Eine Nacht im Baumhaus: Frühstück im Wipfel

Ein Bett in 7,50 Meter Höhe, das Frühstück kommt per Seilzug: Stefan Simons erlebte in der Sologne eine abgehobene Übernachtung. Im sechseckigen Baumhaus scheint die Zivilisation sehr weit weg - und die nächste Dusche auch.

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Durch die Krone von Laub- und Nadelgehölz blinkt das letzte goldene Abendlicht. Vogelgezwitscher weicht dem Zirpen von Grillen, das Blattwerk umrahmt einen blau-schwarzen Himmel, die Mondsichel hängt im Geäst. Über allen Wipfeln ist Ruh.

Über allen Wipfeln? Nein, aus einer Baumspitze klingen merkwürdige Geräusche. Unweit des Waldwegs, dort wo der Stamm einer Eiche in ausladende Astgabeln übergeht, sind Stimmen vernehmbar, erklingt das Anstoßen von Weingläsern aus luftiger Höhe. Auf halben Weg zwischen Himmel und Erde ist ein Baumhaus verankert. eine von acht versteckten Hütten im "Parc des Alicourts": Hier, in der bukolischen Region der Sologne, südlich des Loire-Bogens und seiner Schlösser, ist der jüngste Trend eines naturnahen Tourismus zu bestaunen: "Schlafen im Baum".

Einzig in Frankreich, gelegen in privaten Schlossanlagen, einsamen Domänenwäldern, auf Bauernhöfen oder Campingplätzen, versprechen die Baumhäuser die "Verwirklichung eines Kindertraumes". Ob mit Blick aufs Meer, Seen oder in Waldgebiete - an rund 20 Orten, zwischen Bretagne, Normandie, Jura und Zentralmassiv, existieren diese Hütten, 2008 mit dem Preis der Tourismusbehörde ausgezeichnet.

Die alternative Übernachtungsmöglichkeit zu Zelt oder Bungalow existiert als Familienversion (in Bodennähe, bis zu zwei Zimmer, ab 2 oder 6 Jahren), für mutigere Bewohner (bis 16 Meter hoch, zu besteigen per Treppe oder Strickleiter) oder gar nur erreichbar am Ende eines "Abenteuer-Parcours" (in 13 Meter Höhe, ab 16 Jahren), zugänglich über Hängebrücke oder Seilzug.

Klopapier, Kerze und Kopfkissen

"Sind Sie schwindelfrei", heißt denn auch die erste Frage bei der Ankunft am Campingplatz "Parc des Alicourts". Denn unsere Unterkunft, eine von acht Hütten, befindet sich in 7,50 Meter Höhe. Wir bekommen einen Rucksack in die Hand gedrückt mit der touristischen Grundausstattung für die Nacht: Laken und Kopfkissenbezüge, eine Wasserflasche, Klopapier, Kerzen und mehrere Taschenlampen.

Zehn Fußminuten entfernt vom Treiben des modernen Vier-Sterne-Platzes erreichen wir unsere Behausung. Eine solide Leiter, geschützt gegen Ausgleiten, führt zur Hütte "Die Unzertrennlichen". Der Rundbau mit spitzem, Reisig bedeckten Dach erinnert an eine afrikanische Lodge oder an ein Baumhaus aus dem Gallier-Dorf von Asterix und Obelix.

Der erste Eindruck auf dem Holzdeck mit Teak-Mobilar für zwei Personen und einer Laterne: Hier wurde ordentliche Zimmermannsarbeit geleistet, harmonisch eingepasst in mächtige Baumgabelungen und zusätzlich mit Drahtseilen in der Krone verspannt - hier wackelt nichts. Der Stamm ragt durch das sechseckige Zimmer, hinter der Tür bietet das gemütliche Doppelbett auf Höhe der ringsum angebrachten Fenster Rundumausblick auf Geäst und Blattgrün.

Darüber steigt das offene Dach an wie ein Zwergenhut, hier baumelt das Moskitonetz. Liebevoll-pfiffige Details wie das Fenster, das als Kompass geschnitten ist, vermitteln den Eindruck anthroposophisch sägender Handwerker. Eine zweite Tür führt vom Holzeck zum schlichten Trockenklo - daneben der Bottich mit Sägespänen. Alles bio.

Wir haben mittlerweile über den Seilzug mit Rolle das Gepäck in die Höhe gezogen, die Laken ausgebreitet und das Moskitonetz festgesteckt. Jetzt ist Zeit für den lokalen Rotwein, Pastete, Brot und Käse. Die Krümel fallen zwischen den Planken nach unten - alles für die Wildschweine, die hier ansonsten mit Mais gefüttert werden, damit sie nicht Wiesen und Golfplatz umpflügen.

Siebenschläfer im Reisigdach

Die Sonne sinkt, es duftet nach Harz, eine Hornisse brummt vorbei. Mit dem Einbruch der Dunkelheit summen Insekten um Kerzen und Laterne, jetzt ist Zeit für Anti-Mücken-Tinktur und auch noch ein Glas von dem samtigen Château de Chinon. Das Zahnputzwasser leeren wir - ökologisch korrekt - in den Bioabtritt, statt Spätnachrichten gibt es die Geräusche der Nacht - Kauz, knackendes Unterholz, ein Siebenschläfer, der über das Reisigdach tobt.

Aus dem SPIEGEL-TV-ARCHIV
Träumen in den Wipfeln: Eine Nacht im Baumhaus
(24.07. 2007)
Welch ein Aufwachen. Flimmernde Lichtstrahlen statt Telefongebimmel von der Rezeption wecken uns in der Früh. Hütte, Bett und Fenster sind offenbar auf die Morgensonne ausgerichtet. Jetzt herunterklettern und mit Handtuch und Seife zum Duschen in die Holzkabinen laufen? Ich spare mir derartige Campingplatz-Routine: Ein halber Liter nachtkalten Wassers aus der Plastikbuddel über den Kopf gegossen, wirkt deutlich erfrischender.

Mittlerweile ist auch das Frühstück eingetroffen, am Ende des Seilzugs baumelt ein Korb mit zwei Thermosflaschen für den Milchkaffee, dazu Orangensaft, Joghurt, Marmelade, Honig, Baguette und Croissants. Frühstück im Grünen, baumhoch, köstlich.

Wir genießen jede Minute, denn gegen 11 Uhr gilt es zu packen. Trotz des Preises - 130 Euro pro Nacht - muss wie in einer Jugendherberge das Bett abgezogen werden, sind Wäsche und Rucksack zurück zu schaffen, und auch das Trockenklo gehört von den Gästen entsorgt. Keine Überraschung aus dem Kleingedruckten: Die Baumhäuser empfehlen sich (Sommers wie Winters) ausdrücklich als "Hütten ohne Wasser, Strom und Komfort". Und als "idealer Umgebungswechsel nahe der Natur, für eine verliebte Nacht zu zweit, für einen Geburtstag oder einen Moment mit der Familie."

Stimmt. "Die Unzertrennlichen" bleiben zurück als wahrhaft abgehobenes Übernachtungserlebnis im Schutz der Baumkrone. Fern von der zivilisatorischen Allerweltsstandard der Hotel- und Gasthausketten samt Fernsehen und Mini-Bar - dafür aber mit dem romantischen Charme eines Insel-Leuchtturms.

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Baumhaus: Schlummer in der Krone