"El Silbo"-Sprache auf La Gomera: Drauf gepfiffen

Von Oliver Lück

Eine der seltsamsten Sprachen der Welt lernen Schulkinder auf La Gomera: Mit Pfeiflauten, die an den Gesang von Kanarienvögeln erinnern, verständigen sich die Einheimischen. Bis zu acht Kilometer weit sind sie zu hören - doch Handys und Zivilisationslärm bedrohen die jahrhundertealte Tradition.

La Gomera: Zwitscher dir einen Fotos
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Schon jetzt, im Februar, kann es am Morgen 20 Grad warm werden auf La Gomera, der zweitkleinsten der Kanarischen Inseln. Manche Türen der Klassenzimmer in der Grundschule von Playa Santiago stehen daher offen. Die Luft wäre sonst schnell verbraucht in den Räumen. Und so treffen sich die verschiedensten Geräusche im Treppenhaus: Gerade wird eine Lehrerin laut. Aus der Schulküche hört man Töpfe klappern. Auf dem Hof kreischen Kinder beim Sportunterricht.

Und aus dem Raum einer vierten Klasse sind seltsame Laute zu hören, die man zunächst nicht einzuordnen weiß: Es ist eine Art Zwitschern. Wenn man genauer hinhört, ist es ein melodisches Pfeifen, das wie das Singen eines Kanarienvogels klingt. Hohe, lang gezogene Töne, die sich immer wieder senken und übergehen in kurze, trällernde Laute.

Drinnen steht der zehnjährige Carlos vor seiner Klasse. Mit dem Zeigefinger seiner linken Hand hat er einen spitzen Winkel geformt und sich den Fingerknöchel zwischen seine Lippen geschoben. Die rechte Hand hält er an den Mund, als wolle er etwas rufen. Doch heraus kommen keine Worte, sondern Pfiffe. Die Töne entstehen mit Hilfe der Zunge, wenn beim Ausstoßen der Luft die Lippen gleichzeitig gespitzt oder in die Breite gezogen werden. Carlos spricht El Silbo - übersetzt: der Pfiff. Die auf vier Vokale (a, e, i, o) und vier Konsonanten (ch, k, y, g) limitierte Pfeifsprache gibt es heute nur noch auf La Gomera.

Unterricht mit Ohrenschmerzen

An der Wand hängt ein buntes Plakat, das Zahlen, Wochentage und die Namen aller Schüler in Lautsprache zeigt. Carlos pfeift jetzt: "Guten Morgen, Herr Ortiz, komme morgen nicht zur Schule!" - "Warum nicht?", fragt Isidro Ortiz pfeifend zurück. "Weil morgen Sonnabend ist." - "Hervorragend", ruft der Lehrer, "und jetzt alle gemeinsam." Im nächsten Augenblick trällert der ganze Vogelchor. Manche der Schüler pfeifen so laut, dass es in den Ohren weh tut.

Doch nicht nur in Playa Santiago, dem größten Ort der Südküste mit 2000 Menschen, wird El Silbo in der Schule unterrichtet. Seit zwölf Jahren schon ist die Sprache in allen Grundschulen der Insel Pflichtfach und erste Fremdsprache. Von der ersten bis zur vierten Klasse gibt es Noten fürs Pfeifen. Zunächst müssen die Schüler verschiedene Töne treffen, später dann ihre Namen und ganze Sätze zwitschern können.

"Wir versuchen, die Sprache zu retten", sagt Isidro Ortiz. Der bald 80-Jährige ist einer von drei Lehrern der Pfeifsprache auf La Gomera. Der Mann mit dem schütteren Haar, dem runden Bauch und der Brille erzählt, dass in Zeiten des Mobiltelefons immer weniger El Silbo lernen wollen. Außerdem machen die Geräusche des Alltags wie Motorenlärm die Verständigung immer schwieriger. "Es muss ruhig sein", erklärt er, "in den Städten und größeren Orten ist El Silbo daher längst ausgestorben."

Jahrhundertealte Tradition

Seit wann es die eigenwillige Sprache (eine Hörprobe gibt es hier)auf der Atlantikinsel gibt, ist unklar. Mindestens 500 Jahre, sagen die Gomeros. Man glaubt, dass die pfiffige Art der Kommunikation aus dem Atlas-Gebirge im heutigen Marokko stammt und von Volksgruppen mitgebracht wurde, die einst auf die Kanaren übersiedelten.

Die Logik des Pfeifsystems ist weit einfacher nachzuvollziehen: Steht man auf einem Felsen und möchte weit rufen, wird man die Hände zu Hilfe nehmen und zu einem Schalltrichter formen. Und zwar so, dass man die Vokale betont. Den letzten Vokal eines Wortes wird man dabei besonders in die Länge ziehen. So funktioniert auch El Silbo. Wenn jemand ein einfaches Wort pfeift, ergeben die Silben bestimmte Tonlagen und zusammengehängt eine Melodie. Und wie beim Rufen auch wird der letzte Konsonant in einen lang gezogenen Pfiff übersetzt.

Bis in die sechziger Jahre, so erzählen die älteren Gomeros, habe es in den Bergdörfern geklungen wie in einem riesigen Vogelkäfig. Ein ständiges Pfeifen und Flöten. Als sich dann aber das Telefon auf der Vulkaninsel verbreitete, wurde die Sprache langsam vergessen. Und als die Unesco El Silbo vor 30 Jahren in die Liste der erhaltenswerten Kulturgüter aufnahm, lebten gerade noch ein Dutzend Silbadores, die das Pfeifen fließend beherrschten. Meist Ziegenhirten, die sich über die vielen Schluchten auf der Suche nach verloren gegangenen Tieren untereinander oder mit der Familie und Freunden verständigten.

Acht Kilometer Reichweite

Auch Isidro Ortiz war sein Leben lang Hirte und lernte El Silbo von seinen Eltern. "Damals hatten wir weder Strom noch Telefon", erzählt er, "über die Täler hinweg erfuhren wir alles, auch von Geburten oder Todesfällen." Besonders wichtige Nachrichten wurden von einem offiziellen Pfeifer meist nach Einbruch der Dunkelheit verkündet, wenn die Leute zu Hause waren. In einer Stunde konnten die Neuigkeiten über die gesamte Insel verbreitet werden. Steht der Wind günstig, sind die Pfiffe bis zu acht Kilometer weit zu hören.

Isidro Ortiz wohnt mit seiner Frau in Chipude, einem Bergdorf in fast 1000 Meter Höhe im Inneren der Insel. Keine 50 Menschen leben hier. Geht man durch den Ort, kann man jeden seiner Schritte hören. Kaum ein Auto fährt, niemand sonst scheint unterwegs zu sein. Die meiste Zeit des Tages ist es ruhig.

Ortiz steht jetzt in seinem kleinen Gemüsegarten zwischen Kartoffeln und Rüben. Er hat Karotten und Tomaten geerntet. Für den Abend möchte er einen Bekannten zum Essen einladen. Würde er rufen, könnte sein Freund ihn nicht hören - dieser wohnt rund einen Kilometer entfernt. Deshalb pfeift Isidro Ortiz: "Hier Isidro! Hallo Pancho?" - "Hallo Isidro! Hier Pancho! Was?", zwitschert es zurück. "Komm Essen, neun Uhr! Bring Wein!" - "Gut! Danke! Bis später!" Nur einen Augenblick später klingelt das Mobiltelefon. Der Bekannte ist dran und bedankt sich noch einmal für die Einladung. Eine Frage aber hätte er noch: Soll er weißen oder roten Wein mitbringen? "Rot", pfeift Isidro Ortiz in den Hörer, lacht und legt auf.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. El Silbo
Silodansker 08.02.2012
Gehört auf der Fähre zwischen Teneriffa und La Gomera: Die Sicherheitsdurchsage in Spanisch, Englisch, Deutsch und.....El Silbo. So selbstverständlich als wäre es eine Amtssprache und nicht nur Folklore.
2. nerviges Geklimpere
Paul Panda 08.02.2012
Zitat von sysopEine der seltsamsten Sprachen der Welt lernen Schulkinder auf La Gomera: Mit Pfeiflauten, die an den Gesang von Kanarienvögeln erinnern, verständigen sich die Einheimischen. Bis zu acht Kilometer weit sind sie zu hören - doch Handys und Zivilisationslärm bedrohen die*jahrhundertealte Tradition. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,813925,00.html
Sehr interessant. Hoffen wir, dass diese Tradition so schnell nicht ausstirbt. Doch was das Hörbeispiel-Video anbetrifft: Schade, dass heute ohne das obligatorische Musikgedudel im Hintergund wohl nichts mehr geht. Ohne Gitarrengeklimpere hätte man das Pfeifen nämlich noch besser gehört, Ihr lieben "Video-Künstler"!
3. Es gibt noch mehr...
diathermie 08.02.2012
Auch in Griechenland im Dorf Adia auf Südeuböa (ich war da) wird auch diese Pfeifsprache gebraucht, zei Filme dazu auch international gezeigt (greekradiotv: (http://eksoapotadontia.blogspot.com/2010/03/blog-post_718.html), für der griechischen Sprache Mächtige...) Ein Treffen mit Bewohnern eines ebenfalls pfeifenden Dorfes in der Türkei vor einigen Jahren endete in einem Eklat: Sie pfiffen unterschiedliche Sprachen und konnten sich nicht verständigen...
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