Europas höchstgelegenes Hotel Brummschädel am Elbrus

Das Hotel LeapRus im Nordkaukasus liegt in fast 4000 Meter Höhe - so hoch, dass nicht wenige Gäste Kopfweh bekommen. Besonders luxuriös ist es auch nicht. Und was entschädigt dafür? Dieser Ausblick!

Gulliver Theis

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Wer 100 Euro pro Person für eine Nacht im Hotel zahlt, erwartet dafür gewöhnlich ein paar Annehmlichkeiten: ein Zimmer mit Privatsphäre und eigenem Bad zum Beispiel, eine rund um die Uhr geöffnete Rezeption oder einen Parkplatz. Zumindest erwartet man, am nächsten Tag nach einer erholsamen Nacht erfrischt aufzuwachen.

All das können Gäste im LeapRus 3912 vergessen. Sie schlafen in einem Zwölf-Bett-Saal, der Weg zum Badcontainer führt bei Eiseskälte durch tiefen Schnee, parken kann hier nur der rote 455-PS-Pistenbully, der den Transfer von der "Mir"-Station besorgt. Und morgens klagen die meisten über Kopfschmerzen und Übelkeit - wegen der Höhe.

Es liegt also nicht am Komfort, sondern an der besonderen Lage, dass sämtliche Pritschen in dieser Nacht ausgebucht sind. Das LeapRus im russischen Nordkaukasus, Region Kabardino-Balkarien, ist das höchstgelegene Hotel Europas: 3912 Meter über dem Meer. Drei rot-weiße Metallröhren und ein eckiges Klo- und Badmodul schmiegen sich an eine Flanke des Elbrus, des mit 5642 Metern höchsten Gipfels Europas.

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Zwei der Röhren beherbergen Schlafräume, in einer befindet sich das Esszimmer. Man fühlt sich hier wie unter den ersten Siedlern auf einem fernen Eisplaneten, wie ein Kosmonaut im All. Wie passend, dass die nächstgelegene Sesselliftstation "Mir" heißt.

Am Fenster der Sitzecke im Zwölfer-Schlafzimmermodul sitzt Nikolai Tschernij und löst mit einem grünen Bleistiftstummel Sudoku-Rätsel. Ein nicht untypischer Zeitvertreib für einen 78-Jährigen, weniger großväterlich ist dagegen der Job, von dem er bis heute nicht loskommt: Bergführer. Übermorgen will er wieder einen Gipfelversuch wagen, mit einer Gruppe aus den USA und Australien auf zum Elbrus.

"Nikolai, was macht den Elbrus so besonders?" "Wie bitte?" "Den Elbrus. Was macht ihn besonders?" "Er ist nicht so besonders. Er ist sehr populär jetzt, wegen diesem Seven-Summits-Ding. Ich war schon mehr als 70 Mal oben, allein letzte Saison sechs Mal."

Das "Seven-Summits-Ding" ist eine Liste der höchsten Berge der sieben Kontinente. Seit einigen Jahren versuchen immer mehr Bergsteiger, alle zu schaffen, zahlreiche Abenteuerreiseveranstalter helfen dabei. Der Elbrus gilt als eine der weniger riskanten Touren, weil die technischen Schwierigkeiten geringer sind als etwa am Mount McKinley oder Mount Everest. Die dünne Luft allerdings macht vielen zu schaffen.

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Hotel LeapRus 3912 am Elbrus: Mensch gegen Berg

"Manche Leute trainieren sehr hart, kommen aber trotzdem nicht gut mit der Höhe zurecht. Ich habe damit zum Glück wenig Probleme", sagt Tschernij, der lange Zeit als Ausbilder für russische Extrembergsteiger arbeitete. Er selbst stand auf sechs Achttausendern. "Everest zweimal, Nord und Süd, Kangdschenzönga, Annapurna, Lhotse, Cho Oyu, Shisha Pangma", zählt er auf. "Ich fing damit erst nach dem Ende der Sowjetunion an. Davor war es schwieriger mit dem Reisen. Jetzt ist nur noch Geld das Problem. Okay, Geld und Gesundheit."

Warum tut er sich diese Strapazen an? "Die Renten sind nicht so gut in Russland", sagt er, lacht heiser und wendet sich dann wieder seinem Rätsel zu.

Die anderen Gäste sind allesamt ambitionierte Bergsteiger. Noch bis vor Kurzem mussten Gipfelaspiranten mit einfachen Biwakschachteln vorliebnehmen, den berühmten "Botschki"-Hütten. Auch sie sind von dosenförmiger Architektur und bunt angemalt, allerdings erheblich weniger komfortabel.

Denn Luxus ist relativ: Auf fast 4000 Meter Höhe, unter hochalpinen Bedingungen, steht das LeapRus, das "Headache Hotel", wie es ein australischer Bergsteiger scherzhaft nennt, weltweit konkurrenzlos da. Vermutlich ist es nur ein Frage der Zeit, bis ein Erlebnisreiseveranstalter auf die Idee kommt, dass eine solche Unterkunft auch ohne Gipfelpläne ein Abenteuer ist - von außerordentlicher Instagram-Tauglichkeit ganz zu schweigen.

Phänomenaler Bergblick

"Es hat Monate gedauert, die Einzelteile per Hubschrauber hierherzubringen", sagt Maxim, der Hotelbetreiber, während er im Mini-Restaurant Café 3912 das Abendessen auftischt. Der Innenraum sieht aus, als habe einer der besseren Ikea-Designer versucht, in einer entkernten Flugzeugkabine eine platzsparende Wohnmobileinrichtung zu installieren.

Phänomenal ist der Bergblick direkt zum Elbrus-Doppelgipfel an der Frontscheibe, wenn sich einmal für ein paar Minuten die Wolken verziehen. "Wir haben drahtloses Internet, und der Strom wird komplett über Solarzellen auf dem Dach erzeugt", sagt Chef-Kosmonaut Maxim stolz.

Es gibt Frikadellen, Fisch, Reis und Obstsalat auf Designer-Porzellantellern, dazu Schokoriegel, Feigen, Kekse und sieben Teesorten, von Barberry Garden bis Strawberry Gourmet. Die drei Quadratmeter große Küche wird mit äußerster Effizienz genutzt. Vollpension ist im Preis inbegriffen - das immerhin ist großer Luxus, wenn man sich die abgeschiedene Lage vor Augen führt. Einen kulinarischen Tipp hat Maxim für diejenigen, die mit der dünnen Höhenluft nicht zurechtkommen: "Obst essen. Oder nach Hause gehen", sagt er lapidar.

Auf einem Flachbildschirm läuft russisches Staatsfernsehen. Zunächst geht es um das für die Saison ungewöhnlich warme Wetter in Westeuropa und die ungewöhnliche Kälte in Russland, dann um die Ukraine-Krise im Donbass, dann um populäre Internetmärchen über Tiere, die zu Monstern mutieren.

"Hier oben fühle ich mich ganz weit weg von den Problemen und Konflikten der Welt", sagt Maxim, als er beginnt, die ersten Teller abzuräumen.

Der Artikel ist eine erweiterte Version eines Textes aus dem Bildband "Kaukasus" von Stephan Orth und Gulliver Theis; NG Buchverlag GmbH; 240 Seiten: 49,99 Euro.

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insgesamt 6 Beiträge
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susybntp11-spiegel 18.10.2018
1. Ich weiß nicht...
...wie die gesetzlichen Bestimmungen dort sind, aber wenn ich, wie in vielen jahren vorher nach Preru fahre und mich dort über 4 bzw. 5 Tausend Meter aufhalte nehme ich an Flüssigkeiten außer Wasser oder Saft nur Kokatee zu mir, drei bis vier mal am Tag. Eine heiße Tasse Wasser etwas Zucker und ca. 10 Kokablätter, etwas einwirken lassen und trinken. Das ist für mich das ultimative Mittel gegen Soroche (Höhenkrankheit bzw. weniger Sauerstoff im Blut) denn der Kokatee betäubt bzw. dämpft den Kopfschmerz. Soroche ist verbunden mit Übelkeit, Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit, man fühlt sich als hätte man einem grippalen Infekt, sieht im Gesicht aus wie der Tod und der Körper mach schlapp.Sollte das am anderen Tag nicht einigermaßen besser werden, sofort absteigen sonst droht eine Lungenödem. Also, wenn es möglich ist, sollten die Betreiber den Gästen Kokatee anbieter, ist in Peru ganz legal und erleichtert einem den Aufenthalt über 3000 Meter enorm.
Christofkehr 18.10.2018
2. Haut goût
Es hat einen schalen Beigeschmack, wenn innerhalb eines Artikels Werbung geschaltet wird für das Buch, dem der Artikel entstammt. Man fragt sich, ob da die redaktionelle Unabhängigkeit gewahrt ist oder kommerzielle Interessen mit reinspielen....
j.semrau 18.10.2018
3. Falsche Überschrift
Erstens gehört der Elbrus nicht zu Europa, da mehr als 50% des Gebirgsstockes auf der Asiatischen Platte liegen. Zweitens ist die höchstgelegene bewirtschaftete Unterkunft in Europa die Capana Margherita auf der Signalkuppe in 4555 Meter Höhe. Der Artikel kann also nur als Werbung angesehen werden.
metastabil 18.10.2018
4.
Zitat von j.semrauErstens gehört der Elbrus nicht zu Europa, da mehr als 50% des Gebirgsstockes auf der Asiatischen Platte liegen. Zweitens ist die höchstgelegene bewirtschaftete Unterkunft in Europa die Capana Margherita auf der Signalkuppe in 4555 Meter Höhe. Der Artikel kann also nur als Werbung angesehen werden.
Eine "Asiatische Platte" gibt es nicht. Große Teile von Europa und Asien liegen auf einer gemeinsamen tektonischen Platte, der sogenannten Eurasischen Platte. Nun gibt es einige Unsicherheiten im Bereich von Schwarzem Meer und Kaspischem Meer (manche Geologen sehen dort zwischen Eurasischer Platte und Arabischer Platte eine weitere Mikroplatte, die Iranische Platte, manche Geologen betrachten die Iranische Platte als einen Teil der Eurasischen Platte), jedoch gibt es praktisch keine Zweifel daran, dass der Große Kaukasus, in dem der Elbrus liegt, auf der Eurasischen Platte liegt. Unklarheit herrscht jedoch darüber, wo dort die Grenze zwischen Europa und Asien zu ziehen ist: einige sehen die Grenze entlang der Manytschniederung (die vorherrschende Meinung außerhalb des englisch- und französischsprachigem Raumes), andere entlang der Kaukasus-Wasserscheide. In ersterem Falle läge der Elbrus in Asien, in letzterem Falle in Europa.
fitpit 18.10.2018
5. Capanna Margherita
Ich pflichte meinen Vorgängern bei: die Capanna Margherita auf der Punta Gnifetti/Signalkuppe ist die höchstgelegene Hütte Europas und auch das höchste Haus Europas überhaupt. Dort kann man gegen Bezahlung ein Zimmer mieten, toll essen und im Wlan surfen... es ist also ein Hotel auf 4500m. Der Ausblick ist gigantisch, da man höher pennt, als das Matterhorn hoch ist. Vor Kopfschmerzen habe ich kein Auge zugemacht :)
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