Da-Bach-Na-Fahrt Problembär im Waschzuber

"Patsch", ruft der Narr, "Nass!", die Zuschauer - und wieder ist der Kapitän eines bunt geschmückten Zubers baden gegangen. Beim feucht-fröhlichen Rosenmontagsumzug auf der Schiltach rauschen phantasievolle Themenboote den Bach hinunter - "da Bach na", wie es im Schwarzwald heißt.

Von Stephanie Wetzig


Ein süßlich-warmer Geruch von Sägespänen liegt in der Luft, ab und zu surrt eine Stichsäge. In einer der riesigen verwaisten Hallen der Uhrenfirma Junghans in Schramberg wird gehämmert und geschraubt, geklebt, gepinselt und gesägt. Badewannengroße Bottiche sind mit Wasser gefüllt, damit das Holz aufquillt und die Fugen dicht werden - wie bei Booten. Was die Zuber genau genommen auch sind, denn Wäsche haben die alten Kübel schon lange nicht mehr gesehen, und auch kein Schweineblut.

Die alljährliche Da-Bach-Na-Fahrt der Narren auf dem Kirchenbach, wie die Schiltach in Schramberg heißt, steht kurz bevor: Am Fastnachtsmontag, den 4. Februar werden die Zuber, teils schwer getuned mit Aufsehen erregenden Aufbauten aus Pappmaché und Dachlatten, den Kanal hinunter rauschen - "da bach na", wie es im Dialekt der ehemaligen Schwarzwälder Uhrenstadt heißt. An Bord sind jeweils zwei Da-Bach-Na-Fahrer, die der Narrenzunft Schramberg angeschlossen sind.

Zu dem feucht-fröhliches Riesen-Spektakel sind jedes Jahr weit mehr Zuschauer auf den Beinen, als Schramberg Einwohner hat. Fenster und Fremdenzimmer sind oft schon vom Vorjahr ausgebucht, an steilen Uferstellen halten sich Zuschauer an Bäumen fest. Dicht gedrängt stehen die Leute und feuern die Freizeitkapitäne an. Statt "Helau" und "Alaaf" heißt hier der Schlachtruf "Kanal – voll" – und das ist er immer, auch wenn das nächstgelegene Wasserkraftwerk in einem trockenen Winter nachhelfen muss.

"Bauer sucht Frau" im Zuber

Wie an Rhein und Main werden auch beim Rosenmontagsumzug auf dem Wasser immer wieder aktuelle Themen umgesetzt. Waren im vergangenen Jahr Braunbär Bruno und die Disneysche Piratentrilogie "Fluch der Karibik" der Renner, wollten in diesem Jahr zunächst gleich ein halbes Dutzend Teams die RTL-Serie "Bauer sucht Frau" thematisieren. Doch inzwischen haben einige umdisponiert, es lebe die Vielfalt. Nun reicht das Themenspektrum von Bahnstreik und Managergehältern bis Doping und Fernsehköchen.

Natürlich kreisen die Narren auch um sich. Die diesjährige Fastnacht ist die kürzeste seit Ewigkeiten. "So etwas gibt es nur alle 57 Jahre", weiß Rolf Bouchama. "Es ist ja fast noch Weihnachten", sagt der Grafikdesigner, der deshalb mit seinem Teamkollegen Thomas Dieterle als Nikolaus den Bach hinunterrutschten wird. Im vergangenen Jahr rasselte er als Jack Sparrow auf der Black Pearl mit dem Säbel, der Mast wurde bei jeder Unterführung umgelegt.

An Bouchamas Zuber sorgen leere Plastikkanister als Schwimmkörper für Stabilität und eine gute Wasserlage. Die ist enorm wichtig, denn kippt sein Gefährt unterwegs um, muss er den Zuschauern ein "Patsch" zurufen, welches diese genüsslich mit "Nass" beantworten. Viermal ist Bouchama bisher baden gegangen – eine gute Quote, macht er doch schon zum 14. Mal mit. Kommen die Bach-Na-Fahrer trocken durchs Ziel, lautet der Wechselruf "Furz" – "trocka".

Rund 40 Helfer vom THW und Freiwilliger Feuerwehr stehen jedes Jahr im Bach, um gekenterte Zuber wieder aufzurichten oder die Besatzung aus dem zwei bis vier Grad Celsius kalten Wasser zu fischen. Oft waten die ohnehin schon nassen Kanalfahrer neben ihren havarierten Dickschiffen bis ins Ziel, wenn sie Pech haben, die ganzen 500 Meter vom Start an.

Es begann vor 72 Jahren...

Das winterliche Freibad scheint abzuhärten: Da-Bach-Na-Fahrer werden relativ selten krank, haben zwei Schramberger Ärzte den Gaudi-Kapitänen bescheinigt. Doch Margit Kaiser traut dieser gesundheitsfördernden Maßnahme nicht. Auch wenn die Wirtin der "Schönen Aussicht" jedes Jahr eingeladen wird, weigert sie sich bisher, einen Zuber zu besteigen. Ihre Gaststätte, die sie seit mehr als 40 Jahren betreibt, ist das Vereinslokal der Bach-Na-Fahrer, die meisten kennt sie von Kindesbeinen an. "Seitdem mein Mann gestorben ist, führe ich die Wirtschaft alleine. Eine Krankheit kann ich nicht riskieren." Aber wenn sie mal aufhört, verspricht sie, will sie schon mal mitfahren.

Entstanden ist der Spaß aus einer Schnapsidee. 1936 war es, die Fastnacht wurde damals in Schramberg kaum gefeiert. Ein paar Narren hatten sich trotzdem zum Frühschoppen in einer Wirtschaft an der gerade erst kanalisierten Schiltach getroffen. Bei Bier und Schnaps kamen sie auf die Idee, das Gewässer im Zuber zu befahren. Angestachelt von diversen Wirten besorgten sich verschiedene Honoratioren Zuber und ließen sie zu Wasser - kurz bevor in den Fabriken die Arbeit begann. Die Werkbänke blieben an dem Tag leer, kaum einer erschien noch zur Arbeit, seitdem ist der Fastnachtsmontag in Schramberg arbeitsfrei.

Mittlerweile kommen Zehntausende Zuschauer. "Die kommen von überall her, aus Berlin oder sogar aus Schleswig-Holstein", sagt die Wirtin. Wenn die Zaungäste abgereist und die Party, die woanders Fasching oder Karneval, im schwäbisch-alemannischen Fasnet genannt wird, vorbei ist, werden die Zuber wieder abgetakelt. Ein Jahr lang trocknet das Holz aus, zieht sich zusammen und die Wannen setzen Staub an. Bis zur nächsten Fastnacht.



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