Wanderung zur "Wand": Haushofers Hütte

Unwirtliche Wälder, dunkle Täler und eine einsame Jagdhütte: In den Bergen Oberösterreichs ist Marlen Haushofers Roman "Die Wand" entstanden. Eine unsichtbare Barriere finden Wanderer hier nicht - dafür aber einen grimmigen Bären mit Brille.

"Die Wand": Die Quelle der Inspiration Fotos
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Der Weg zur Jagdhütte liegt im Schatten und ist an der zweiten Brücke so steil, dass wir nur noch zu Fuß weiter bergauf kommen, weiter hinein in die Berge, weiter zur Wand. Es ist kühl. Die Stiefel knirschen, die Zehen beginnen zu frieren.

Dabei war schon die Anfahrt bis zum Parkplatz mühsam, und wir fragten uns im Minutentakt: Ob das alles noch stimmen kann? Die vielen Abzweigungen, die Serpentinen, die Brücke über die Steyr, die langen Kehren durch den Wald, das Almgelände und der Ort Frauenstein. Doch dann stand da an einem weiteren unscheinbaren Abzweig das Schild "Effertsbachtal", und wir wussten, dass irgendwo dort hinten die Wand sein muss.

Den Roman "Die Wand", dessen Verfilmung mit Martina Gedeck in der Hauptrolle gerade in die Kinos gekommen ist, hat die Österreicherin Marlen Haushofer geschrieben. Sie ist im Effertsbachtal in Oberösterreich aufgewachsen; vor wenigen Minuten hatten wir ihr Geburtshaus passiert, und unser Ziel im Talschluss ist jene Jagdhütte, in der die Geschichte des 1963 erschienenen Buchs spielt. Er beschreibt das Leben einer Frau, die dort allein mit einem Hund, einer Kuh und einer Katze lebt, weil sie durch eine unsichtbare Wand von der Welt abgeschnitten ist.

Die Wand ist über Nacht aus unerklärlichen Gründen entstanden, und als die Erzählerin versucht, am Morgen ins Tal zu gehen, prallt der vorausspringende Hund dagegen: "Ich konnte nicht sehen, was ihn so ängstigte. Die Straße trat an dieser Stelle aus der Schlucht heraus, und so weit ich sie überblicken konnte, lag sie menschenleer und friedlich in der Morgensonne. Unwillig schob ich den Hund zur Seite und ging allein weiter. Zum Glück war ich, durch ihn behindert, langsamer geworden, denn nach wenigen Schritten stieß ich mit der Stirn heftig an und taumelte zurück."

"Genau hier muss die Wand im Roman stehen"

Nun steht Gertraud Weghuber in der klaren Luft und sagt: "Genau hier muss die Wand im Roman stehen. Ich bin vor einigen Jahren auf einer Eisplatte ausgerutscht", erzählt sie, "und musste mich auf einem Baumstamm abstützen - dann habe ich aufgeblickt und mir gedacht: Genau das ist die Stelle." Tatsächlich führt der Forstweg aus der Schlucht heraus, und auch wenn das kleine Häuschen mit der Aufschrift "Quellsammelschacht", das heute hier steht, wenig poetisch wirkt, kann man sich die Existenz dieser merkwürdigen Wand erstaunlich gut vorstellen. "Man fragt sich wirklich: Was wäre, wenn?", sagt Gertraud Weghuber.

Sie ist eine zierliche Frau, die man eher in einem Kaffeehaus in Wien vermuten würde als hier im Wald. Wir haben sie in Molln getroffen, wo sie 35 Jahre als Deutschlehrerin gearbeitet und dafür gesorgt hat, dass die 1970 verstorbene Marlen Haushofer nicht in Vergessenheit geriet. Seit sieben Jahren ist sie in Pension und veranstaltet "Literat(o)ur", wie sie es nennt: Wanderungen auf den Spuren von Marlen Haushofer - von Frauenstein hinauf zur Jagdhütte.

Wir gehen weiter ins Tal, Richtung Jagdhütte, und von nun an kann man sich nicht mehr von dem Gedanken befreien, dass man eine Wand im Rücken hat, die den Weg zurück in die Welt "draußen", wie Menschen, die in den Bergen leben, oft sagen, für immer versperrt. Im Roman ist die Welt jenseits der unsichtbaren Barriere abgestorben oder zumindest erstarrt, wie die Erzählerin durch sie hindurch beobachten kann.

Die Zivilisation, die Welt, sie ist weit weg

Es ist still im Tal, nur aus dem Wald kommen gelegentlich Geräusche. Links plätschert der Bach ins Tal, rechts ziehen sich Felsen wie Fischschuppen einen steilen Hang hinauf. Und oben, wo man eigentlich Himmel und Wolken vermuten würde, türmen sich Berghänge und Gipfel, die schon zum Nationalpark Kalkalpen gehören. Von November bis März fällt kein Licht in dieses Tal. Die Zivilisation, die Welt, sie ist weit weg.

Unsere Begleiterin kramt einige DIN-A4-Blätter aus der Tasche, Textstellen aus "Die Wand", die sie offenbar schon oft bei Schnee und Regen vorgelesen hat. Die Tinte zieht sich in dunklen Bahnen über die Seiten und macht die Schrift fast unlesbar. Aber Gertraud Weghuber kennt vermutlich ohnehin auswendig, was dort steht, und beginnt zu lesen: "Ich lag auf der Bank, und wenn ich die Augen schloss, sah ich Schneegebirge am Horizont, weiße Flocken, die sich auf mein Gesicht senkten in einer großen hellen Stille. Es gab keine Gedanken, keine Erinnerungen, nur das große stille Schneelicht."

Marlen Haushofers Sprache ist schlicht und klar, die formulierten Gedanken präzise. Obwohl die in "Die Wand" erzählte Geschichte düster und trist ist, liegt eine Ruhe und Schönheit in ihr, die zur Realität dieses Wintertages im Effertsbachtal passt - und offenbar auch von dort ausgeht. "In all den Jahren als Lehrerin", erzählt Weghuber, "ist mir aufgefallen, dass die Kinder aus diesem Tal etwas Besonderes an sich haben: Sie waren alle naturverbunden und ganz klar im Denken. Wie Marlen Haushofer."

Die Jagdhütte wirkt abweisend. Sie steht am Ende einer langen Wegbiegung im Schatten, und von ihren dunklen, fast schwarzen Holzwänden geht nichts Einladendes aus. Lediglich die türkisfarbenen Fensterläden und ein Hirschgeweih unter dem Balkon verleihen dem Bild ein wenig Leben. Dann tritt der Jagdpächter aus der Tür heraus und schaut uns schief an. "Der Herr Magister Kurt Russmann ist ein Original", hatte uns Gertraud Weghuber schonend vorgewarnt.

Unfassbare Schneemassen im Winter

Der bärtige Mann wirkt wie ein Bär mit dunkler Brille im Fell. Seit zwölf Jahren ist er Pächter der Hütte und des Jagdgrundes rundherum und hat damals mit seinen Brüdern dafür gesorgt, dass die heruntergekommene Hütte wieder hergerichtet wurde. Aus reinem Pragmatismus, denn gelesen habe er den Roman nicht, wie er erzählt. Kurt Russmann hat seine eigenen Geschichten und nennt die Dinge gerne beim Namen. Er ist einer, der in bester Thomas-Bernhard-Traditon über sein Land schimpft. Allen voran: die Bundesforste und deren Angestellte. "Die haben alle nix in der Birn' und sind präpotent im Quadrat!" Und schon allein, wie er das sagt, das ist so ein Genuss, dass man ihm recht geben möchte.

In der Stube sitzen wir an einem einfachen Holztisch. Die in der Zugluft flackernden Kerzen sind die einzige Lichtquelle. Hier hat auch Marlen Haushofer gesessen, weil ihr Vater Revierförster war, und ließ sich zu ihrem Roman inspirieren.

Russmann beginnt ausschweifend zu erzählen; von seiner kuriosen Familiengeschichte, davon, dass sogar Thronfolger Franz Ferdinand zweimal hier auf der Jagd war und 200 bis 300 Gämsen geschossen hat, und schließlich von den unfassbaren Schneemassen im Winter, von Lawinen und lebensgefährlichen Schneeräumeinsätzen. Wenn man den Jagdpächter von der Unwirtlichkeit dieses Tals erzählen hört, dann versteht man auch, warum der Film "Die Wand" nicht am Originalschauplatz gedreht wurde, sondern auf einer etwas besser zugänglichen Hütte in der Nähe von Gosau am Dachsteinmassiv.

Es ist spät geworden auf der Hütte, Kurt Russmann reibt sich die Augen, schweigt eine Weile und sagt: "Es ist alles kein Spaß hier oben, aber es ist trotzdem schön." Wir verlassen das Effertsbachtal in der Dunkelheit, und je mehr wir uns wieder dem "Quellsammelschacht" nähern, desto stärker beschäftigt uns die Wand: "Ich stand noch dreimal auf und überzeugte mich davon, dass hier, drei Meter vor mir, wirklich etwas Unsichtbares, Glattes, Kühles war, das mich am Weitergehen hinderte."

Auch dieser Gedanke ist klar und kühl und zugleich beängstigend und grotesk: für immer eingeschlossen in diesen Bergen, auf der Hütte, gemeinsam mit dem Jagdpächter, der tagein, tagaus über die präpotenten Bundesforste schimpft.

Der Weg zur "Wand"
Anreise: Mit dem Auto über München, Salzburg (A8) und dann Richtung Graz (A9) bis zur Abfahrt Klaus. Von dort nach Frauenstein und weiter ins Effertsbachtal.

Literat(o)uren mit Gertraud Weghuber finden nach Absprache statt: gertraud.weghuber@webspeed.at

Film und Buch: Die Neuverfilmung von "Die Wand" läuft seit dem 11. Oktober in den Kinos. Der Roman von Marlen Haushofer ist als Taschenbuch erhältlich (List, 8,95 Euro).

Mehr Informationen zur Region unter www.kalkalpen.at, www.pyhrn-priel.net und www.oberoesterreich.at; zum Skigebiet Hinterstoder unter www.hiwu.at

Andreas Lesti, SRT

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1. Stille
erlenstein 21.10.2012
Martina Gedeck spielt "die Frau" kongenial und glaubwürdig, sie trägt den Film ganz und gar, mit Luchs natürlich, dem Hund. Sie ist wirklich sehr gut. Ich hätte mir aber doch eine unbekannte Schauspielerin gewünscht, denn die Frau im Buch ist anonym, ist eine starke Frau an sich, das Prinzip Weiblichkeit. Das Buch steht für sich, die kreatürliche Natur im langsamen Werden und Vergehen wird in angemessenem Entwicklungstempo beschrieben. Die schmerzhafte mühsame Aneignung alter Überlebenstechniken, der Einbruch des zerstörerischen Mann-Prinzips und die langsame Auflösung des kulturell geprägten Ichs in die Archaik sind wunderbar eindrucksvoll festgehalten. Die Geschichte entfaltet sich gemächlich. Nun ist "die Frau" Martina Gedeck und der Film ihrer. Sie spricht ständig, was der Stille zuwiderläuft. Der Zuschauer fordert halt Erklärungen, so ist das mit Literaturverfilmungen und mindert den Charme der jeweiligen Genres nicht. Beide stehen für sich. Das Buch zu lesen sei aber trotzdem noch einmal anempfohlen.
2. Emanzipation
zufriedener_single, 21.10.2012
Zitat von erlensteinMartina Gedeck spielt "die Frau" kongenial und glaubwürdig, sie trägt den Film ganz und gar, mit Luchs natürlich, dem Hund. Sie ist wirklich sehr gut. Ich hätte mir aber doch eine unbekannte Schauspielerin gewünscht, denn die Frau im Buch ist anonym, ist eine starke Frau an sich, das Prinzip Weiblichkeit. Das Buch steht für sich, die kreatürliche Natur im langsamen Werden und Vergehen wird in angemessenem Entwicklungstempo beschrieben. Die schmerzhafte mühsame Aneignung alter Überlebenstechniken, der Einbruch des zerstörerischen Mann-Prinzips und die langsame Auflösung des kulturell geprägten Ichs in die Archaik sind wunderbar eindrucksvoll festgehalten. Die Geschichte entfaltet sich gemächlich. Nun ist "die Frau" Martina Gedeck und der Film ihrer. Sie spricht ständig, was der Stille zuwiderläuft. Der Zuschauer fordert halt Erklärungen, so ist das mit Literaturverfilmungen und mindert den Charme der jeweiligen Genres nicht. Beide stehen für sich. Das Buch zu lesen sei aber trotzdem noch einmal anempfohlen.
Ohne Mann gibt's auch keine Frau !
3. kalter Krieg
erlenstein 21.10.2012
Zitat von zufriedener_singleOhne Mann gibt's auch keine Frau !
Behauptet Haushofer das Gegenteil? Oder ich. Aber der Einbruch der Gewalt durch den Mann, das Töten des Stiers und des Hundes beraubt auch die Frau ihrer Überlebensmöglichkeiten. Den jungen Stier hatte sie insgeheim ja schon als möglichen Besamer ihrer Kuh Bella angedacht, der noch fruchtbaren und milchspendenden Kreatur. Luchs war ihr neben seiner Hundetreue auch die große Hilfe beim Jagen. Ihre Vereinsamung wird noch größer, ihr eigenes Ende rückt näher. 1963 geschrieben, reflektiert der Roman sicher auch die bleierne Zeit der 50er, den kalten Krieg, die Rückdrängung der Frau an den Herd, deren Depressionen.
4. optional
karinreske 21.10.2012
Ich glaube nicht, dass Haushofer einen "feministischen" Roman schreiben wollte und die "bleinerne Zeit" der 50ger reflektiert. Eher ist der Roman eine Möglichkeit für sie, anhand des Gedankenspiels über das Weltende sich mit ihrer eigenen Krankheit auseinander zu setzen, die sie von anderen trennt, die anfänglichen Versuche, zu hoffen und mit der Diagnose fertig zu werden, die allmähliche Hoffnungslosigkeit, die im Tod des Stiers und des Hundes in eine Symbolsprache gesetzt wird. Alle Schriftsteller, die wirklich gut schreiben, schreiben immer nur ihre eigene Geschichte.
5. Entfremdung
erlenstein 21.10.2012
Zitat von karinreskeIch glaube nicht, dass Haushofer einen "feministischen" Roman schreiben wollte und die "bleinerne Zeit" der 50ger reflektiert. Eher ist der Roman eine Möglichkeit für sie, anhand des Gedankenspiels über das Weltende sich mit ihrer eigenen Krankheit auseinander zu setzen, die sie von anderen trennt, die anfänglichen Versuche, zu hoffen und mit der Diagnose fertig zu werden, die allmähliche Hoffnungslosigkeit, die im Tod des Stiers und des Hundes in eine Symbolsprache gesetzt wird. Alle Schriftsteller, die wirklich gut schreiben, schreiben immer nur ihre eigene Geschichte.
Marlen Haushofers letztendlich tödlicher Krebs kam erst 1966, "Die Wand" wurde 1963 veröffentlicht. Insofern ist Ihre Interpretation gut gemeint, aber nicht schlüssig. Der Roman wird zur "präfeministischen" Literatur gezählt. Haushofer war der Zeit voraus. Ihre eigene Geschichte war die einer Schriftstellerin, die sich sehr wohl ans Heim und die Küche gefesselt fühlte und unter Depressionen litt. Die Wand symbolisierte auch die gefühlte eigene Entfremdung zu anderen Menschen. Inspiriert wurde sie von dem utopischen Roman "Die Glasglocke".
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