Die Italiener und ihr Stockfisch: Ende der Trockenzeit

Von Susanne Frömel

3. Teil: Genua ist alles, was die Lofoten nicht sind

Italien-Norwegen: Die Stockfisch-Connection
Fotos
Roger Hagmann

Am Abend serviert Ragnar frische Flunder, in Meerwasser gegart. Dazu gibt es neue Kartoffeln, Möhren und zerlassene Butter mit Eiwürfelchen. Vilde, die 14-jährige Tochter von Ragnar und seiner Frau Grethe, sitzt schmollend am Tisch, stopft Würstchen in die Backentaschen, dazu Ketchup und Toastbrot. "Verdammter Fisch, ich kann ihn nicht mehr sehen." Sie flucht über die Qual, 14 zu sein, da helfen auch die Würste nicht.

Maria Cristina Rizzi, drüben am Fenster. "Stört es, wenn ich rauche? Es ist albern, ich habe ja erst mit 20 angefangen. Und mit 30 habe ich das erste Mal Wein getrunken. Es würde mich wirklich nicht wundern, wenn ich mit 80 heiraten würde. Ich mache alles etwas zeitverzögert." Sie pafft kleine Wölkchen vor sich hin, Ragnar, der erst sechs Wochen zuvor aufgehört hat, sieht angestrengt woanders hin.

Eigentlich wären sie ein schönes Paar, Ragnar und Maria Cristina. Die ideale Verflechtung von Nord und Süd, von Business zu Business. Sie kennen sich, seit sie 15 und er 17 war. Ihre Großeltern haben ja bereits Geschäfte miteinander gemacht, und später saß Maria Cristinas Mutter mit der von Ragnar auf der Terrasse und blickte aufs Meer hinaus, kurz bevor er geboren wurde. "Wir haben noch nie gestritten", sagt Maria Cristina, "das ist doch eigentlich komisch." "Wir sind eben beide sehr tolerant", sagt Ragnar, der nicht gerade ein geschwätziger Mann ist, "daran muss es wohl liegen."

Unten am Steg lässt sich Ragnars kleines Boot von den Wellen gegen den Steg schaukeln. Wenn ihm nach noch mehr Stille ist, fährt er raus aufs Meer, angelt dort ein paar Fische fürs Abendessen. Um diese Jahreszeit ist der Himmel selbst um Mitternacht nicht richtig dunkel. Noch ist der Winter weit weg, die Zeit, wenn für zwei Monate das Licht ausgeht.

Dunkelheit im Winter, Mangel an Zerstreuung

Über Nacht ist es warm geworden, 18 Grad, fast eine Hitzewelle. Die Luft ist drückend, über den Inseln liegt schwerer Dunst wie ein Deckel. Ragnar wartet am Auto, eine 1971er Mercedes-Limousine, die früher Carlo Alberto Rizzi gehört hat. Endlich kommt auch Maria Cristina, einen schäbigen Plastikkoffer hinter sich herziehend. "Was schauen Sie so?", sagt sie. "Ich weiß, dass ich aussehe wie eine Albanerin. Aber das Ding ist todsicher. Ich könnte Goldbarren darin transportieren, und niemand würde auf die Idee kommen, den Koffer zu öffnen. Riechen Sie mal daran, wie der nach Fisch stinkt!" Ragnar wuchtet den Koffer in den Fond. Der Mercedes zuckt unter dem Gewicht zusammen. Neben dem Nummernschild ist eine CC-Plakette angeschraubt, "Corps Consulaire". Maria Cristina Rizzis Vater war Honorarkonsul der Republik Island, ein aus Fischhandelsbeziehungen entstandenes Amt, das die Tochter übernommen hat. "Ich helfe den armen Touristen, wenn sie mal wieder jemand ausgeraubt hat", sagt sie. "Na, nicht, dass es mir jemand danken würde. Früher hieß es immer: So, so, Island, dieses schreckliche Walschlächterland. Dann hieß es: Ach, Island, wie schön es da ist. Und inzwischen sagen die Leute: Pfui, die Isländer, die haben mir mein Geld gestohlen!"

Das Flugzeug verlässt Svolvær pünktlich. Es regnet in Strömen, die grünen Inseln und die zerfressen aussehende Küstenlinie verschwinden im Nebel.

Genua ist alles, was die Lofoten nicht sind. Braun und staubig, heiß und unglaublich laut. Maria Cristina Rizzis Büro liegt im achten Stockwerk eines hässlichen Gebäudes im Zentrum. Vor den Fenstern breitet sich die Innenstadt aus, man sieht die Kathedrale an der Via San Lorenzo. Innen sind die Wände mit alten Seekarten behängt. Es ist still, die meisten der 15 Angestellten sind in der Mittagspause. Die Klimaanlage hechelt kalte Luft in den Raum. Die Signora trägt keine ausgewaschenen Jeans und Polohemden mehr, sondern einen Rock, eine Bluse und etwas Goldschmuck. "Es ist ja so", sagt sie, "dass in meinem Leben das eine ohne das andere gar nicht mehr existieren könnte. Wäre ich die ganze Zeit in Genua, würde mir ein Ruhepol fehlen, ein grüner Fleck zum Luft schnappen. Nur auf den Lofoten leben könnte ich aber auch nicht. Die Dunkelheit im Winter erdrückt mich fast, dazu der Mangel an Zerstreuung. Ich glaube, ich habe es ganz gut hinbekommen, mir von beidem das Beste zu nehmen."

Wie man den Stockfisch zubereitet

Es ist kein einsames Leben, aber es ist eines, das von Arbeit bestimmt wird. Häufig fährt sie in die kleine Fabrik, in der der Fisch portioniert und weiterverarbeitet wird, dazu müssen Käufer akquiriert werden. Den Haushalt in der kleinen Villa im Zentrum Genuas führt eine junge Frau, die sich auch um die beiden Hunde kümmert, wenn die Signora unterwegs ist. Es seien zwei Straßenköter, sagt sie, hoffnungslos verzogen und verwöhnt, "aber ich habe immer ein Herz gehabt für Lebewesen, die ein wenig kämpfen mussten". Darum engagiere sie sich in einem Verein, der Hunde von der Straße holt. Es sei eine kleine Sache, aber es gebe ihr ein gutes Gefühl, sich nützlich zu machen. "Und jetzt", sagt sie und steht mit einem Ruck auf, "jetzt gehen wir Stockfisch essen."

Es gibt unzählige Arten, Stockfisch zuzubereiten. Die Venezianer etwa kochen ihn in Milch und Olivenöl drei Stunden auf kleiner Flamme. In Genua aber wird er mit Kartoffeln, Oliven, Pinienkernen und einer leichten Tomatensoße serviert. Gedanken an die Lagerhalle werden wach, an den Geruch, an den vergeblichen Versuch, das Fischige vor dem Rückflug aus den Haaren zu waschen. Auf dem Teller sieht der Stockfisch harmlos aus. Seine Konsistenz ist elastisch, ein wenig wie Gummi. Aber schmecken tut er tatsächlich gut. Wie Fisch eben. "Was haben Sie denn erwartet?", sagt Maria Cristina Rizzi. "Ich verkaufe doch nichts, von dem ich nicht selbst überzeugt bin!"

Susanne Frömels Rückreise von den Lofoten nach Berlin war nicht nur wegen der vier Flüge anstrengend, schlimmer war, dass die Sitznachbarn empört um andere Plätze baten - zu sehr rochen ihre Kleider nach Fisch.

Den Humor zu behalten scheint auf den Lofoten überlebensnotwendig, Signora Rizzi verlor ihren nie. Wie sollte der Schweizer Fotograf Roger Hagmann die Kauffrau ansprechen? "`Ihre Hoheit vielleicht", meinte sie, um gleich hinzuzufügen: "Nennen Sie mich, wie Sie wollen. Aber niemals `Mutter."

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  • Datum: Dienstag 01.12.2009 | 06:20 Uhr
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