Douro-Tal in Portugal: Sorgenfalten in Grünrot
Für Portugals Norden ist der Douro eine Lebensader. Die Hügel am Flussufer sind nicht nur von umwerfender Schönheit, sie bescheren den Winzern auch beste Weine. In der Krise jedoch sind die Aussichten hier extrem bescheiden - und die Bauern verzweifelt.
Der Douro schleppt sein Wasser durchs Tal, eine holprige Straße führt in engen Serpentinen an Reben, Korkbäumen und Wacholderbüschen vorbei. Francisco Olazabal, den alle nur Xito rufen, kurvt den staubigen Parcours bis zu einem schmalen Plateau hinauf, von dem aus sich die ganze Schönheit des Douro-Tals überblicken lässt.
Der Fluss, der in Spanien Duero heißt, erstreckt sich 927 Kilometer weit über die Iberische Halbinsel, bevor er in Porto in den Atlantik fließt. Es ist eine Natursensation, tief hat der Fluss sich in die Landschaft hineingegraben, halsbrecherisch türmen sich Tausende Rebterrassen über- und nebeneinander. Während der Erntezeit lesen Arbeiter mit flinken Händen die Trauben, ihre Körbe füllen sich schnell.
Olazabal leitet das Weingut Quinta do Vale Meão bei Pocinho. Gerade hat er einen neuen Keller und einen Verkostungsraum bauen lassen, die Geschäfte gehen gut. Olazabal ist Mitglied der fünfköpfigen Douro Boys. Die Winzergruppe pflegt das Image einer Rockband und ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.
Der charismatische Mittelpunkt der Douro Boys ist Dirk Niepoort. Der Winzer ist extrem erfolgreich. 75 Prozent seiner Weine gehen in den Export, 25 Prozent davon nach Deutschland, für portugiesische Verhältnisse eine traumhafte Bilanz. Aber Niepoort sorgt sich um andere Weingüter, um das Weinland Portugal insgesamt. Von weitem wirken die Terrassen der Weinberge wie Falten in der Landschaft. Wie Sorgenfalten.
Die Finanzkrise in der Eurozone hat auch die Weinbranche in einen anhaltenden Abwärtssog manövriert. 2012 war ein hartes Jahr für Portugal, in den Nachrichten lösten sich die Schreckensmeldungen ab: Löhne wurden gekürzt, Steuern erhöht, die Arbeitslosigkeit kletterte auf über 15 Prozent.
Flaute in Porto
Zuvor galt Portugal weltweit als eines der konsumfreudigsten Weinländer, nun ist ein guter Tropfen zum Luxusartikel geworden. Die Verkäufe sind eingebrochen, einige der Winzer werden sich davon nicht erholen. "Die großen Unternehmen werden die kleinen und mittleren Betriebe aufkaufen", sagt Nieport. Ein Prozess, der "die Vielfalt verringern und die Struktur der ganzen Branche verändern wird".
Die großen Portweinerzeuger residieren in Po
rto, am linken Ufer des Flusses Douro, im Stadtteil Vila Nova de Gaia. In flachen, lang gezogenen und weiß gestrichenen Lagerhallen reifen die Weine, die Portugal berühmt gemacht haben. Auch bei Taylor's mache sich die Rezession bemerkbar, sagt Ana Margarida Morgado, die beim 1692 gegründeten Portweinhaus arbeitet. "Wir müssen in der Krise neue Märkte erschließen. Wir müssen mehr arbeiten, um das Level halten zu können."Die Auswirkungen der wirtschaftlichen Flaute sind überall zu sehen und zu spüren: In der Hafenstadt Porto verfallen Häuser, die Restaurants sind spärlich besucht, Taxifahrer rasen ohne Passagiere durch die Nacht. Der sentimentale Fado ist wieder mehr als eine Kunstform, er ist zum Ausdruck eines Seelenzustands geworden, der fest im Alltag verankert ist.
Auch gute hundert Kilometer weiter östlich, im Vale do Pinhão, ankern Schiffe am Ufer des Douro. Kapitäne bieten Fahrten auf dem Fluss an, aber viele Plätze bleiben leer. Das Tal zählt zum Weltkulturerbe der Unesco, selten finden sich günstigere Voraussetzungen für den Weintourismus.
Die letzte Ernte
Noch vor wenigen Jahren deutete vieles darauf hin, dass dem Douro-Tal die besten Jahre noch bevorstehen. Etliche Winzer beschlossen damals zu investieren und ins Risiko zu gehen. Das Weingut Duorum ist eines dieser ambitionierten Projekte: 2007 wurden in einer archaischen, beinahe unberührten Landschaft an der Grenze zu Spanien Reben auf rotem und blauem Schiefer gepflanzt. Unten am Fluss soll ein verlassener Bahnhof in einen Verkostungsraum umgebaut werden.
"Als wir begannen, war von der Krise nichts zu spüren, jetzt müssen wir einfach langsamer machen", sagt Manager José Maria d'Orey Soares Franco. Optimismus alleine wird nicht reichen. Der Weinberater Rui Walter da Cunha schätzt, dass in der Douro-Region ein Viertel der Betriebe aufgeben muss. Viele Winzer seien verzweifelt, mancher brachte diesen Herbst seine letzte Ernte ein.
Ein Umstand, der Dirk Niepoort kämpferisch werden lässt. Vor kurzem wurden die Douro Boys zur besten unternehmerischen Initiative Portugals gewählt, weil sie unermüdlich daran arbeiten, das Tal außerhalb Portugals bekannter zu machen. Nur gemeinsam, sagt Niepoort, könne man die Krise meistern. Aber bei zu wenigen Winzern, Politikern und Gastronomen kann er die Bereitschaft dazu entdecken.
"Es gibt keine schönere und dramatischere Weingegend auf der Welt als das Douro-Tal", sagt Niepoort. "Wir Winzer und die Menschen aus dem Tourismusgeschäft müssen zusammenarbeiten, aber niemand versteht das." Viel Zeit dürfe man nicht mehr verlieren.
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