Gefängnismuseum in Belfast: Im Knast Ihrer Majestät

Von Winfried Dulisch

IRA-Kämpfer, Feministinnen, kleine Kinder: Im Crumlin Road Gaol in Belfast wurden sie alle wegsperrt. Insassen mussten mit Schlägen rechnen - und manch einer mit dem Galgen. Jetzt ist der einstige Horrorknast ein Museum. Ein Rundgang mit einem ehemaligen Häftling.

Belfast: Gefangen in der Vergangenheit Fotos
Winfried Dulisch

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Raymond Watson möchte zur Erinnerung mit seinem pinkfarbenen Ticket am Eingang zum Crumlin Road Gaol in Belfast fotografiert werden. "Als ich zum ersten Mal durch diese Tür ging, musste ich nichts bezahlen. Ich trug Handschellen, das genügte als Eintrittskarte." Gaol ist die britisch amtliche Bezeichnung für das Wort Gefängnis.

1978 wurde Watson in dieses Gaol, das gleich gegenüber dem Gerichtsgebäude an der Crumlin Road liegt, gesperrt. Der damals 20-Jährige war Mitglied der Irish Republican Army (IRA). Diese wollte die sechs nordirischen Grafschaften von dem Staatsgebilde Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland trennen und mit der Republik Irland vereinigen.

"Schreib nicht, dass ich ein Terrorist war!", sagt Watson. "Wir waren Freiheitskämpfer." Der Freiheitskampf endete 1998 mit dem Good Friday Agreement. Darin verpflichteten sich sowohl die IRA wie auch jene paramilitärischen Gruppen, die für einen Verbleib bei der britischen Krone kämpften, ihre Waffen niederzulegen. Das 1846 errichtete Gefängnis an der Crumlin Road in der nordirischen Hauptstadt wurde nicht mehr benötigt.

Ungefähr 25.000 Untergrundkämpfer beider Seiten hatten bis 1996 in dem Gefängnis Ihrer Majestät eingesessen. Seit den fünfziger Jahren diente der Knast offiziell als Untersuchungsgefängnis. "Ich saß hier 22 Monate. Ohne Anklage. Ohne Prozess", erinnert sich Watson. Danach wurde er zu zwölf Jahren Haft verurteilt wegen - wie er es heute nennt - politisch motivierter Militär-Aktionen gegen Großbritannien. Nach sieben Jahren wurde er vorzeitig entlassen.

Vom Krieg zur Kunst

Raymond Watson sagte sich von der IRA los und studierte Philosophie. Als bildender Künstler arbeitet er heute in aller Welt. Im Sommer 2012 ließen Watson und seine Helfer 10.625 unterschiedlich bemalte Flaggen an einer langen Leine über den proirischen katholischen und den probritischen protestantischen Vierteln von Belfast wehen. "Wir wollten damit zeigen, dass weder ein britischer Union Jack noch die orange-weiß-grüne Fahne der Republik Irland ausdrücken können, was wir Nordiren heute wirklich fühlen." Jede einzelne dieser Flaggen war von einem anderen Bewohner Nordirlands angefertigt worden.

Im Januar 2013 verlangten Demonstranten, dass der Union Jack wieder an 365 Tagen - und nicht nur an Staatsfeiertagen - auf dem Rathaus von Belfast wehen soll. Genau in dieser Zeit wurde das Crumlin Road Gaol wieder eröffnet - diesmal allerdings als Gedenkstätte und Museum. Raymond Watson gehörte zu den ersten Besuchern, die sich an der Kasse ein Ticket kauften. Die Führung ist etwas über eine Stunde lang und kostet umgerechnet knapp neun Euro.

"In diesem Verschlag musste ich 1978 bei geschlossener Tür warten, bevor ich registriert und in meine Zelle abgeführt wurde", erinnert sich der Ex-Insasse, als er den Eingangsbereich des liebevoll restaurierten Gefängnisses betritt. Einige Kritiker behaupten sogar, es sei viel zu liebevoll aufgehübscht worden.

Die Museumsführerin beschreibt, wie sich die Gefängnisnutzung im Lauf der Jahrzehnte wandelte: "Bis 1858 wurden hier auch Kinder eingesperrt. Vor dem Ersten Weltkrieg waren Frauenrechtlerinnen inhaftiert, deren kriminelle Handlung darin bestanden hatte, das Wahlrecht einzufordern."

Gräber an der Gefängnismauer

Die Dame berichtet auch vom dunkelsten Kapitel der Gefängnisgeschichte. "Hinter dieser Tür befindet sich die Hinrichtungskammer", sagt die Führerin und bleibt betont sachlich: "An dem Galgen wurden insgesamt 17 Männer aufgehängt, der letzte 1961." Weil die Gräber der Gehängten sich nicht zu Pilgerstätten entwickeln sollten, wurden die Leichen anonym neben der Gefängnismauer verbuddelt. Heute wächst Gras darüber - doch an der Mauer finden sich zahlreiche Schmierereien.

Raymond Watson kennt die Bedeutung dieser seltsamen Zeichen. "Die Markierungen wurden angebracht von Gefangenen, die von ihren Zellenfenstern aus beobachtet hatten, wo ihr Kamerad beerdigt worden war."

Der Knast verfügte auch über eine Folterkammer. Wer gegen die Gefängnisordnung verstoßen hatte, bekam dort einst Stockschläge. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wurden mit einem Birkenstock geschlagen. Für Erwachsene wurde ein härteres Holz verwendet.

Besuchen viele ehemalige Insassen heute das "Crum"? Die Museumsführerin verneint. "Aber ehemalige Bedienstete kehren oft hierhin zurück an ihren Arbeitsplatz und erinnern sich an die alten Zeiten."

Manch ein Besucher kommt jedoch nicht wegen aus Gründen der Nostalgie oder der Schauergeschichten, sondern wegen der kunstvollen Geländer und Stahlbögen, die auf den lichtdurchfluteten Gängen jetzt ungestört vom Knastalltag ihre Schönheit entfalten können. Architekturfans dürfen diese Relikte des viktorianischen Zeitalters heute besichtigen, ohne eine Straftat begehen zu müssen. Es genügt eine pinkfarbene Eintrittskarte.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
dk74 15.02.2013
..."Ich saß hier 22 Monate. Ohne Anklage. Ohne Prozess."... So wie ich in Moabit und tausende andere deutscher Häftlinge, Alltag in deutschen U-Haftanstalten. Grüße nach "Drinnen" und Durchhalten!
2. Man sollte diesen Horrorknast
ronald1952 15.02.2013
Zitat von sysopWinfried Dulisch IRA-Kämpfer, Feministinnen, kleine Kinder: Im Crumlin Road Gaol in Belfast wurden sie alle wegsperrt. Insassen mussten mit Schlägen rechnen - und manch einer mit dem Galgen. Jetzt ist der einstige Horrorknast ein Museum. Ein Rundgang mit einem ehemaligen Häftling. http://www.spiegel.de/reise/europa/crumlin-road-gaol-in-belfast-nordirland-tour-durchs-gefaengnismuseum-a-883320.html
einfach Abreißen, damit nicht vielleicht in Zukunft einer auf die Idee kommt, diesen Knast nochmals zu Aktivieren. Es gibt immer genug Blödmänner und Despoten die solche Ideen bekommen könnten. Man braucht kein Museeum der Qualen, es ist auch so in den Köpfen der Menschen verankert und das über Generationen. schönen Tag noch,
3. Artikel
hubertrudnick1 15.02.2013
Zitat von sysopWinfried Dulisch IRA-Kämpfer, Feministinnen, kleine Kinder: Im Crumlin Road Gaol in Belfast wurden sie alle wegsperrt. Insassen mussten mit Schlägen rechnen - und manch einer mit dem Galgen. Jetzt ist der einstige Horrorknast ein Museum. Ein Rundgang mit einem ehemaligen Häftling. http://www.spiegel.de/reise/europa/crumlin-road-gaol-in-belfast-nordirland-tour-durchs-gefaengnismuseum-a-883320.html
Ist dieser Artikel nun nur auf die Vergangenheit bezogen, oder könnte man das in gewissen Weise auf für heutige Zustände mit einbeziehen? Der eine sieht sich als Freiheitskämpfer, wogegen andere ihm als einen Terroristen verurteilen, es kommt immer auf die Sichtweite des Betrachter an und das durchzieht sich der gesamten Menschheitsgeschichte. HR
4. @dk74
itsjustbtmg 16.02.2013
Wenn sie tatsächlich zu Unrecht in Moabit einsaßen werden sie entschädigt worden sein. in diesem Fall sowie im Falle ihrer Schuld wäre ihr Beitrag überflüssig. Ich bin froh das es die deutschen Strafverfolgungsbehörden und nicht die irgendeiner Bananenrepublik waren die mal gegen mich ermittelte, alle die ständig am motzen sind haben doch Dreck am stecken und sind einfach nur bockig weil sie jetzt die Konsequenzen für ihre Gesetzesverstöße zu spüren bekommen. Denkt mal drüber nach weiß euch in anderen Ländern fürs gleiche Vergehen passiert wäre.
5.
thanks-top-info 16.02.2013
Der darf sich Freiheitskämpfer nennen, wenn er auf Gewalt verzichtet, zu Ehreren all derer, die keine Terroristen sein wollten, und gewaltfrei gekämpft haben
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