DeutschlandReise Auf der Suche nach der Vier

Im mecklenburgischen Alt Rehse soll es Häuser geben, die im Jahr vier erbaut wurden, schreibt ein User ins Forum von deutschlandReise. Wir haben nachgesehen. Gefunden haben wir nicht nur eine Geschichte zur Vier, sondern vier Geschichten zu Alt Rehse.


Roadmovie: Unterwegs zu den Tipps der Forum-Leser
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"Haus Württemberg, erbaut im Jahre 4." Tatsächlich, da steht es. Ein User hat uns davon erzählt, glauben können wir es erst jetzt. Eingeritzt ist die Inschrift in den Türsturz eines mit Reet gedeckten Doppel-Fachwerkhauses. "Haus Baden" daneben ist auch schon fast 2000 Jahre alt. Dafür sieht es aber eigentlich noch ganz frisch aus. Dem müssen wir auf den Grund gehen. Munter fingen die Kühe an zu muhen, als sie am Morgen den nahenden Traktor hörten. Wir musterten den blonden Mann auf dem Sitz seines Gefährts der Marke Belarus. Ob der Bauer das wohl lustig findet, dass wir uns mit den Wagen auf sein Feld gestellt haben und zwischen seinen Heuballen Frühstücks-Golf spielen? Bauer Marco hatte damit aber kein Problem. In mit Platt eingefärbten Sätzen erklärte er uns den Weg runter zum nahen Tollensesee (Waschen!!) und half uns auch bei der Frage nach dem ominösen Baujahr der Häuser. "Das mit der Vier habt ihr noch nicht rausgekriegt?", sagte er und schmunzelte über die Frage: "Klingelt doch mal beim Bürgermeister." Den wollen wir nun besuchen.

Tollensesee in Mecklenburg: Herbstliches Morgenbad zum Wachwerden
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Vorher müssen wir aber noch Kaffee uploaden. Vom Garten des Landgasthofes "Rethra" gucken wir uns um: Ausflügler, die den Tag der Deutschen Einheit auf dem Fahrrad verbringen. Der grünlich trübe Dorfteich. Die Kirche mit Fachwerkturm und kleinen Friedhof. Und die Fachwerkhäuser der 350-Seelen-Gemeinde eben. 2000 Jahre alt? Nicht ganz, aber fast, erklärt uns die Speisekarte. Die erste urkundliche Erwähnung von Alt Rehse datiere auf das Jahr 1182, erläutert eine Kurzchronik. Vermutlich sei das Dorf aber viel älter. Hier sei nämlich der doppelköpfige Götze aus dem 12. Jahrhundert gefunden worden, dessen Nachbildung neben der Tür steht und uns anglotzt. Die Figur sei ein Indiz dafür, dass die Fischerinsel im Tollensesee vor Rehse der Sitz "des sagenumwobenen Rethra" war. Rethra? Und was haben die Fachwerk-Fossilen mit Doppelkopf-Götzen zu tun? Wir müssen schleunigst zum Bürgermeister. Norbert Wagenknecht lebt im Haus Dresden, das sogar "erbaut im Jahre 3" ist. Und natürlich nicht antik. "Im Jahre drei nach '33", erklärt Bürgermeister Wagenknecht. Viel mehr könne uns aber sein Vorgänger Wolfgang Köpp erzählen, sagt Wagenknecht und kündigt uns telefonisch an: "Köppi, du als unser Dorfchronist kannst das doch besser, können die vorbeikommen?" Der Besuch ist willkommen. "Es werden so viele Gerüchte und Legenden in die Welt gesetzt", sagt Wolfgang Köpp im wildromatischen Garten hinter seinem "Haus München". Auf dem Tisch liegt das Buch "Alt Rehse", das Köpp 1999 veröffentlicht hat. Der 59 Jahre alte Ex-Bürgermeister, der bis 2001 zehn Jahre lang die Geschicke von Alt Rehse lenkte, atmet tief durch: Die Geschichte von Alt Rehse also. "Als das Dorf 1935 abgerissen und als Musterdorf neu aufgebaut wurde, bekamen alle Häuser Namen und die Jahreszahlen. Das Tausendjährige Reich begann mit dem Jahr eins, also ist das vierte Jahr 1936." Doch die Geschichte der Vier besteht vielmehr aus vier Geschichten, wie wir erfahren.
Alt Rehse: Fachwerkhäuser aus dem "Jahre vier"
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Geschichte eins handelt von einem heiligen Ort. "Um das Jahr 200 nach Christus siedeln sich die ersten slawischen Stämme, Pommeraden und Wenden, in der Gegend um Rehse an", erklärt uns Köpp mit tiefer Erzählerstimme. Auf der heutigen Fischerinsel bauen sie ein Heiligtum, Rethra, das über Jahrhunderte auch politisches Zentrum der Region ist. Bis Lothar I. Rethra 1125 niederbrennt und Heinrich der Löwe die Region mit Feuer und Schwert christianisiert. Erstmals erwähnt wird Alt Rehse als "Heiliger Ort" bereits 1170, korrigiert Köpp die Speisekarte, auf der Ländereienliste eines Klosters. Geschichte zwei. Mit kurzen Stopps bei Ferdinand von Malzahn und anderen Fürsten landet Köpp im 20. Jahrhundert: "Dann kommen die Nazis." 1935 wählen die Nationalsozialisten Alt Rehse aus und errichten ein "Musterdorf" für die Landarbeiter und die "Führerschule für Deutsche Ärzte" des Ärztebundes im ehemaligen Schlosspark. Die Häuser der Arbeiter werden nach deutschen Regionen benannt, weil Ärzte aus diesen Gauen monatlich für den Erhalt der Häuser "spenden" müssen. Auf dem verwunschenen, 25 Hektar großen Parkgelände mit verschlungenen Wegen, Apfelbäumen und Fachwerkhäusern wurden die Mediziner auf die Rassenideologie der Nazis eingeschworen: "DIE Euthanasieschule des Dritten Reiches", sagt Köpp. Hitlers Vertrauter Martin Bormann war regelmäßiger Gast in Alt Rehse, berichtet Köpp und erzählt, wie harmlos ältere Dorfbewohner den Chef-Nazi beschreiben: "Er ritt über die Felder, verteilte Zigaretten an die Männer und erzählte den Frauen Witze."
Mecklenburger Idylle: Vier Geschichten - für den Anfang
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In Köpps Garten summen Insekten zwischen den Pflanzen, irgendwo bellt ein Hund. Auch Geschichte drei hat damit zu tun, dass ein politisches System seine Spuren in den Boden eines kleinen Dorfes gräbt. Nach 1945 zog in die Gebäude der NS-"Mediziner" das "Zentrale Vertriebenen-Waisenheim" ein. Köpp hörte einmal eine Besucherin sagen, dies sei das "Kinder-KZ der DDR" gewesen. Was schlicht eine Lüge sei: "Das Heim wurde von jungen Muttis geführt, die ich alle noch gekannt habe. Als die Kinder hier ankamen, hatten sie das Lachen verlernt. Hier haben sie es wieder gekonnt." Köpp macht eine längere Pause, und uns erscheint das Dorf-Idyll immer doppelbödiger. Doch es fehlt noch die letzte Geschichte, und die hat natürlich mit dem heutigen Tag zu tun. "Nach der Wende fielen hier auf einen Schlag 110 Arbeitsplätze weg", sagt Köpp. Kurz nach der Wiedervereinigung meldete sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung, Rechtsnachfolgerin des Ärztebundes, und forderte die Fachwerkhäuser zurück. In dieser schwierigen Zeit übernahm der Tierarzt Köpp als Parteiloser das Amt des Bürgermeisters und startete mit Alt Rehse in die Zukunft. "Wir haben einen Beschäftigungsverein gegründet, zehn Kilometer Allee und acht Kilometer Hecken gepflanzt, einen dreieinhalb Kilometer langen Naturlehrpfad und eine Mountainbike-Strecke gebaut, die anspruchsvollste in Norden", sagt Köpp stolz. 1995 wurde Alt Rehse mit dem ersten Preis des Wettbewerbs "Unser Dorf soll schöner werden" ausgezeichnet. 1998 entschieden Gerichte: Die Häuser gehören ihren Bewohnern. Das Dorf ist heute um einige respektable Neubauten gewachsen, hat die Internetseite www.altrehse.de und bemüht sich um "vorsichtigen Tourismus", wie Köpp es nennt.
Weiter geht's: Welche Abenteuer bringt der morgige Tag?
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Das Bürgermeisteramt musste er abgeben, die Gesundheit macht nicht mehr mit. Stattdessen verkauft Köpp den Honig aus seiner eigenen Imkerei und schmiedet Pläne für das geschichtsbeladene Parkgelände. "Ich würde dort gerne einen europäischen Forschungsstandort für Medizin-Ethik einrichten", erzählt der Ex-Bürgermeister. Aber bisher haben Investoren noch kein Interesse - viel zu komplizierte Geschichte. Ein Freund hat derweil für uns nach Alt Rehse im Internet recherchiert. Die Suchmaschine habe über 300 Einträge gefunden, telefoniert er durch. In einigen tauche das Dorf zusammen mit dem Stichwort Swinger-Club auf. Ein Swinger-Club? Im prämierten Idyll-Dorf?? Wir finden, vier Geschichten sind für einen Tag wirklich genug.



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