In der Wildnis Nordspaniens Unter Wölfen

Hier gibt es Bären, Wölfe und Geier: Das Kantabrische Gebirge gehört zu Spaniens wildesten Naturlandschaften. Eine Eremitin, eine Almhirtin und eine Rangerin erzählen, wie hart das Leben dort ist - und wie entspannend.

Turespaña

Von Winfried Schumacher


"Mein erster Wolf begrüßte mich gleich bei meiner Ankunft hier in El Corralín", sagt Francine Marcelle. "Als ich in die Schlucht kam, stand er plötzlich vor mir." Die Frau hält ein schnaubendes Pferd am Halfter, ihr Terriermischling knurrt. "Sie sind ein wenig aufgebracht. Wir sind gerade einem Bären begegnet." Sie tätschelt den Kopf des Pferds und flüstert ihm beruhigend ins Ohr.

Eremitin Francine Marcelle: Einsamkeit kennt sie nicht
Ram Malis

Eremitin Francine Marcelle: Einsamkeit kennt sie nicht

El Corralín ist ein verlassenes Dorf in den Bergen Asturiens, ein Weiler mit einem Dutzend eingestürzter Steinhäuschen, die nun der Eichenwald zurückerobert. Die letzten Menschen überließen ihn in den Siebzigerjahren den Wölfen und Bären. Bis Francine Marcelle vor sechs Jahren kam. Und nicht wieder ging. "Ich bin nun zu Gast bei den Tieren", sagt die 54-jährige Einsiedlerin. "Ich hatte Glück. Sie haben mich in ihrer Mitte aufgenommen und akzeptiert."

Marcelle liebt es, mit Wanderern über ihr Leben in der Natur zu sprechen. "Seit ich ein Kind bin, hatte ich Probleme mit dem Atmen. Ich wurde zehnmal operiert, die Ärzte hatten mich schon aufgegeben. Man wollte mir einen Sauerstoffbeutel auf den Rücken schnallen", erzählt Marcelle. Doch sie ging lieber in die Wildnis: "Die Luft hier oben ist die reinste, die man sich vorstellen kann."

Die Französin aus der Picardie im Nordosten von Paris zog als junge Frau nach Andalusien und machte sich schließlich auf die Suche nach einer Bleibe in Nordspanien. Das kühlere Klima dort war für ihre Lungen besser. El Corralín fand sie im Internet als verlassenes Dorf im Wald von Muniellos im Kantabrischen Gebirge.

Die Cordillera Cantábrica gehört zu Spaniens wildesten Naturlandschaften. Die fast 500 Kilometer lange Bergkette ist die westliche Verlängerung der Pyrenäen. Im Süden Kantabriens und Asturiens erreicht das Massiv eine Höhe von weit über 2000 Metern. In den Tälern liegen winzige Dörfer weit verstreut zwischen Viehweiden und Obstbaumhainen. Das Gebirge ist ein Rückzugsort für zahlreiche bedrohte Tierarten wie Auerhahn, Schmutz- und Bartgeier, für den Iberischen Wolf und die letzten Braunbären Spaniens.

Einsamkeit kennt die Eremitin im Wald von Muniellos nicht. "Einsamkeit ist, wenn du unter einer Million Menschen lebst und niemanden hast, mit dem du dein Leben teilst." In einem Gärtchen hat sie Apfel- und Birnbäume, Margeriten, Kapuzinerkresse, Tomaten und ein paar Weinstöcke gepflanzt. Im Herbst sammelt sie Pilze und Kastanien. Sie schreibt Gedichte und strickt Pullover und Taschen, die sie an die wenigen Wanderer verkauft. So verdient sie ein wenig Geld für Tierfutter und das Nötigste für sich selbst.

"Ich bin als Tochter einer Schuldirektorin aufgewachsen. Es mangelte mir an nichts. Aber den wahren Luxus habe ich hier in diesem kleinen Paradies gefunden." Francine Marcelle hat gelernt, mit wilden Tieren ihren Alltag zu teilen. "Den ersten Monat schlief ich noch in einem Zelt. Die Wölfe waren ständig um mich herum. In einer Grotte hier oberhalb von El Corralín ziehen sie ihre Jungen auf", erzählt sie. "Aber nein, Angst hatte ich nie." In einem der verfallenen Bauernhäuser richtete sie sich schließlich eine Wohnung ein.

Schäferin Covadonga Fernández Alonso: "Es gibt zu viele Wölfe"
Ram Malis

Schäferin Covadonga Fernández Alonso: "Es gibt zu viele Wölfe"

Nicht alle in der Cordillera teilen die Begeisterung von Francine Marcelle für wilde Tiere. "Es gibt bereits zu viele Wölfe", sagt Covadonga Fernández Alonso. "In einem Winter haben sie elf meiner Schafe gerissen. Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld." Die Almhirtin steht vor ihrem Steinhäuschen auf einer saftig grünen Schafweide. Dahinter erhebt sich die zerklüftete Bergkette des Nationalparks Picos de Europa.

Wenn Fernández Alonso über ihre Schafe spricht, strahlt sie. Sie ist die letzte Bäuerin im Park, die den traditionellen Almkäse Gamonéu del Puerto nach einem aufwendigen Verfahren aus Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch herstellt. Der würzige Blauschimmelkäse ist heute der teuerste Spaniens, Feinschmecker zahlen 38 Euro für ein Kilo.

Im Sommer verbringt sie manchmal Wochen allein hier oben in den Bergen. "Wer weiß schon, was nach mir aus der Tradition wird", sagt die 57-Jährige. "Immer mehr Milchbauern haben inzwischen aufgegeben. Als ich ein Kind war, waren es noch 60 hier oben. Die Wolfsangriffe, die niedrigen Milchpreise und die Auflagen der EU zwingen sie dazu."

Der Nationalpark wurde 1918 von König Alfonso XIII. als erster Spaniens eingeweiht. Picos de Europa wurden die schneebedeckten Gipfel - darunter 50 Zweitausender - einst von den spanischen Seefahrern genannt. Sie waren das Erste, was sie bei ihrer Rückkehr von dem alten Kontinent zu sehen bekamen. Aus ihrer Mitte ragt das Zentralmassiv Los Urrieles mit dem 2650 Meter hohen Torre de Cerredo auf. Über den schroffen Felswänden kreisen Gänsegeier und Schlangenadler.

Rangerin Sara González Robinson: "Die Wilderei geht weiter"
Ram Malis

Rangerin Sara González Robinson: "Die Wilderei geht weiter"

Immer wieder werden hier Wölfe illegal von Jägern und Viehzüchtern getötet. Sie behaupten, die Wolfsbestände und Angriffe auf Weidevieh nehmen zu. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen das Gegenteil: Umweltbiologen und die Aktivisten der spanischen Artenschutz-Initiative ASCEL sehen die Wölfe nach wie vor als bedroht an.

"Hier drüben ist es passiert", sagt Sara González Robinson und deutet auf den Wald unterhalb des Pico Jano auf der anderen Talseite, "genau an der Grenze zum Nationalpark." Die Rangerin mit den kurzen schwarzen Haaren zieht den Wollschal über beide Ohren. Oberhalb des Flusses Deva weht ein eisiger Wind.

Auf Facebook stieß sie auf ein Foto von fünf erschossenen Wölfen im Wald von Camaleño. Mit Freunden durchkämmte sie sechs Tage lang das Gelände, bis sie die Kadaver fand. "Eine komplette Wolfsfamilie", sagt die Umweltbiologin. "Die Täter sind noch immer nicht zur Verantwortung gezogen. Ich bin nicht sehr hoffnungsvoll."

Seit 18 Jahren ist Sara die einzige Frau unter den 50 Rangern im Nationalpark. Für die Wölfe kämpft die 42-Jährige gegen eine mächtige Jäger- und Schäferlobby und die korrupte Lokalregierung. "Manche meiner Kollegen aus den Dörfern haben Freunde, die selbst Jäger sind, und so verläuft sich ein Fall wie dieser einfach häufig."

Noch immer dürfen einzelne Wölfe in Kantabrien nach bestimmten Auflagen geschossen werden. Dabei weiß niemand, wie viele Tiere es tatsächlich gibt. Im Nationalpark wohl sechs Rudel. "Wegen des Drucks durch die Jagd sind sie ständig auf Wanderschaft", sagt die Rangerin. "So entsteht der Eindruck, es gäbe viel mehr von ihnen."

Zu Sara González Robinsons Aufgaben gehört es, Viehkadaver zu untersuchen, die unter Verdacht stehen, Opfer von Wölfen geworden zu sein. Für jedes gerissene Tier erhalten die Halter eine Entschädigung. Die Folge: Die Schäfer schreiben ihre Verluste gerne dem Wolf zu, und dieser wird dann noch unerbittlicher verfolgt. "Ich bin bei den Bauern nicht sehr beliebt", sagt Sara. "Wenn ich nur ein paar Knochen und Fellreste sehe, will ich nicht einfach sagen: Es war ein Wolf!"

Die Rangerin glaubt, dass sich die Situation nur ändern wird, wenn die Bevölkerung mehr über ihre Umwelt lernt. "Früher wussten die Menschen hier viel mehr über die Natur. Viel von diesem Wissen ist mittlerweile verloren gegangen. Leider lernt der Mensch oft erst zu schätzen, was er hatte, wenn er es verliert." Aber so weit soll es mit den Wölfen und Bären nicht kommen.

Information Cordilléra Cantábrica
Anreise
Zum Beispiel mit Lufthansa, Germanwings oder Iberia von allen bedeutenden Flughäfen nach Madrid und von dort mit Iberia weiter nach Oviedo in Asturien oder Santander in Kantabrien. Am einfachsten ist eine Rundreise in der Cordilléra Cantábrica mit dem Leihwagen. Regionalbusse verkehren nur unregelmäßig.
Unterkünfte
In einem Bergdorf Asturiens unweit des Waldes von Muniellos ist die Casa Quei Vitorino eine der besten Unterkünfte mit herzlicher Gastfreundschaft und wunderbarer regionaler Küche. Der 23-jährige Besitzer Victor Garcia Rodriguez bietet auch Führungen ins Bärenrevier an. Casa de Aldea Quei Vitorino 33812 Tablado Tel.: +34 659 555 077 info@queivitorino.com www.queivitorino.com In idealer Ausgangslage für Wanderungen im Nationalpark Picos de Europa in der wilden Cares-Schlucht liegt das Hostal Poncebos. Hostal Poncebos 33554 Cabrales Tel.: +34 985 846 447 info@hostalponcebos.es www.hostalponcebos.es
Essen und Trinken
Wer vom Bergkäse Gamonéu und weiteren lokalen Spezialitäten Asturiens und Kantabriens probieren möchte, ist in Cangas de Onís richtig. DOP Gamonéu Plaza de Camila Beceña 33550 Cangas de Onís Tel.: +34 985 947 554 info@queivitorino.com www.queivitorino.com Los Arcos Restaurante Plaza Jardines del Ayuntamiento, 3 33550 Cangas de Onís Tel.: +34 985 849 277 eventos@grupo-nature.com www.restaurantelosarcos.es Quesaria Peña Cortés Barrio Mogrovejo, 43 39587 Mogrovejo, Spanien Tel.: +34 606 203 214
Weitere Auskünfte
Spanisches Fremdenverkehrsamt Postfach 15 19 40 80051 München www.spain.info

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insgesamt 15 Beiträge
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spon-facebook-10000747070 28.01.2016
1. Und bei uns ?
Sehr interessanter Artikel. Die Schafzüchter dort in Spanien sind arme Leute. Da verstehe ich noch wenn diese Wölfe jagen die ihre Tiere töteten. Aber bei uns ist die Jagd zumeist das Hobby von reichen Unternehmern. Ihre Lobbygruppen machen eine regelrechte Hatz auf den Wolf in Deutschland. Sie wollen nicht akzeptieren das die Natur eigentlich den Jäger gar nicht braucht ! Der Wolf ist ein Symbol dafür. Von daher wird in der Bevölkerung Panik geschürt !
opa klaus 28.01.2016
2. Sehr schöne Gegend
Wir haben letztes Jahr dort 14 Tage verbracht, es ist ein ganz anderes Spanien! Am Atlantik maximal 27°, im Gebirge 35. Es gibt noch normale Kühe mit Hörnern und normalgroßen Eutern, wie bei uns vor 50 Jahren und vor allen Dingen kaum nichtspanische Touristen.
Rayleigh 28.01.2016
3.
Der Teil mit den Wölfen erinnert an die Nörgeleien der Bauern aus der Lausitz. Wolf reißt schaf hier, Wolf terrorisiert Dorf dort.
Pless1 28.01.2016
4. Wenig verwunderlich
Dass die Rangerin nicht sehr beliebt ist, ist ja wenig verwunderlich. Man schafft Akzeptanz für den Wolf jedenfalls nicht dadurch, dass man die Schadenfälle anzweifelt und dadurch Entschädigungen verschleppt und schon gar nicht dadurch, dass man Menschen, die um ihre Existenz kämpfen pauschal Dummheit und Korruption unterstellt. Natur- und Artenschutz kann nur mit der Landbevölkerung erfolgreich sein, nicht gegen sie.
abc. 28.01.2016
5. Guter Wolf und böser Jäger
Die größten Fans vom Wolf (bzw. Luchs / Biber) sind interessanterweise nie Landwirte oder Schäfer, und zumeist in den Innenstädten anzutreffen. Dennoch wissen diese erfahrenen Wildbiologen ganz genau, dass der edle Wolf hierhergehört, während der tumbe Jäger bloß ein mordlüsterner Störfaktor im idyllischen Wald ist. Diese Haltung ist mMn ebenso kindisch wie der Rotkäppchenmythos. Fakt ist, dass Wolf & Co. nur dann eine Chance haben, wenn sie von der Landbevölkerung bzw. den Landnutzern (das sind in erster Linie die Landwirte und Viehzüchter - und nicht wie die einschlägige Propaganda diktiert die pösen Jäger) akzeptiert werden. Fehlt diese Akzeptanz, werden große Beutegreifer wie Bär, Wolf oder Luchs nie eine Chance haben, egal wie heftig der virtuelle Wolfsexperte im Internet mit den Füßen aufstampft.
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