Donau-Radweg von Passau nach Wien Ritt durchs Abendland

Wer den Kopf frei bekommen möchte, sollte Fahrrad fahren. Am besten Langstrecke, im Herbst und über mehrere Tage. Selbst für Ungeübte geeignet ist dabei der Donau-Radweg von Passau nach Wien - ein Trip wie ein Heimatfilm.

Hasnain Kazim

Von


Natürlich können Leute, die mit dem Fahrrad die Welt umrunden oder nach Südafrika fahren, über die 320 Kilometer von Passau nach Wien entlang der Donau nur lachen. Aber sie alle fahren dieses Stück ebenfalls. Für viele Globetrotter auf zwei Rädern ist es der Beginn ihrer langen Reise. Es ist der vermutlich meistbefahrene Abschnitt auf dem Donau-Radweg, dem wohl beliebtesten Radfernweg Europas.

Manche setzen ihre Tour dann fort, durch die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien und Rumänien, bis ans Schwarze Meer, in das die Donau mündet. Und von dort weiter Richtung Istanbul und dann um die ganze Welt. Manche haben auch schon in Donaueschingen, an der Quelle, begonnen und sind über Ulm, Ingolstadt und Regensburg bis nach Passau geradelt.

Von der Donauquelle bis zum Schwarzen Meer sind es etwa 2850 Kilometer. Aber reden wir mal nur über die 320 Kilometer von Passau nach Wien. Das ist ja mal ein Anfang. Der größte Teil führt durch Österreich, und anders als man in Norddeutschland glauben mag, ist es auf der gesamten Strecke von Passau nach Wien immer flach. Oft geht es sogar leicht abschüssig. Als angehender Weltumrundler könnte man irrtümlich glauben, dass es überall auf der Erdkugel so leicht vorangeht.

Ein Hollandrad reicht, eine Hightech-Maschine geht auch

Wer also eine Auszeit braucht, sollte aufs Rad steigen. Denn was lässt einen den Kopf schneller frei bekommen, den Alltag schneller vergessen, den Stress abbauen als eine Fahrt auf dem Fahrrad? Und was ist besser geeignet als die Strecke von Passau nach Wien? Immer in diese Richtung, nicht andersherum, wie es manche amerikanische Reisegruppen machen, die in Wien landen und einem mit ihren Leihrädern entgegenkeuchen. Bei sportlicher Fahrweise ist die Strecke in drei Tagen zu schaffen, gemütlicher geht's in vier oder fünf Tagen.

Um Übernachtungsgelegenheiten muss man sich jedenfalls nicht sorgen - entlang der Strecke sieht man zu dieser Jahreszeit Dutzende "Zimmer frei"-Schilder. Natürlich kann man sich auch vorher schon festlegen, wann man wo übernachten möchte, aber es lohnt sich, in den Tag hineinzufahren und erst am Nachmittag je nach Kondition und Lust am Fahren etwas zu suchen oder bei einer Herberge anzurufen und etwas zu reservieren. Es gibt Hotels, Pensionen, Bauernhöfe, private Gästezimmer, natürlich auch Zeltplätze - und alle haben Fahrradwerkstätten oder zumindest Fahrradwerkzeug. Man ist eingestellt auf Radler.

Übrigens genügt ein einfaches Fahrrad. Das gute Hollandrad zum Beispiel, das seit Jahren ungenutzt in der Garage steht. Oder die alte Mühle aus dem Keller. Wie gesagt, es geht ja nicht bergauf. Ideal ist natürlich ein Reise- oder Trekkingrad. Jedenfalls braucht man keine Hightech-Maschine mit Piniongetriebe und Carbon-Riemen für 5000 Euro, aber natürlich kann man auch damit unterwegs sein, die Strecke ist schließlich eine Art Fahrradschau: Sehen und gesehen werden gehören dazu.

Man kann mit Leuten darüber beratschlagen, ob sich eine Nabenschaltung besser eignet für eine Weltreise oder doch eher die gute alte Kettenschaltung. Die Vor- und Nachteile von Kernleder- oder Gelsättel kann man am eigenen Hintern erfahren und sich anschließend mit anderen darüber austauschen. Und überhaupt, man kann dick auftragen. "Was ist Ihr Ziel?" - "Mal sehen, ob ich es bis Shanghai schaffe oder doch nur nach Teheran."

Gib's mir, Alter!

Wenn man daran gewöhnt ist, zügig zu fahren, macht man zwei denkwürdige Erfahrungen. Erstens: Man wird permanent von Besitzern von E-Bikes überholt. Gut, sie haben viel Geld dafür gezahlt, dass sie mühelos schnell vorankommen. Man lernt, dass die Zeiten, als motorisierte Fahrräder Gefährte für Alte und Übergewichtige waren, vorbei sind. Jetzt sitzen auch Junge und Sportliche auf E-Mountainbikes. Ihre teuer erkaufte Geschwindigkeit sei ihnen gegönnt.

Aber eine Schmach sind, zweitens, die 70- und 80-Jährigen, die locker auf ihren Rennrädern an einem vorbeiziehen. Einer, in neonrosafarbener Synthetikhose mit ausgepolstertem Po und ebenso grellem Oberteil, zeigt mir noch im Überholen das Victoryzeichen. "Nicht aufgeben!", ruft er mir zu. Ja, gib's mir, Alter! Warum ist der nicht auf einem der vielen Donau-Kreuzfahrtschiffe unterwegs, neben denen man oft in gleicher Geschwindigkeit herradelt, sondern auf einem restaurierten Rennrad aus den Siebzigerjahren, um das ich ihn beneide?

Aber gut, man ist ja nicht on the road, um ein Rennen zu fahren, sondern um zu entspannen. Die Landschaft - so man sich für Landschaft interessiert, und das sollte man auf dieser Strecke - ist betörend schön. Man radelt von Postkartenmotiv zu Postkartenmotiv, und man begreift, wie herausgeputzt Österreich eigentlich ist.

Man erfährt im wahrsten Sinne des Wortes das Mühlviertel und die Wachau und lernt, dass das eine Ober-, das andere Niederösterreich ist. Dass hier Bier gebraut, dort Wein angebaut wird. Dass es entlang der Donau sehr abwechslungsreich zugeht. Und dass die Rastplätze hier Jausenstation heißen. Viele Menschen tragen Trachten und Dirndl, sie tragen Bier oder Wein herbei und Brezeln auf großen Holzständern. Man glaubt, man befinde sich in der Kulisse eines Heimatfilms.

Gewaltige Natur, Gewalt der Menschen

Und natürlich, wer es vergessen haben sollte: Wir bewegen uns hier im christlich-abendländischen Kulturkreis. Der Begriff wurde in den zurückliegenden Wochen überstrapaziert, aber hier bekommt man ihn auf durchaus ästhetische Weise vor Augen geführt. Jedes noch so kleine Dorf hat seine hübsche Kirche, an den Wegrändern stehen im Wald, auf dem Feld oder einfach so am Radweg Kruzifixe oder kleine Häuschen zu Ehren von Jesus Christus, der Jungfrau Maria oder irgendeinem Heiligen.

Beim Radfahren von Passau nach Wien wird einem die Gewalt von Natur und Mensch bewusst.

Von Natur, weil die Donau in den zurückliegenden Jahren und Jahrhunderten mehrfach über ihre Ufer getreten ist und Verwüstung angerichtet hat, zuletzt in großem Ausmaß bei der Jahrhundertflut 2002. In der Folge ist im oberösterreichischen Machland ein 30 Kilometer langer Schutzdamm für etwa 1000 Häuser entstanden, seither sind fünf Ortschaften mehr oder weniger verwaist, die Bewohner haben ihre Häuser verlassen. Diese Dörfer sind jetzt Überflutungsraum für den Fluss - die Natur hat sich, ein seltener Fall, ihren Raum zurückerobert.

Und von Menschen, weil man in Mauthausen, etwa 20 Kilometer hinter Linz, abbiegen und das Konzentrationslager besichtigen kann - ein Ort, an dem mehr als 100.000 Menschen ermordet wurden.

Sehenswert ist auch das Benediktinerkloster Stift Melk, das ebenso wie die Flusslandschaft ein Unesco-Welterbe ist. "Ora et labora", "Bete und arbeite" lautet die Regel der Mönche seit über 900 Jahren. In Melk halten die Kreuzfahrtschiffe und Reisebusse, und das Kloster ist auch deshalb eine Attraktion, weil es in Umberto Ecos "Der Name der Rose" eine Rolle spielt.

Nur die Kilometer unmittelbar nach Passau, vor und nach Linz und vor Wien sind die einzig unschönen: kilometerlang neben einer viel befahrenen Straße, auf der Autos und Lastwagen an einem vorbeidonnern.

Aber dann ist man nach drei, vier Tagen in Wien, entspannt und frei im Kopf und sowieso für alles entschädigt.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frechsprech 07.10.2016
1.
Vor Inzell sollte man auf jeden Fall auf den Berg radeln um die Schlögener Donauschlinge zu betrachten, wunderschön. Und gibt der Tour auch ein gewisses Prädikat "Sport" mit seiner bis zu 15% Steigung. Zwei Sachen sind mir aufgefallen, die Freundlichkeit der Österreicher und die besser ausgebaute Infrastruktur für Radfahrer. Auch und gerade in den grösseren Städten wie Linz oder eben Wien.
stoffi 07.10.2016
2.
Vor Jahren bin ich ein Teilstück dieser Strecke geradelt. Einfach herrlich! Eine meiner schönsten Raderinnerungen.
galbraith-leser 07.10.2016
3. Sinnfreie Überschrift
Die Überschrift ist so unsinnig, dass einem die Haare zu berge stehen. Was der Autor wohl sagen würde, wenn ein deutschstämmiger Autor einen Beitrag über eine Radtour von Izmir nach Istanbul als »Ritt durchs Morgenland« betiteln würde? Das Abendland ist deutlich größer als der Abschnitt Passau-Wien und das Morgenland mehr als die Strecke Izmir-Istanbul. Mal davon abgesehen, dass beide Begriffe etwas aus der Mode gekommen sind bzw. nur noch von Leuten verwendet werden, denen Herr Kazim doch eher fern steht.
gott777 07.10.2016
4. Toller Radweg
Wir sind den Radweg vor ca. 5 Jahren mit knapp 30 Jahren von Passau nach Bratislava geradelt. Hatten so ein schönes längliches Spiralgebundenes Radwegebuch mit dabei, ich auf dem Fully mit Einradanhänger voll mit der Campingausrüstung, meine Frau mit dem Cityrad und haben auf Campingplätzen übernachtet, es war überall Platz, reservieren mussten wir nicht. Waren glaube ich 5-6 Tage unterwegs. Das Auto stand bei der Radlerpension in Passau, unbedingt genug Münzen für ein Wochenparkticket mitbringen. Tipp 2: Unbedingt Sonnencreme mitbringen, ich habe mir im späten August auf einem Teilstück einen Sonnenbrand auf den Waden geholt. Tipp 3: Wer mit dem Zug zurück nach Passau fahren will sollte sich UNBEDINGT schon vor dem Urlaub das Ticket und eine Fahrradplatzreservierung holen. In den österreichischen Bahnen ist Fahrradmitnahme nur sehr beschränkt möglich, man hat bei uns ein Auge zugedrückt, da wir keine Fahrradreservierung hatten und uns das Ticket erst am Rückreisetag (in Bratislava, Vorsicht, man versteht dort nur Bahnhof am Bahnhof.... Züge fahren da nicht unbedingt nach Fahrplan sondern dann, wenn sie da sind) geholt hatten und gestresst genug aussahen. Zudem sind das unsere alten Bahnwaggons mit 3 Stufen Eingang und gehalten wird an der Station maximal eine Minute... alles sehr stressig auf der Rückreise. Tipp 4: Das letzte Stück Wien - Bratislava ist recht lang und hat auf etwas mehr als 100km keinen Campingplatz mehr. Man fährt zum Großteil auf einem hoch gelegenem Hochwasserdamm durch einen Auenwald ohne Schatten. Kann man machen, muss man aber nicht. Wien sind wir direkt weitergefahren ohne uns was groß anzuschauen. Nach Tagen der Ruhe und Erholung auf dem Radweg kam uns die Stadt zu laut und voll vor und wir uns wie ein Fremdkörper mit unser Radler- und Campingausrüstung. Bratislava wiederum hat eine schöne kleine Innenstadt. Alles in allem war es trotz eines Regentages ein toller Radurlaub den ich jedem weiterempfehlen möchte. Der Einstieg für noch mehr war damit bei uns gemacht.
gott777 07.10.2016
5. Ergänzung
Ach so, diese Rad-Omas/Opas hatten wir auch. Mindestens zweimal sind die an uns gemütlich vorbeigezogen... Waren aber bestimmt Radprofis im Ruhestand. Noch ein Tipp für die, die nicht so auf Zelten stehen. Es gibt einige Angebot bei denen man von Pension zu Pension radelt und das Gepäck wird nebenbei per Auto weitertransportiert, man hat also alles dabei, radelt aber ohne Gepäck.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.