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28. Januar 2015, 09:15 Uhr

Eisfischen in Lappland

Maränen, ein Barsch und viele Geister

Von Alva Gehrmann

Fischen bei minus 25 Grad und absoluter Ruhe: Wer Juha und Lea in Lappland besucht, taucht in eine andere Welt ein. In ihrem Restaurant bereiten sie den frisch gefangenen Fisch selbst zu - und lassen sich auch von Erdgeistern nicht stören.

Das Thermometer zeigt minus 24 Grad Celsius an - ein milder Tag in Äkäslompolo. Im Winter wird es hier in Lappland bis zu minus 50 Grad kalt. Dann frieren selbst die Haare ein und die Wimpern sind mit kleinen Eisperlen verziert. Aber dafür ist es an diesem Mittag viel zu warm. Juha Antikainen hat sich trotzdem dick eingehüllt, schließlich wird er nun für einige Stunden im Freien sein. Mehrmals die Woche geht der 53-jährige Koch zum Eisfischen, um frische Ware für sein Restaurant Karilan Navettagalleria zu fangen.

Seine furchteinflößende Ausrüstung zieht er auf einem Schlitten durch das lichte Waldstück zum See Särkijärvi. Nach wenigen Minuten steht der Finne vor der schneebedeckten Weite. Auf den ersten Blick scheint es, als sei das Leben dort komplett eingefroren. Doch rund 50 Zentimeter unter dem Eis tummeln sich Maränen, Barsche und Äschen.

Zielstrebig läuft Antikainen über den See zu einem schmalen Holzstab. Daran baumeln in einer Plastiktüte ein Zettel mit seinem Namen sowie mehrere Plaketten. "Sechs Euro kostet eine Fanggenehmigung pro Saison", sagt Antikainen. Der Finne holt eine über zwei Meter lange Säge und einen riesigen Bohrer heraus. Er lässt sich Zeit. Über ihm kreist ein einzelner Rabe, der Vogel dreht eine Runde und verschwindet dann krähend in der Ferne. Ansonsten ist es absolut still.

"Ich liebe die Ruhe auf dem zugefrorenen See", sagt Antikainen und hebt eine Styroporplatte hoch. Darunter verbirgt sich ein Eisloch. Darin: eine neu gefrorene Schicht der vergangenen Tage, etwa fünf Zentimeter dick. Der Finne lädt den Besuch ein, es selbst freizusägen. Mit einer Schaufel schüttet er die gefrorene Schicht weg und zieht behutsam das unter dem Eis hängende Fischernetz hoch.

Es ist insgesamt 60 Meter lang, am anderen Ende ist ebenfalls ein Stock befestigt. Rund ein Drittel hat er schon herausgezogen, doch kein einziger Fisch zappelt darin. "Ob die Geister uns wohlgesonnen sind und du uns Glück bringst?", fragt er und lächelt. Kurz darauf hängt eine erste "siika", eine Maräne, im Netz. Er legt sie frei auf das Eis, sie laicht. Die gelben Eier des lachsartigen Fisches sind echter Kaviar. Nach und nach zieht er wortlos, aber mit einem leichten Lächeln weitere Fische aus dem Netz. Die Zeit auf dem Särkijärvi macht alle an diesem frühen Nachmittag stiller.

Normalerweise bleibt Antikainen bis zu sechs Stunden auf dem Eis, doch der Fang - sieben Maränen, ein Barsch und eine Zwergmaräne - reicht fürs heutige Abendessen. Und da es gegen 14.30 Uhr dunkel wird, packt er seine Sachen und deckt das Eisloch ab.

In der bläulichen Dämmerung fährt der Koch ins wenige Kilometer entfernte Restaurant und Café Karilan Navettagalleria, wo seine Frau Lea Kaulanen in der warmen Stube wartet. Der einsam gelegene Hof hat schon Besucher aus der ganzen Welt beherbergt.

In den Fünfzigerjahren schon betrieben Kaulanens Eltern in den Wintermonaten eine Art Pension. Damals war es üblich, dass fast jede Familie in Äkäslompolo ihr Zuhause für Gäste öffnete. Die Kinder wohnten während dieser Zeit auf dem Dachboden des Kuhstalls. "Mein Vater holte die Gäste mit dem Pferdeschlitten ab, weil es keine richtigen Straßen gab", erzählt Kaulanen. Heute kommt jeder direkt zum Familienhof, die meisten Besucher auf Skiern, weil dort auch die Loipe entlangführt.

Wo einst die Kühe standen, befinden sich nun das Café und die offene Küche des Karilan. Antikainen hat sich umgezogen und nimmt die Fische aus, seine Frau hilft ihm beim Schnippeln des Dills und der Zwiebeln. Die Gerichte Lapplands, wie die Fischpastete Kurniekka, sind recht einfach gehalten. Man muss eben mit dem arbeiten, was dort wächst. Dazu gehören im Herbst auch einige Beerenarten - wie Blau- und Moltebeeren. Aus ihnen presst Kaulanen frische Säfte für ihre Gäste.

Normalerweise wäre Antikainen heute eigentlich noch zum "seita" gegangen. "Das ist ein heiliger Platz in der Natur", sagt Lea Kaulanen. "Das kann ein besonderer Stein oder ein geschnitzter Holzstamm sein". Dort hinterlegen die Anwohner wie schon ihre Vorfahren stets eine Gabe, zum Beispiel ein kostbares Stück Fisch, um einen guten Fang zu erbitten. Die genaue Seita-Location behält jede Familie für sich.

Zur Kultur Lapplands gehören auch die Erdgeister. Einige davon hat Lea als Pappmaché-Puppen und als Holzfiguren nachempfunden, die nebenan in der Galerie auf die Gäste warten. Manche wirken freundlich, andere sehen eher gruselig aus. Glaubt man der Finnin, können die "maahinen", Erdgeister, viele Gestalten annehmen - etwa als Menschen, Raben oder Rentiere. Oder in Träumen auftauchen. "Maahinen sind keine Märchen, wir Menschen leben hier mit ihnen", sagt Kaulanen nach dem Abendessen zur Verabschiedung.

Gegen 22 Uhr, in einer Holzhütte in Äkäslompolo, beim Blick auf die weite verschneite Landschaft und die umliegenden Hütten, laufen plötzlich einige Rentiere direkt am Fenster vorbei. Schnell die Kamera holen, doch dann, nur wenigen Sekunden später, sind sie verschwunden. Auch von den anderen Fenstern aus keine Spur mehr von den Tieren. Entweder waren es Erdgeister - oder einfach nur sehr flotte Rentiere. Je nachdem, was man lieber glauben möchte.

Rezept für Kurniekka (12 Stücke)
Fischpastete nach Art von Karilan Navettagalleria

Zutaten:

Teig: 0,4 Liter Wasser, 25 Gramm Hefe, 2 Teelöffel (TL) Salz, 3 TL Zucker, 40 Gramm Butter, 5 Deziliter (dl) Weizenmehl, 5 dl Roggenmehl

Füllung: Ca. 500 g Maränenfilet, in kleine Stücke geschnitten; 2 gehackte Zwiebeln, Salz, Schwarzer Pfeffer, Butter, Dill

Zubereitung

Für den Teig die trockenen Zutaten mischen. Warmes Wasser, Hefe und geschmolzene Butter hinzufügen. So lange kneten, bis der Teig geschmeidig ist und sich leicht von der Schüssel ablöst. Abgedeckt aufgehen lassen. Anschließend den Teig in zwölf gleich große Stücke teilen und jedes in eine 1 cm dicke Scheibe ausrollen. Jetzt jeweils auf die Hälfte der Scheibe ein Stück Fisch sowie Gewürze (Salz, Zwiebeln, Pfeffer, Dill) und etwas Butter legen. Die andere Teighälfte auf die Füllung legen und mit den Fingern festdrücken. Alle Kurniekkas mit Ei bestreichen und dann bei 200 Grad eine halbe Stunde backen, im Anschluss die Temperatur auf 150 Grad reduzieren und nochmals 10 bis 15 Min. im Ofen backen.

Die Kurniekkas werden warm mit Butter serviert.

Karilan Navettagalleria , Karilantie 31, 95970 Äkäslompolo, Finnland
Geöffnet montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr, Saison von Dezember bis April und im September. Wer Interesse hat, kann Juha Antikainen beim Eisfischen begleiten.

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