EM-Hotel der deutschen Mannschaft Wo Poldi und Özil vom Titel träumen

Gediegener Luxus, Ruhe und frische Ostseeluft: Der deutschen Fußballnationalmannschaft soll es in ihrem EM-Domizil Dwór Oliwski nahe Danzig an nichts fehlen. Die Küche will lokale Spezialitäten auftischen. Nur im Jacuzzi könnte es Abstimmungsprobleme geben.

Helge Bendl

Von Helge Bendl


Der Weg ins Refugium ist holprig. Er führt über Kopfsteinpflaster, das hier schon seit Jahrhunderten liegt und durch die Schlaglöcher des letzten Winters. Wind rauscht im ergrünten Buchenwald. Zwischen Fischteichen und Schrebergärten plätschert ein Bach, was die Idylle komplettiert. Vom Vorort Oliva in die Stadt sind es nur ein paar Kilometer, doch Danzig scheint trotzdem ganz weit weg.

Das Fünf-Sterne-Hotel Dwór Oliwski befindet sich in einem Gutshof aus dem 18. Jahrhundert. Hier empfängt Anna Brzozowska-Baran demnächst die Spieler und Funktionäre der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Ab dem 4. Juni haben sie hier ihr Teamquartier gebucht, bald werden Kameraleute und Reporter Tag und Nacht um das Anwesen schleichen. Noch allerdings hat Hotelchefin Brzozowska-Baran, eine stilsichere Dame in Kostüm und Stöckelschuhen, Zeit für einen Kaffee und für einen Ausflug in die Geschichte der Region.

"Im 12. Jahrhundert haben sich hier Zisterzienser-Mönche niedergelassen und in Oliva nicht nur ein Kloster und eine Kirche gebaut, sondern auch den Wald in der Umgebung gerodet, um Landwirtschaft zu betreiben", erzählt die 59-jährige Architektin. Sie hat recherchiert, dass später der Danziger Geschäftsmann Jakob Schwabe große Teile der Felder und Mühlen der Region übernahm - und man das Tal deswegen als Schwabenthal kannte.

Kaffee und Kuchen im Schwabenthal

Im 19. Jahrhundert war die Gegend, die zwischen Danzig und dem Seebad Zoppot liegt, dann ein beliebtes Ausflugsziel für die Bürger der Stadt. Sie gingen hier im Wald spazieren oder paddelten im Ruderboot über die Teiche. Auch Postkarten konnte man verschicken vom Gutshaus Schweizerei Schwabenthal, wo es erst nur Kaffee und Kuchen gab und später sogar ein richtiges Restaurant.

Der Zweite Weltkrieg beendete das fröhliche Treiben, das Gut verfiel zur Ruine. 1997 übernahmen Brzozowska-Baran und ihr Mann das Areal, um es zu einem Hotel auszubauen - zuvor hatte sich das Team mit der Restaurierung des berühmten Uphagen-Hauses in Danzig einen Namen gemacht. "Niemand wollte den Hof haben - er war komplett verfallen. Doch immerhin konnten wir einen Teil der Stuckdecke retten und eine Rokoko-Balustrade."

Sie starteten mit nur 14 Zimmern, bald waren es 40. Und inzwischen gibt es 70 Zimmer und Suiten, einen Spa-Bereich mit zwei Saunen, Jacuzzi und Schwimmbecken, sowie ein Konferenzzentrum. Damit ist Brzozowska-Baran in der Gegenwart angekommen. Nur eines fehlt jetzt noch: "Einen Zaun werden wir noch bauen müssen, blickdicht und mindestens vier Meter hoch", sagt sie. Damit die Kamerateams und Fotografen nicht sehen können, was sich auf dem Gelände abspielt. Und damit die prominenten Gäste aus Deutschland, die in wenigen Tagen anreisen, ihre Ruhe haben.

Die Zimmer sind in einem schlichten Landhausstil in Beige- und Weißtönen eingerichtet - eine gelungene Mischung aus Cape Cod und Provence. Im restaurierten Gutshaus sind Bar und Restaurant untergebracht, die Zimmer liegen in den reetgedeckten Anbauten. Wo Trainer Jogi Löw übernachten wird und wo Mannschaftskapitän Philipp Lahm, weiß bislang nur der DFB. Die schönsten Zimmer mit den breitesten Betten sind jedenfalls die unter dem Dach.

Laut Uefa ideales Team-Hotel

In einer Analyse des Fußballverbandes Uefa hatte das Hotel Dwór Oliwski den Spitzenplatz aller untersuchten Team-Unterkünfte in Polen und der Ukraine belegt. Nicht nur Repräsentanten des Deutschen Fußballbunds (DFB), sondern auch Vertreter der französischen, spanischen und schwedischen Elf statteten dem abgeschiedenen Landgut daraufhin einen Besuch ab.

Alle Clubs hatten also eine faire Chance, doch die Deutschen reagierten am schnellsten: "Der DFB hat unser Anwesen für vier Wochen gebucht, bis zum Finale am 1. Juli", sagt Brzozowska-Baran. Während der EM dient nun das komplette Areal dem deutschen Team als Basis und Rückzugsort. Einen eigenen Trainingsplatz richtet die Gemeinde extra ein, 200 Meter vom Hotel entfernt.

Die Fußballer werden sich jedoch nicht nur auf dem Spielfeld abstimmen müssen. Sondern auch beim Saunagang und dem Sprudelbad im Jacuzzi, weil hier nur die halbe Mannschaft Platz hat - wenn sie eng zusammenrückt. Der Fitnessraum ist noch winziger. Aber dafür gibt es ein großes Schwimmbecken - und für ganz Mutige auch das Staubecken der ehemaligen Mühle, das man sich aber mit einer Schar Enten teilen muss.

"Um zwischen den Spielen durchzuatmen und sich auf das nächste Match zu konzentrieren, sind die abgeschiedene Lage des Hotels und die frische Ostseeluft genau das Richtige für das Team", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach auf einer Pressekonferenz. Auch die Nähe zum Danziger Flughafen dürfte eine Rolle gespielt haben: Die Anreise zu den Vorrundenspielen der deutschen Mannschaft in der Ukraine, nach Lemberg und Charkiw, lässt sich so einfach organisieren.

Fernsehverbot für Mitarbeiter

Ein "Heimspiel" in Danzig, wo die Spielerfrauen in der Innenstadt unterkommen werden, ist auch möglich für die deutsche Elf: Geht sie aus den drei Begegnungen der Vorrunde als Gruppensieger hervor, spielt sie im Viertelfinale im Stadion der Bernstein-Stadt gegen den Zweitplatzierten der Gruppe A. Und das könnte, sollte sich das Team wacker schlagen, sogar Polen sein.

Darf denn das Hotelteam in einem solchen Fall während der Arbeit das Match der Fußballer im Fernsehen verfolgen? "Natürlich nicht", antwortet Maja Lubomaska-Palarczyk, PR-Managerin des Hotels, halb entrüstet, halb belustigt. Sie kenne eben nicht jede Ecke in der Küche, in der man einen kleinen Fernseher verstecken könne, sagt ein Mitarbeiter schmunzelnd.

Während die elf deutschen Profis auf dem Rasen ihr Bestes geben werden, wird ein 14-köpfiges polnisches Profiteam in der Küche arbeiten. In den EM-Wochen muss Küchenchef Marcin Kowals die Regie allerdings an einen deutschen Kollegen abgeben, den Koch der Fußball-Nationalmannschaft. "Wir haben oft Kollegen zu Gast und arbeiten immer gut zusammen - das wird auch diesmal klappen", meint der 34-Jährige. "Ich hoffe aber schon, dass es nicht nur Braten mit Soße geben wird, sondern dass wir auch ein paar lokale Spezialitäten auf den Tisch bringen können."

Zwar ist der genaue Menüplan des Buffets, von dem sich Jogi Löw und sein Team bedienen werden, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Doch Kowals ist optimistisch, dass er neben allerlei Pasta-Gerichten und Salaten auch viel frischen Ostseefisch servieren kann, zum Beispiel Pomuchel, den lokalen Dorsch. Restriktionen gibt es aber auch: "Für die Saucen dürfen wir leider keinen Alkohol verwenden - da sind die Vorgaben äußerst strikt."

Bei allem Urlaubsgefühl in der Nähe des Meeres: Sollte das Mittagessen mal etwas fad schmecken, werden sich die Spieler schnell wieder erinnern, dass sie nicht zum Spaß in Polen sind - sondern um den Titel zu holen.

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spiegel_leser123 24.05.2012
1. nur schoener schein!
dieses hotel wurde von hoteltestern des fachmagazin „top-hotel“ vom 23.maerz bis 25. maerz 2012 getestet. der test-bericht ist oeffentlich – und hier unter diesem link fuer jeden frei nachlesbar: http://www.tophotel.de/20-news/362-schoener-schein.html
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