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07. September 2006, 09:30 Uhr

Dolomiten

Seiltanz im Felsenmeer

Von Sabine Holzknecht

Kokettieren heißt auf Italienisch "civettare". Das gleichnamige Felsmassiv in den Dolomiten kann das gut: Es lockt mit unvergleichlicher Schönheit, doch seine Klettersteige erfordern höchste Konzentration. Und mittendrin ragt die Wand der Wände in den Alpenhimmel.

"Der Costantini-Steig ist ein Klettersteig, der alle Attribute der obersten Kategorie verdient: technisch sehr schwierig und kraftraubend, exponiert und spannend, sehr lang, mehrfach überraschender Szenenwechsel …", schreibt der nicht eben überschwänglich gehaltene Führer. Hm, klingt ganz und gar nicht übel. "… Die weithin fast ohne Tritthilfe angelegte Seilführung kreuz und quer durch das felsige Labyrinth ist für Schwindelfreie ein Genuss ohnegleichen, in dichter Erlebnisfolge gespickt mit Überraschungsmomenten …" Das wird ja immer besser.

"… Von unerhörter Eleganz ist der Abstecher auf die Cima Sud – ein geradezu erregender Seiltanz über schmale Gratschneiden, enge Scharten und bizarre Türmchen …" Jetzt hat’s mich vollends gepackt. Diesen erregenden Seiltanz möchte ich erleben.

Axel brauche ich nicht lange zu überreden. Der ist bei so was immer dabei. "Aber vielleicht sollten wir vorher einen Aufwärm-Klettersteig gehen", meint er. Und hat natürlich recht. Zumal sich hier so ein Eisenweg anbietet, der sich auf geradezu ideale Weise mit dem Costantini-Steig kombinieren lässt – die Via Ferrata degli Alleghesi.

Er führt von Nordosten auf den gewaltigen, den berüchtigten, den beeindruckenden Civetta-Hauptgipfel; der Costantini- Steig führt von Südosten auf die Cima Moiazza. Zusammen ergeben die beiden Gipfel den sechs Kilometer breiten Koloss Civetta-Moiazza, ein gigantisches Felsmonstrum erster Güte.

Der tiefe Schlaf glücklicher Menschen

Jetzt müssen wir nur noch auf stabile Wetterverhältnisse warten, denn beide Felsabenteuer sind äußerst lange Touren. Der heilige Petrus lässt uns nicht lange zappeln. Am Freitag Nachmittag brausen wir los. Wie gut es tut, nach einem halben Tag im Büro und vierstündiger Fahrt auszusteigen und in diese herrlich kühle Bergluft zu treten, in diesen Duft von Latschen, von Wald und von ungemähten Bergwiesen, in dieses dunkle Grün einzutauchen im Wissen, dass einen morgen den ganzen Tag lang weißer Dolomitenfels erwartet.

Vom winzigen, verträumten Dorf Pecol aus steigen wir in einer Stunde zum Rifugio Coldai auf, während der Abendhimmel im letzten Licht strahlt und ein junger Mond dem Monte Pelmo einen fröhlichen Akzent aufsetzt. Wir schlafen den tiefen Schlaf glücklicher Menschen.

Der nächste Morgen ist vom Feinsten. Der Weg zum Einstieg führt uns am Lago Coldai vorbei. Und hier ist sie. Die Wand der Wände. Die 1200 Meter mächtige Felsmauer, mit der die Civetta nach Nordwesten hin abbricht, für Kletterer Alptraum und Paradies zugleich. Und als wäre sie nicht schon prächtig genug, spiegelt sich ihre ganze Eleganz noch einmal im See wieder.

Ein Stündchen später sind wir am Einstieg. Das Seil führt uns in einem kurzweiligen Zick-Zack-Manöver ein paar Vorstufen hinauf. Dann geht es luftig zur Sache. Die Eisenbügel und Eisenstifte wurden hier nicht gerade inflationär gesetzt. Spreizen, strecken, dehnen, und am besten nicht nach unten sehen.

Oben ist der Fels glatt und rund wie die Flanke eines alten Elefanten, eines Elfenbein- Elefanten möchte man meinen, so hell ist der Stein. In bester Dolomitenmanier schwingt sich der Klettersteig nun von Terrasse zu Terrasse, überwindet einen Abgrund, eine Steilstufe, einen Buckel, und verschwindet wieder hinter einer Kurve, läuft in einem Band, schlängelt sich eine Rinne hinauf. Immer spannend, immer fordernd, immer lohnend. Das gegenüber liegende Panorama des eigenbrödlerischen Monte Pelmo lässt nichts zu wünschen übrig.

Es ist kurz vor elf und bereits bullenheiß. Kein Lüftchen regt sich. Unter dem Helm bildet sich eine tropische Dunstglocke. Die Eisenseile glühen. Unbeirrt fröhlich klimpern die Karabiner, klick klack. Unbeirrt fröhlich steigen wir weiter, ruck zuck. Denn wenn wir stehen bleiben, sticht die Sonne und flimmert die Luft.

Oben auf dem Gipfel dann ist Rimini. Drei junge Italiener, welche die Ferrata Tissi von Süden hochgekommen sind, sitzen in knappen Shorts unterm Gipfelkreuz und bräunen sich in der Höhensonne. 3200 Meter hoch ist der formgewaltige Civetta-Hauptgipfel und es ist heiß wie am Meer.

Nordwestwand: Ein Meilenstein in der Geschichte des Kletterns
Ralf Gantzhorn

Nordwestwand: Ein Meilenstein in der Geschichte des Kletterns

Zwanzig Minuten später sind wir an der Torrani-Hütte. Da sitzen die deutschen Bergsteiger mit roten Köpfen im Schatten und zischen Radler. Wir bestellen Spaghetti al Ragù. Wenn das nicht ein Leben ist … Während wir absteigen, glänzen in unserem Rücken und hinter unseren Augen die prächtigen Felswände weiter unter den Feuerfingern der Sonne.

Wir fahren die wenigen Kilometer von Pecol zum Passo Duran. In der Pass-Herberge teilen wir uns das Lager mit einer Gruppe tschechischer Kletterer. Hoffentlich schnarchen die nicht, denke ich mir, und schon bin ich eingeschlafen.

Tags darauf sind wir früh auf den Beinen. Zehn Stunden verwegenes Felsabenteuer warten auf uns. Ein lauschiger Waldpfad führt hinauf zum Rifugio Carestiato. Die Hütte ist zu, vergogna – schämt euch, hat jemand an die Wand gesprüht. Wir ziehen unseren Gurt an. Hier ist er nun, der berüchtigte Costantini-Steig, von dem der ehrwürdige Messner sagt, er sei der schönste, aber auch der schwierigste aller Dolomiten-Klettersteige. Und der muss es schließlich wissen. Eine Mischung aus Freude und Ehrfurcht beschleicht mich.

Der Auftakt ist sofort eine kühne Angelegenheit. Eine faktisch trittlose Querung. Gut, dass so früh am Morgen noch genügend Saft in den Armen ist. Auf Reibung gehen und vertrauen. Wer hier nicht drüber kommt, bleibt besser unten. Denn weiter oben wird’s erst richtig knackig.

Diese Wände sind eine vertikale Maßlosigkeit

Das Seil folgt einer Ideallinie. Der Fels ist herrlich griffig. Es ist wie klettern, ein guter IV. Grad, bloß dass man regelmäßig den Karabiner umhängen muss. Es macht riesig Spaß. Tausend Höhenmeter Klettersteig – das hat Format. Zum Glück ist es schattig.

Wir steigen konzentriert und zügig. Die Länge dieser Reise durch den Fels darf auf keinen Fall unterschätzt werden. Das Panorama können wir dann von oben genießen. Der Klettersteig bleibt durchgängig schwierig. Kaum Gehpassagen. Ein vertikales Spiel, das nur auf Zehenspitzen zu bewältigen ist.

Ich fange an, es bitter zu bereuen, dass ich meine Klettersteig-Handschuhe zu Hause vergessen habe. Die Blasen von gestern platzen auf. Ich tape meine Finger so gut es geht.

Weiter. "Mit erschreckender Heftigkeit stoßen die Felstürme gegen den Himmel", schrieb einst der Alpinschriftsteller Walter Pause. Recht hatte er. Diese Wände sind selbst für Dolomiten-Verhältnisse eine vertikale Maßlosigkeit.

Nach drei Stunden ununterbrochener Kletterei machen wir eine Pause. Der Magen knurrt. Die Arme schmerzen. Die Finger bluten. Die Beine ziehen. Drei Stunden – das ist die Zeit, die der Klettersteig auf den Civetta-Hauptgipfel dauert. Und wir sind hier gerade mal auf halbem Weg. Und jetzt kommt auch noch die Schlüsselstelle, die laut Führer so glatt und völlig trittlos ist, dass sie "nur mit einem rohen Kraftakt zu überwinden ist". Kann ja heiter werden. Zu Axels Enttäuschung und meiner Erleichterung stellen wir fest, dass jemand in der Zwischenzeit kleine Tritte in den Felsen gehauen hat. Schlüsselstelle entschlüsselt. Oben folgt ein schräger Gratrücken, endlich ist der Blick frei auf den kühnen Südgipfel.

Erregender Seiltanz an der Wand

"So weit kann das nicht mehr sein", sage ich. Es sind ganze zwei Stunden. Berg- Perspektiven können tückisch sein, vor allem, wenn man müde ist. Ein letzter Kraftakt führt auf den Gipfel. Da ist er nun, der erregende Seiltanz. Ich bin mittlerweile so erschöpft, dass mit Tanzen nicht viel ist. Ich bin froh, wenn ich nicht stolpere.

Das Gipfelkreuz. Wir haben es tatsächlich geschafft. Es war wunderbar. Es waraufregend. Es war herrlich. – Und es war ein riesiger Schlauch. Aber ich bin stolz wie ein Schneemann und glücklich wie ein Kind zu Weihnachten. Ich umarme Axel, dass ihm die Luft weg bleibt, dann verdrücke ich mit Heißhunger mein Speckbrot, dass es nur so pfeift.

Beim Abstieg wird mir erst bewusst, wie erregend dieser letzte Seiltanz tatsächlich ist. Der Grat ist verdammt schmal, und unterm Hintern ist so viel Luft, dass ich mir wünsche, ich hätte einen Fallschirm. Nach einer halben Stunde sind wir wieder an der Scharte. Nun kommt der Genuss. Und was für einer! Die Cengia Angelini, das Engelsband, scheint aus der Brenta importiert worden zu sein. Das Band schlängelt sich in unnachahmlicher Schönheit und Eleganz am Massiv entlang. Jetzt können wir auch die ganze Pracht des Panoramas in uns aufnehmen. Wir folgen dem Lauf des Seils, und es ist keine Anstrengung mehr, sondern pures Vergnügen. Nach eineinhalb Stunden sind wir am Bivacco. Grün und rot leuchtet es fröhlich. An diesem Berg möchte ich dennoch nicht in ein Unwetter geraten.

Der Rest ist ein beinharter, zermürbender, nicht enden wollender Abstieg. Es scheint wie verhext. Kein Passo Duran weit und breit. Doch. Endlich taucht er auf. Und mit ihm die Pass-Herberge. Wir reißen uns die Schuhe von den heißen Füßen, laufen barfuß übers frische, grüne, herrliche Gras und bestellen noch aus der Ferne: "Due birre, grandi!" Was für ein Heldenwochenende.

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