Drohendes Flugchaos Luftraum über München und Stuttgart geschlossen

Der isländische Vulkan Eyjafjallajökull beeinträchtigt jetzt wieder den deutschen Luftraum: Die Flughäfen München und Stuttgart sind geschlossen. Wann der Flugbetrieb wieder aufgenommen wird, ist noch unklar - ebenso wie die Zahl der Flüge, die insgesamt betroffen sein werden.

REUTERS

Hamburg/München/Frankfurt - Die Deutsche Flugsicherung hat am Sonntag den Luftraum um München und Stuttgart komplett geschlossen. Bis auf weiteres dürfen keine Flugzeuge starten oder landen. Grund ist laut Flugsicherung eine hochkonzentrierte Aschewolke in dem Luftraum.

Seit 15 Uhr sind für mehrere Stunden weder Sicht- noch Instrumentenflüge in München erlaubt. Ein Ende des Flugverbots sei derzeit nicht absehbar, sagte ein Sprecher des Münchner Flughafens zu SPIEGEL ONLINE. Bislang seien 310 Starts und Landungen abgesagt. Sollte die Sperrung andauern, könnten am Sonntag insgesamt 600 von 1024 Flügen ausfallen. Der Münchner Flughafen ist der zweitgrößte Deutschlands und neben Frankfurt das wichtigste Drehkreuz der Lufthansa. Der Luftraum über Stuttgart wurde ebenfalls komplett geschlossen.

Betroffen waren auch kleinere Flughäfen wie Friedrichshafen am Bodensee, Memmingen und Augsburg. Die Aschewolke über Süddeutschland bewege sich jedoch in Richtung Osten, sagte eine Sprecherin der Flugsicherung am späten Nachmittag. Abhängig von der Wetterlage sei es denkbar, dass der Flugverkehr bis zum Ende des Tages oder im Laufe im betroffenen süddeutschen Raum wieder aufgenommen werde.

Auch Österreich und die Schweiz meldeten Probleme im Flugverkehr. Starts und Landungen sind nicht möglich auf den österreichischen Airports Innsbruck, Salzburg, Linz und Wien, teilte die Flugaufsichtsbehörde Austro Control mit. Die Schweiz hat sich der Sperrung weiter Teile des europäischen Luftraums zwar nicht angeschlossen. Dennoch fielen am Sonntag zahlreiche Flüge in Genf, Basel und Zürich aus. Erneut gesperrt wurden fünf Flughäfen in Westirland; die drei größten Flughäfen des Landes in Dublin, Cork und Shannon waren weiter in Betrieb.

Lufthansa kritisiert Flugverbote

Die Deutsche Lufthansa hält die Flugverbote in Süddeutschland für falsch. "Es gibt keinen konkreten Hinweis auf eine Gefährdung", sagte Lufthansa-Sprecher Klaus Walther am Sonntag. Erneut seien für die Entscheidung nur Computersimulationen herangezogen worden. Die Schweiz, die eigene Messungen durchgeführt habe, lasse weiter den Flugverkehr zu. In Deutschland habe man dagegen keine Messflüge gestartet. "Das ist kein der Sache angemessenes Krisenmanagement", sagte Walther.

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Wissenschaftsbilder April: Vulkanausbruch legt Europa lahm

Am Wochenende war der Flugverkehr in Teilen Südeuropas bereits empfindlich beeinträchtigt. Airports in Spanien, Italien, Portugal und Frankreich blieben zeitweise gesperrt. Der Flugverkehr war am Sonntag besonders in Norditalien gestört: Zahlreiche Airports im Nordwesten des Landes mussten geschlossen werden - auch der der bei Touristen beliebten Stadt Mailand. In Südfrankreich fürchtete man ebenfalls weitere Behinderungen.

Ausläufer der Aschewolke sorgten auch auf der iberischen Halbinsel für Probleme. In Nordspanien sollten nach Angaben der Flugaufsicht vier Flughäfen bis zum Sonntagnachmittag gesperrt bleiben. 19 Flughäfen hatten am Samstag schließen müssen, darunter der Airport von Barcelona. 600 Flüge wurden gestrichen, betroffen waren Zehntausende Passagiere. In Portugal konnten in Porto keine Maschinen landen und abfliegen. Seit Samstagabend ist insbesondere der Transatlantik-Flugverkehr von Portugal aus eingeschränkt. Viele Flüge mussten umgeleitet werden, was zu längeren Flugzeiten führte.

Mitte April hatte der isländische Vulkan Eyjafjallajökull fast den gesamten europäischen Luftverkehr rund eine Woche lang lahmgelegt, weil die Partikel der Vulkanasche eine Gefahr für Flugzeuge darstellen. Hunderte Airports mussten schließen, mehr als acht Millionen Reisende saßen fest. Die Ausfälle führten zu Schäden in Milliardenhöhe.

In dieser Situation erlaubten die Aufsichtsbehörden in Deutschland sogenannte Sichtflüge (siehe Kasten links), um wenigstens einen Teil der gestrandeten Passagiere aus ihrer Notlage zu befreien. Doch jetzt zeigt sich: Die Maßnahme war und ist unter Flugzeugführern hoch umstritten.

"Viele von uns waren fassungslos"

Nach Informationen des SPIEGEL bedauert der Sicherheitspilot der Lufthansa, Jürgen Steinberg, in einem internen Aushang gegenüber Kollegen seine Zustimmung zu den Sichtflügen, die deutsche Fluglinien Ende April während des Vulkanasche-Alarms geflogen sind: "Das darf sich nicht wiederholen. Heute würde meine Empfehlung in der gleichen Situation lauten: Don't do it."

Heikel war die Lage vor allem am Dienstag, dem 20. April, als über Norddeutschland eine Regenfront mit tiefhängenden Wolken die Flugzeuge zwang, weite Strecken in extrem niedrigen Höhen zu fliegen. Der SPIEGEL zeichnet in seiner neuesten Ausgabe anhand von Radardaten drei von insgesamt mehreren Dutzend solcher Flüge nach, unter anderem auch den Flug LH 008 von Frankfurt am Main nach Hamburg: Ab dem Steinhuder Meer sank der Airbus A321 von 1000 Metern bis auf 600 Meter über Grund.

Air Berlin und Lufthansa beteuern, sichere Abstände zu Flugzeugen und Wolken seien jederzeit eingehalten worden. Man habe im Übrigen "das Verfahren im Vorfeld gemeinsam mit dem Verkehrsministerium, dem Luftfahrtbundesamt sowie der DFS erarbeitet und von diesen Behörden genehmigt bekommen", so Lufthansa-Bereichsvorstand Raps gegenüber dem SPIEGEL.

suc/kgp/mbe/dpa/ddp/apn/Reuters

Forum - Vulkanausbruch - war die Sperrung des Luftraums überhaupt notwendig?
insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
Fackus 24.04.2010
1. eine Frage ...
Zitat von sysopNach dem europaweiten Reise-Chaos dauert die Diskussion über den Umgang mit dem Vulkanausbruch weiterhin an. Inzwischen erscheinen die Entscheidungen zweifelhaft. War die radikale Sperrung des Luftraums überhaupt notwendig?
... die in ihrer Dämlichkeit glatt aus dem ZdF Politbarometer entsprungen sein könnte. Ach - da war sie neulich sogar ? ... klaro. Als ob von uns Normalos irgendeiner das tatsächlich beantworten könnte! Keiner hat seinen Rüssel zum Schnuppern in 6000m über Grund gehängt. Kaum einer wird wissen, was da überhaupt rumgeflogen ist oder hat je einen Vulkan von innen gesehen. Na - dann wird's ja gleich wieder losgehen: Druff auf die Entscheider ! Aber mal nachdenken, was man in so einem Fall an verantwortlicher Stelle wirklich selber getan hätte.
semper fi, 24.04.2010
2.
Zitat von sysopNach dem europaweiten Reise-Chaos dauert die Diskussion über den Umgang mit dem Vulkanausbruch weiterhin an. Inzwischen erscheinen die Entscheidungen zweifelhaft. War die radikale Sperrung des Luftraums überhaupt notwendig?
Die zweideutige Antwort lautet: Jein. Die Sperrung war notwendig. Aber aufgrund des äusserst schlechten Krisenmanagements (in anderen Foren schon mehrfach ausgeführt) hat die Sperrung viel zu lange gedauert.
Haio Forler 24.04.2010
3. .
Zitat von Fackus... die in ihrer Dämlichkeit glatt aus dem ZdF Politbarometer entsprungen sein könnte. Ach - da war sie neulich sogar ? ... klaro. Als ob von uns Normalos irgendeiner das tatsächlich beantworten könnte! Keiner hat seinen Rüssel zum Schnuppern in 6000m über Grund gehängt. Kaum einer wird wissen, was da überhaupt rumgeflogen ist oder hat je einen Vulkan von innen gesehen. Na - dann wird's ja gleich wieder losgehen: Druff auf die Entscheider ! Aber mal nachdenken, was man in so einem Fall an verantwortlicher Stelle wirklich selber getan hätte.
Eben. Vermutlich dasselbe, einfach um sicher zu gehen. Ich hätte das Getöse hören wollen, wäre auch nur eine halbbesetzte Cessna wegen Asche abgestürzt.
shaman1905 24.04.2010
4.
Ich bin mir ganz sicher, was ich gemacht hätte: Gesperrt. Auch nur ein Menschenleben zu riskieren, solange vieles unklar war, hätte ich nicht verantworten wollen.
rkinfo 24.04.2010
5.
Zitat von semper fiDie zweideutige Antwort lautet: Jein. Die Sperrung war notwendig. Aber aufgrund des äusserst schlechten Krisenmanagements (in anderen Foren schon mehrfach ausgeführt) hat die Sperrung viel zu lange gedauert.
Genau ! Auch die Fluggesellschaften, Aibus & Boeing sowie die Triebwerkhersteller hatte keine Daten um die Asche zu bewerten. Ohne messbares Indiz was gefährlich und ungefährlich ist war die Sperrung unvermeidbar. Aber sowas muß nicht viele Tage dauern und vor allem nicht alle 6-10 Stunden neu geschoben werden.
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