Draisinenfahrer und Bahnlatscher Auf dem Abstellgleis

Von Jochen Bölsche

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, warum Trassentouristen Rostbratwürste mitführen sollten und was Inline-Skater und Skilangläufer an ehemaligen Bahnstrecken reizt.


Auch ehemalige Bahnstrecken, von denen die Schienen längst verschwunden sind, locken mehr und mehr Ausflügler. Auf Seiten wie www.verkehrsrelikte.de oder www.stillgelegt.de schwärmen Bahnfreunde vom Charme verwilderter Trassen und verfallender Stellwerke, von der Entdeckung zugemauerter, aber illegal aufgebrochener Tunnelbauten, in denen sich heimlich die Dorfjugend trifft, und von überwucherten einstigen Militärgleisen, die nur noch per Metalldetektor auffindbar sind.

Ungezählte Websites berichten über Streckenbegehungen überall in der Bundesrepublik, auf deren Gebiet seit der Blütezeit der Eisenbahn, zwischen den Weltkriegen, fast ein Drittel der einstmals 60.000 Kilometer Schienenstrecke stillgelegt worden sind. Auf den Spuren früherer Eisenbahnherrlichkeit entdeckten derzeit immer mehr Menschen, so der Freiburger Bahnwanderer Marc-André Schygulla, "die idyllischsten Winkel unserer Republik, die landschaftlich schönsten Ecken". Eine "Tunneldatenbank" auf seiner Website umfasst bereits mehr als 2000 Fotos.

Von Taxifahrern misstrauisch beäugt

"Nie war das tote Gleis lebendiger," freut sich Schygulla, der allerdings auch vor Unfallgefahren warnt: Das Betreten alter Bahnbrücken und Tunnel sei "meistens lebensgefährlich". Als riskant könne sich auch die Annäherung an ehemalige Bahnhöfe erweisen, die heute als Wohnhaus genutzt und von Hunden bewacht werden: "Zur Eigensicherung im Umfeld privater Empfangsgebäude hat sich das Mitführen Thüringer Rostbratwürste bewährt."

Ertragen müssen Trassenwanderer neben langen Durststrecken in der gastronomiearmen Peripherie auch "misstrauische Blicke von Taxifahrern, wenn man als Fahrtziel eine alte Weiche oder einen ehemaligen Güterbahnhof angibt", sagt Michael Frömming. Der Bahnlatscher hat auf seiner Website begonnen, kartografisch und fotografisch die 3000 Kilometer Schienenstrecke zu erfassen, die allein in Niedersachsen stillgelegt worden sind. Immerhin rund 200 Kilometer ist Frömming schon abgewandert, der im Hauptberuf als Verkehrsexperte für den Bremer Senat tätig ist und ehrenamtlich als niedersächsischer Landesvorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) wirkt.

Der Wanderer, der in diesem Sommer eine einstige Bahnstrecke im Herzen des Harzes abklappern will, räumt ein, dass sein "ambitioniertes Hobbytum" auf Außenstehende "vielleicht etwas verrückt" wirke. Das Bahnlatschen habe jedoch einen "ernsten politischen Hintergrund": Die alten Trassen dürften nicht in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit verblassen. Zudem müssten die Entwidmung und Verbauung weiterer Schienenwege verhindert werden, um die Strecken wiederbeleben zu können, wenn Energiepolitik und Klimaschutz eine Rückbesinnung auf den Schienennahverkehr erzwingen.

Mut macht dem Verkehrsexperten die Geschichte einer schon aufgegebenen Strecke quer durch das niedersächsische Teufelsmoor, die sich zum "Leuchtturmprojekt" entwickelt habe. Nachdem sich "Land, Kommunen und Touristiker an einen Tisch gesetzt hatten", transportiert auf der wiederbelebten Route ein nostalgischer "Moorexpress" Wochenendler von Stade nach Worpswede; mittelfristig soll die Trasse auch werktags wieder befahren werden. Das "Vorbildprojekt Moorexpress" zeige, urteilte der Stader Landrat Michael Roesberg beim jüngsten niedersächsischen VCD-Kongress, dass "touristische Verkehre als Türöffner für die Entwicklung des Schienenverkehrs in der ländlichen Region" taugten.

Per Fahrrad in das "Große Schlitzohr"

Einen "Beitrag zur Sicherung ehemaliger Bahntrassen" vor der endgültigen Zerstückelung sehen Verkehrsexperten auch in dem Trend, bereits stillgelegte Bahnstrecken und -dämme in Radwanderwege umzuwandeln. Bereits heute gibt es, so der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC), in der Bundesrepublik rund 450 Bahntrassen-Radwege, rund 50 weitere sind in Planung.

Die Routen führen weitgehend kreuzungsfrei und abseits des Straßenverkehrs auf 15 Meter hohen Dämmen durch das Ruhrgebiet ("Erzbahntrasse"), 90 Kilometer weit durch Hessen ("Vulkanradweg") oder durch einen Tunnel namens "Großes Schlitzohr" durch die Eifel ("Maare-Mosel-Radweg"). Beliebt sind die zumeist asphaltierten Routen mit ihren häufig großartigen Aussichten, komfortablen Radien und geringen Steigungen nicht nur bei radelnden Familien, sondern auch bei Nordic Walkern, Inline-Skatern, Rollstuhlfahrer und, im Winter, bei Skilangläufern.

Welches enorme touristische Potential in ehemaligen Bahnstecken steckt, zeigt sich in den USA: Die "Rails-to-Trails Conservancy", eine gemeinnützige Initiative mit rund hunderttausend Anhängern, hat dort seit den achtziger Jahren 1200 frühere Trassen erhalten, indem sie darauf Rad- und Wanderwege angelegt hat.

Auf diese Weise bleibt das Land in der öffentlichen Hand, so dass es bei Bedarf eines Tages wieder für den Bahnstrecke genutzt werden könnte. Bis dahin dienen die Routen als "healthier places for healthier people" der Fitness ihrer Nutzer. Und das sind nicht wenige: Rund eine Million Radler rollen jährlich über den Pinellas Trail in Florida, zwei Millionen über den Minuteman Railway in Massachusetts, sogar drei Millionen über den W&OD Railroad Trail in Virginia.

  • 1. Teil: Auf dem Abstellgleis
  • 2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, warum Trassentouristen Rostbratwürste mitführen sollten und was Inline-Skater und Skilangläufer an ehemaligen Bahnstrecken reizt.


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