Roadtrip durch Europa Mit dem Bulli über den Balkan nach Bøstad

Ein alter Bulli, ein Dutzend Länder: Der Fotograf Peter Gebhard machte sich in einem roten VW-Bus auf den Weg von Istanbul zum Nordkap. Sein Buch über diesen Roadtrip ist eine Liebeserklärung an Europa.

Peter Gebhard/ Frederking & Thaler

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Die junge Josefina, die in einem albanischen Tal die deutsche Sprache lernte. Nur durchs Fernsehen, durch Kika und Super RTL. Ein Mönch, der auf dem griechischen Klosterberg Athos lebt. Zufrieden, stressfrei, für Gott. Eine Somalierin, die als Geflüchtete in einer Jugendherberge im schwedischen Örebro haust. Vergessen von den Behörden, versunken in Videospiele.

Von ihnen und vielen anderen Menschen erzählt das kürzlich erschienene Buch "Das große Bulli-Abenteuer" (Frederking & Thaler). Der reich bebilderte Band zeigt die Geschichte einer Reise in einem alten VW-Bus, die den Fotografen Peter Gebhard von Istanbul bis ans Nordkap führte. Es ist die Geschichte der Menschen, die er am Wegesrand traf. Und es ist die Geschichte von Europas Vielfalt - menschlich wie landschaftlich.

Und wie vielfältig die Natur zwischen Nordfriesland und Montenegros Kelmend-Gebirge ist, machen einem diese Fotos wieder einmal bewusst: Da wären Norwegens Fjorde, eine Küstenstraße an der Kroatischen Adria und Österreichs schneebedeckter Großglockner, über den sich die Hochalpenstraße windet. Da wären das Gewusel auf Istanbuls Gewürzbasar, die Moldau-Brücken von Prag und die längste Burganlage der Welt, die über der bayerischen Herzogstadt Burghausen thront.

Fotostrecke

15  Bilder
Von Istanbul zum Nordkap: Abenteuer Europa

Tausende Aufnahmen von Motiven wie diesen hat Peter Gebhard mit einer Drohne gemacht, die er bei seinem Roadtrip durch Südosteuropa, über den Balkan, durch Deutschland und bis nach Skandinavien dabeihatte. Dafür steuerte er die fliegende Kamera über eindrucksvolle Kulissen und setzte den knallroten T1, Baujahr 1975, in Szene. "Es hat etwas Kindliches, wie der Bulli da in der Landschaft steht", sagt Gebhard. In der Tat wirkt der T1 auf vielen Aufnahmen klein wie ein Spielzeugauto.

Mit 44 PS hat der Oldtimer nicht gerade viel Kraft. Gereicht hat es dennoch für 15.000 Kilometer Strecke von der Türkei über Italien bis zu den Lofoten. Die Fahrt war oft mühsam, das Kurbeln am Lenkrad erforderte mangels einer Servolenkung jede Menge Körpereinsatz - und im einspurigen Tauerntunnel viel Konzentration. "Zwischen der Betonwand und den entgegenkommenden Lastern ist nicht viel Platz", sagt Gebhard. "Ein falscher Schlenker - und das wäre das Ende gewesen."

Vom Gas runter gehen, entschleunigt unterwegs sein - das war die Qualität seiner Europatour. "Komfort ist was anderes", sagt Gebhard. Sein Bulli hat weder ABS noch eine Knautschzone, die ihn bei einem Unfall gerettet hätte. Doch Widrigkeiten auf Reisen ist der 57-jährige Paderborner gewohnt. "Beim Interrail früher hab ich im Gepäcknetz geschlafen."

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Peter Gebhard:
Das große Bulli-Abenteuer

Mit 44 PS von Istanbul ans Nordkap

Frederking & Thaler Verlag GmbH; 192 Seiten; 39,99 Euro.

Peter Gebhard ist ein Reisesüchtiger, der viel herumgekommen ist und umfangreiche Fotoprojekte in Südamerika umgesetzt hat (auf der Panamericana, in Patagonien und in Rio de Janeiro). Doch dieses Mal ist ein Buch herausgekommen, das Sehnsucht nach der Nachbarschaft entfacht. Das Nahweh statt Fernweh auslöst. "In Deutschland kennt man eher Dubai, Kuba oder Bali als den Böhmerwald, Friaul oder Thrakien", schreibt der Autor. "Dabei haben diese Regionen auf ganz unterschiedliche Art und Weise Europas Werdegang beeinflusst."

Besonders beeindruckt haben Gebhard Geschichten, die sich nicht in allzu weiter Ferne abspielten. In der Lausitz lernte er völlig unerwartet das traditionelle Johannisreiten kennen - "ein Fruchtbarkeitsritual, das man eher im Urwald Südamerikas erwartet". Dabei galoppiert ein Mann in blauem Kornblumenkostüm durch ein Kiefernwäldchen, umgeben von Mädchen und Frauen in Trachten, und verwandelt sich nach einem wilden Ritt scheinbar in ein mystisches Fabelwesen. Bei dem Spektakel fliegen Seerosen und Kartäusernelken durch die Luft, eine johlende Meute stürzt sich auf des Reiters Maske aus Binsen und Blumen.

"Das hat was von der Exotik bei einem Ritual in Amazonien", sagt Gebhard, für den sein Buch auch ein Appell an alle Reisenden ist: "Macht die Augen auf und lasst euch vom Facettenreichtum vor der Haustür überraschen."

"Wir haben alle so viel miteinander zu tun"

"Ich habe bei dieser Reise gelernt, meine direkte Umgebung, aber auch Europa noch mehr zu schätzen", sagt der Fotograf. Für ihn war der T1-Trip auch eine "Spurensuche, in der es um Identität geht". In Zeiten von an Zuspruch gewinnenden Rechtspopulisten, in Zeiten, in denen der Kontinent politisch auseinanderzubrechen droht, ist es für den Fotografen wichtig, sich "unseres gemeinsamen gesellschaftlichen Fundaments bewusst" zu werden. "Wir dachten doch damals bei der Deutschen Einheit, alles werde nun zusammenwachsen, alles werde gut", sagt Gebhard. Selbstverständlich ist das längst nicht mehr.

Die Stippvisiten bei Leuten, die ihm zuvor unbekannt waren, waren für Gebhard wahre Mutmacher. "Durch meine Europareise fühle ich mich mit sehr vielen Menschen in einem Dutzend Ländern verbunden", sagt er. "Wir haben so viel miteinander zu tun."

War die Reise ein unvergessliches Erlebnis? Ein Abenteuer, das noch lange nachhallt? Ja, sagt Gebhard. Aber vor allem war sie die "Entdeckung der Heimat".

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
beethoven79 30.11.2016
1. Mit Bulli zum Nordkap
Na und? Ich bin schon 1976 mit meinem alten Bulli von Muenchen zum Norkap, weiter nach Finland und Schweden gefahren. Dann zurueck und weiter nach Istanbul, Izmir, Bodrum, Rhodos, Kreta, Santorini, Paros, Ios, Mykonos, Delos, Sparta und Korfu gefahren. Dann wieder zurueck nach Muenchen.
torben40, 30.11.2016
2.
Tatsächlich Baujahr 1975? Der T1 wurde 1967 durch den T2 abgelöst. Ansonsten sehr schöne Fotos und sicherlich eine tolle Reise. Ich bekomme an den Gedanken an so eine Reise allerdings automatisch Rückenschmerzen.
bissig 30.11.2016
3.
Mit 44 PS hat der Oldtimer nicht gerade viel Kraft. Gereicht hat es dennoch für 15.000 Kilometer Strecke von der Türkei über Italien bis zu den Lofoten. Die Fahrt war oft mühsam, das Kurbeln am Lenkrad erforderte mangels einer Servolenkung jede Menge Körpereinsatz - und im einspurigen Tauerntunnel viel Konzentration. "Zwischen der Betonwand und den entgegenkommenden Lastern ist nicht viel Platz", sagt Gebhard. "Ein falscher Schlenker - und das wäre das Ende gewesen." Och Leute, stellt doch mal jemanden ein für solche Themen, der sich auskennt mit der Materie. 44PS sind durchaus genug, mit so einem Auto wil auch keiner mit 200 über die Autobahn brausen. Und zur Lenkung: die dürfte einfacher sein als in Limousinen ohne Servolenkung - der Motor ist nämlich hinten, und die Lenkräder waren damals auch grösser als heute (da reichte der grössere Hebelweg als Servo). Das ist ungefähr so, als ob man bemängelt, dass es in den Renaissance-Schlössern keine Fussbodenheizung gibt. Und in Tunneln muss man auch mit heutigen Autos aufpassen - vor allem, da heutige PKWs breiter sein dürften. Ansonsten: Respekt.
bissig 30.11.2016
4.
Zitat von torben40Tatsächlich Baujahr 1975? Der T1 wurde 1967 durch den T2 abgelöst. Ansonsten sehr schöne Fotos und sicherlich eine tolle Reise. Ich bekomme an den Gedanken an so eine Reise allerdings automatisch Rückenschmerzen.
VW do Brazil hat ihn bis 1975 gebaut - und laut Text ist der T1 aus Brasilien. Ich habe mich auch erst gewundert.
movfaltin 30.11.2016
5. Toll!
Tolle Bilder, bestimmt auch eine tolle Reise - wobei ich ja doof finde, dass die ganzen Bilder wohl aufwendig gestellt worden sein müssen! Mach jedenfalls Spaß auf mehr! Und zeigt tolle Aspekte Europas.
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