Kanareninsel El Hierro Die kleine Unbekannte

Auf Teneriffa machen Milionen Urlaub, auf El Hierro sind es nur ein paar zehntausend. Die kleinste der Kanareninseln ist rau und verwunschen. Und es gibt Ruhe.

Von Oliver Lück

Oliver Lück

Wer El Hierro je besucht hat, versteht, warum hier einst das Ende der Welt verortet wurde. Es ist einsam. Und es ist noch ruhiger geworden. Die einen sprechen von 7000, andere von gerade noch 6000 Herreños, die hier das ganze Jahr über leben. Hier auf der kleinsten der Kanarischen Inseln, die zugleich am unbekanntesten ist.

Die Männer, die an diesem Vormittag gegenüber dem Cruz Alta, einer Bar in Tigaday, auf den Bänken sitzen, diskutieren leidenschaftlich gerne. Jeden Tag treffen sie sich hier, nur von der Siesta unterbrochen. Sie rauchen und trinken kräftigen Kaffee. Zurzeit hat kaum einer von ihnen Arbeit - weit mehr als 30 Prozent der Herreños sind arbeitslos.

Einer sagt: "Wir waren hier schon immer im Abseits. Doch nun hat sich alles zu einer Dauerkrise entwickelt." Ein anderer: "Viele müssen die Insel verlassen, da sie schon lange nicht mehr genügend verdienen. Nicht bloß Einheimische, auch Zugereiste, die zum Teil seit Jahrzehnten hier gelebt haben." Der nächste: "Das Leben ist viel schwieriger geworden. Madrid ist nirgendwo weiter weg als hier. Man hat uns vergessen."

Unterwasservulkan brachte El Hierro aus dem Gleichgewicht

Auch die Einkommensquellen durch den Tourismus schrumpfen. Die ohnehin schon wenigen Urlauber - meist sind es Festlandspanier - bleiben aus. Die Insulaner erzählen von geschlossenen Restaurants und schließenden Pensionen. Das erst vor wenigen Jahren gebaute Erlebnisschwimmbad verfällt.

Während der Tourismus auf der rund achtmal größeren Insel Teneriffa mit etwa fünf Millionen Urlaubern im Jahr boomt, sind es nur 60.000 auf El Hierro - wenn überhaupt. Allein der Touristenort Los Cristianos im Süden Teneriffas verbraucht an einem Tag mehr Wasser als El Hierro in einem ganzen Monat. 2016 soll ein Hard-Rock-Hotel an der Südküste Teneriffas mit fast tausend Zimmern und Suiten eröffnen, wie es in Las Vegas oder auf Bali eines gibt. Auf El Hierro haben sie ein Hotel, das mit seinen vier Zimmern mal als das kleinste der Welt im Guinnessbuch der Rekorde geführt wurde.

Hotelbesitzer Miguel Torres: "Wie ein Schiff vor Anker"
Oliver Lück

Hotelbesitzer Miguel Torres: "Wie ein Schiff vor Anker"


Miguel Torres, der Pächter des winzigen Hauses, das in Las Puntas auf einer schmalen Basaltzunge mitten im Atlantik steht, sagt: "Ich bin mein ganzes Leben auf der Insel. Und Angst vor der Zukunft habe ich auch jetzt nicht. Mein Hotel und ich liegen hier wie ein Schiff, das vor Anker gegangen ist."

Als im Oktober 2011 ein Unterwasservulkan ausbrach, das Wasser zweieinhalb Kilometer vor der Südküste sprudeln ließ und gelbgrün wie einen Algenteppich färbte, war nicht nur das Meer aus dem Gleichgewicht geraten. Auch viele Menschen von El Hierro hatten kurzzeitig ihren Mut verloren. Der Fischer- und Taucherort La Restinga musste evakuiert werden, die Fische starben. Eine Katastrophe für die Menschen und - wie es zunächst schien - für die Natur.

Vorzeigemodell für Nachhaltigkeit

Ein Jahr nach dem Ausbruch hatte sich das Meer wieder erholt. Und noch mehr: "Nie zuvor habe ich so viel Leben im Mar de las Calmas gesehen wie heute", sagt ein Tauchlehrer aus La Restinga. Und der Mann von der Umweltbehörde sagt: "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht aufs Meer blicke. Das zeigt mir immer wieder, wie klein unsere Insel ist, wie klein wir Menschen sind. Wir verdanken dem Meer alles und haben große Ehrfurcht vor dem Ozean. Und Vertrauen. Und nun wendet sich wieder alles zum Guten."

Also alles nicht so schlimm? Tatsächlich gibt es noch mehr positive Geschichten. Immer wieder, wenn es in den vergangenen Monaten um Nachhaltigkeit ging, galt El Hierro als weltweites Vorzeigemodell. Bislang produzierte ein Dieselkraftwerk die gesamte Elektrizität der Insel. Der teure Treibstoff musste importiert werden. Seit Ende Juni aber drehen sich - nach vielen Jahren der Planung - nun fünf Windräder, die schon bald zu 100 Prozent den Strombedarf decken sollen.

Und nicht nur das: Mit überschüssiger Windenergie wird Wasser einen Berg hinaufgepumpt und dort in einem erloschenen Vulkankrater gespeichert. Bei einer Flaute lässt man es den Berg wieder hinunterfließen und durch die Turbinen rasen - das einzige Wasser-Windkraftwerk dieser Art.

Von überall her waren bereits neugierige Umwelttechniker auf El Hierro, um sich das Projekt zeigen zu lassen. Die kleine Insel als Gastgeber der großen, weiten Welt - das gefällt den Inselpolitikern. Ob dieses Energiemodell langfristig funktioniert, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Ziege vom Hirten, Fisch frisch vom Kutter

Es ist seltsam, dass nicht mehr Touristen nach El Hierro kommen. Auch wenn es nicht ganz so warm und auch etwas windiger und rauer als auf mancher der Nachbarinseln ist, gibt es hier alles für einen Urlaub, den man nicht vergessen wird. Es gibt von Nebel und Kiefernwäldern überzogene Berghänge. Es gibt Felslöcher in der Küste, aus denen der Atlantik meterhohe Fontänen schießt.

Es gibt knorrige Wacholderbäume, die mit dem Wind gewachsen sind und als Skulpturen auf Kunstauktionen vermutlich Höchstpreise erzielen würden. Es gibt die Ziege vom Hirten, das Gemüse vom Bauern und den Fisch frisch vom Kutter. Es gibt Wanderwege, auf denen man in wenigen Stunden durch vier Vegetationszonen laufen kann. Es gibt Ruhe. Und wenn es dunkel wird auf El Hierro, wird es so richtig dunkel. All das gibt es - und kaum jemand bekommt es mit.

Rund zweieinhalb Stunden sind es mit der Schnellfähre von Teneriffa, wo die Flugzeuge landen. Das ist den meisten schon zu viel. Die meisten wollen Sandstrände und Alles-inklusive-Hotels, wo man sich um nichts kümmern muss. Diesen vermeintlichen Luxus des Massentourismus kann El Hierro nicht bieten. Nur wenn ein großes Kreuzfahrtschiff im Hafen von Puerto de la Estaca anlegt, steigt die Zahl der Menschen rasant an.

Dann bevölkern britische Rentner die Insel und werden in Reisebussen herumgefahren. Sie steigen aus und fotografieren. Sie steigen ein und fahren zurück zum Schiff. Und dann sind sie auch schon wieder verschwunden - als wären sie nie da gewesen.

Zum Autor
  • Oliver Lück
    Wer mit einem Hund im VW-Bus auf den Kanarischen Inseln ist, kann gute Geschichten finden. Oliver Lück ist Journalist zwischen den Meeren in Schleswig-Holstein.
    Für diese Serie haben Lück und Locke die sieben großen Inseln der Kanaren besucht.

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
spon-facebook-694210307 05.01.2015
1. unbekannt? ruhig? kaum touristen?
ab sofort nicht mehr :)
Pedronini 05.01.2015
2.
Zitat von spon-facebook-694210307ab sofort nicht mehr :)
Nach diesem Artikel werden sicher Hunderttausende auf die Insel strömen, keine Frage.
chuckal 05.01.2015
3. Die kleine
Ex-Unbekannte muss es jetzt wohl heißen
Xiuhcoatl 05.01.2015
4. Zu: unbekannt? ruhig? kaum touristen?
> spon-facebook-694210307 heute, 13:53 Uhr > ab sofort nicht mehr :) Ja, schade. Ich hätte es besser gefunden, SpOn hätte diesen Artikel nur uns zwei/drei hier persönlich geschickt. Viel Konkurrenz bin ich nicht, ich verreise überwiegend auf der virtuellen Landkarte. Kl. Literaturtipp: Taschenatlas der abgelegenen Inseln: Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde (Taschenbuch)
Luscinia007 05.01.2015
5.
Bild Nummer 9 wäre doch was für David Cameron. Es müssen ja nicht immer nur deutsche Straßen sein. http://www.spiegel.de/politik/ausland/strasse-im-tory-plakat-offenbar-aus-deutschland-a-1011194.html
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