ist (war?) ein angenehmer Trampelpfad entlang der Trockenmauern und alles andere als schwierig. "Klettern" musste man nur an wenigen Stellen über den Weidezaun oder darunter hindurch. :-) Halbwegs ordentliches Schuhwerk sollte man immer dabei haben und vor der Begehung mit Stöckelschuhen ist unbedingt abzuraten. ;-) Ich verstehe natürlich, dass man den Artikel mit Attributen wie "tödliche Abgründe", "Mut", und "Kletterkünste" etwas aufpeppen musste. Wer schonmal vor Ort war, wird darüber schmunzeln.
3. Sorry...
HARK 13.05.2013
...aber das ist der größte Mist, den ich seit langem hier gelesen habe: Ich bin den selben Weg vor ca. 10 Jahren gelaufen - ohne besondere Kletterkünste etc. Schwindelfrei sollte man natürlich schon sein. Aber bei gutem Wetter war der Weg schon damals nicht besonders anspruchsvoll - gute Schuhe und den nötigen Respekt vor der Tiefe vorausgesetzt.
4. Ich kann mich nur den Vorschreibern anschließen
Matzescd 13.05.2013
Ich bin bereits 1995 zum ersten mal die kompletten Cliffs entlang gelaufen. Ein einigermaßen guter Weg geht die komplette Strecke entlang. Ich glaube 2005 war ich dort zum letzten mal. Das ist alles so kommerziell da geworden mit dem "neuen" Visitor Center. Für einen wirklichen "Nervenkitzel" Weg empfehle ich das inm County Donegal liegende Slieve League mit dem One Man's Path/Pass.
5.
apfeldroid 13.05.2013
Als wir da waren, war alles total vernebelt und die Iren nehmen von Touristen Geld, die "nur" Natur anschauen möchten. Auch das Wetter nicht vergessen - Regen Wind Kalt
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