Deutschlands nördlichster Skilift: Zwanzig Sekunden im Schneerausch

Von Oliver Lück

168 Meter hoch ist der höchste Berg Schleswig-Holsteins. Hier betreibt Horst Schnoor den nördlichsten Skilift Deutschlands – seit 38 Jahren. Was auf dem Bungsberg allerdings meist fehlt, ist nicht ganz unwichtig: der Schnee.

Das Thermometer ist auf fünf Grad gestiegen. Sturmböen fegen vom Meer herüber. Es regnet auf sattgrüne Wiesen. Die Voraussetzungen im nördlichsten deutschen Wintersportgebiet könnten an diesem Tag kaum schlechter sein. Der Bungsberg ist mit 168 Metern mehr denn je ein einsamer Hügel im norddeutschen Flachland. Kein Spaziergänger hat sich auf den höchsten Berg Schleswig-Holsteins zwischen Lübeck und Kiel verirrt. Die Kühe, die vom Frühjahr bis Spätherbst hier grasen, sind im Stall.

Einzig ein Mann steht dort oben und deutet in die Ferne. "Bei guter Sicht kann man von hier die Schiffe auf der Ostsee sehen", sagt Horst Schnoor, "wir sind stolz auf unseren Berg – auf jeden Meter." Er zieht sich die mit Fell besetzte Mütze ins Gesicht, überprüft zunächst den Motor, dann das Stahlseil, das traurig im Wind wackelt. "Das sind die Bügel, an denen sich die Leute festhalten können", erklärt er. Es erschließt sich einem nicht sofort, dass das, was dort 200 Meter weit den Hang hinunterführt, ein Skilift sein soll. Denn das, was fehlt, ist ganz entscheidend: der Schnee.

Anfang November bereits hatte Horst Schnoor den Lift installiert und die Weidezäune abgebaut. Seit 38 Jahren betreibt der Landwirt aus Schönwalde am Bungsberg gemeinsam mit seinem Nachbarn Heinrich Schröder den nördlichsten deutschen Skilift.

Zehnerkarte für 6 Euro

2500 Menschen leben in dem kleinen Ort in der Holsteinischen Schweiz. Die Gemeindeverwaltung hatte den Schlepplift für 20.000 Mark bei einer Firma in Grabenstätt am Chiemsee gekauft und den beiden anvertraut. Denn ihnen gehört die Koppel auf der Südflanke des Berges, der "Schusshang", wie Schnoor selber sagt. Viele Betriebsstunden hat der Lift seither noch nicht hinter sich. Schneefreie Winter sorgten immer wieder dafür, dass sich die Grasnarbe stets gut erholen konnte.

"Es gab Jahre, da hatte ich kaum noch Lust das Ding überhaupt aufzubauen", gesteht der 70-Jährige. Denn meistens muss er alles wieder auf den Hänger laden und in die Scheune bringen, ohne dass der Generator für die kleine Seilbahn auch nur einmal angeschmissen werden konnte.

Doch auch in diesem Jahr sind die Skipässe wieder gedruckt, der Glühwein und die Würstchen für die Après-Ski-Party sind vorbestellt. Der alte Campingwagen, in dem Schnoor und Schröder sitzen und die Tickets verkaufen werden, steht auch schon als "Talstation" bereit.

Eine Zehnerkarte kostet 6 Euro, ein Ticket für 20 Liftfahrten 8 Euro, eine Tageskarte 10 Euro. "Mit den Preisen haben wir etwas angezogen", sagt Schnoor, "wird ja nichts billiger." Auf der Rückseite der Pässe steht auch die Telefonnummer des Landwirts, unter der man sich stets nach den Schneeverhältnissen erkundigen kann. In den letzten beiden Wintern hat niemand angerufen.

Umso aufmerksamer verfolgt Horst Schnoor an kalten Abenden die Wettervorhersage. Denn schon am nächsten Morgen könnte es soweit sein. "Ich spüre es, wenn es Schnee gibt", sagt er. So wie im Januar vor fünf Jahren, als man am Bungsberg bessere Wintersportbedingungen als in Bayern hatte. "Null Zentimeter im Süden, fast zehn bei uns", freut er sich heute noch.

Fast drei Wochen war der Lift durchgängig in Betrieb. Davor hatte er fünf Jahre lang still gestanden. Nun aber kamen an manchen Tagen mehr als 2000 Skifahrer, Snowboarder und Rodler auf den Berg. Sogar Familien aus dem Harz und Dänemark seien damals angereist. "Es herrschte das totale Verkehrschaos", erinnert sich Schnoor, "auch am Lift war ständig Stau." Der schafft nämlich nur rund 600 Menschen in der Stunde.

Acht Tage Skilift-Betrieb vor drei Jahren

Bei beeindruckenden 17 Prozent Gefälle dauert die Abfahrt den 300 Meter langen Hang hinunter nur etwa 20 Sekunden. "Manchmal bauen wir auch einen Slalom auf, dann ist man eine halbe Minute unterwegs." Wer allerdings nicht in gemütlichen Schwüngen die Piste hinunter gleitet, hat bereits nach wenigen Sekunden den Stacheldrahtzaun am Ende der Koppel erreicht. Und dann steht man schon wieder in der Schlange zum Lift, manchmal fünf Minuten oder länger, und eine weitere Minute hinauf bis zum Gipfel.

Vor Jahren überlegte Horst Schnoor, eine gebrauchte Schneekanone anzuschaffen. Den Kostenvoranschlag hatte er sich schon geben lassen. Sobald die Temperatur unter ein Grad minus sinkt, hätte er damit Weiß auf Vorrat produzieren können. "Es wäre schön, manchmal etwas nachhelfen zu können", sagt er. Doch der Preis von fast 50.000 Euro verhinderte den Schnee aus der Retorte. Nun überlegt er, einen zweiten Lift zu installieren. "Einen für Schlitten."

Dass die Folgen der Klimaerwärmung die Schneefallgrenze steigen lassen und der norddeutschen Tiefebene schon bald überhaupt keinen weißen Winter mehr bescheren könnten, möchte Schnoor nicht glauben: "Vor fünf Jahren hatten wir so viele Schneetage wie seit Ende der Achtziger nicht mehr." Und vor drei Wintern seien immerhin auch acht Tage dabei gewesen. Jede Minute habe man damals genutzt, so der Liftwirt, "von morgens bis es dunkel war".

Die Hoffnung mag Horst Schnoor daher auch für diese Saison nicht aufgeben: "Der Winter kann kommen, wir sind gerüstet." Bis April wird der Lift stehen bleiben – wie in jedem Jahr. Es könnten schließlich noch einige weiße Tage dabei sein. "Daran glaube ich wirklich", sagt der Landwirt. Und der Glaube soll ja bekanntlich sogar Berge versetzen.

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