EM-Stadt Charkow Willkommen bei den wahren Ukrainern!

Triste Betonbauten und ein Wendehals als Bürgermeister: Die ukrainische Stadt Charkow, in der die deutsche Fußball-Mannschaft gegen die Niederlande spielen wird, hat auf den ersten Blick wenig Charme. Das Gegenteil gilt für die Einheimischen - die laden EM-Gäste gratis zu sich nach Hause ein.

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Der Ort, der während der Europameisterschafts-Vorrunde zum Anlaufpunkt für Fans aus den Niederlanden und Deutschland werden wird, ist Ukraine-Reiseführern kaum eine Empfehlung wert. Im Südosten von Charkow schmiegen sich triste Betonblöcke an das Areal eines Traktorenwerks. Die U-Bahn-Haltestellen heißen hier noch "Sowjetische Armee" und "Proletarskaja", ganz so, als sei der Eiserne Vorhang nie gefallen.

In einem grauen Plattenbau an der "Straße des Friedens" hockt Maryna Grytska-Annenkowa am Bildschirm ihres Computers. Sie klickt sich durch Gäste-Anfragen. "Wir sind zu dritt, wir sind Holländer, aber ganz ruhig und nett", schreibt einer, der nach Charkow kommen will, wenn seine Mannschaft dort am 13. Juni gegen Deutschland antritt.

Während der Europameisterschaft werden Maryna und ihr Mann Jurij eins der zwei Zimmer ihrer winzigen Wohnung räumen und Platz schaffen für ihre Gäste aus dem Ausland. Geld werden sie dafür nicht verlangen: Sie haben sich der Initiative "Laskowo Prosimo", Herzlich willkommen, angeschlossen, deren Aktivisten Privatunterkünfte in den ukrainischen EM-Städten anbieten. 700 Gastgeber haben sich bereits angemeldet, auf Facebook und der Webseite rooms4free.org.ua.

Teigtaschen und Räucherspeck

Weil Maryna und Jurij kein Auto besitzen, wollen sie mit dem Bus zum Flughafen und zum Bahnhof fahren, um ihre Gäste abzuholen: die Deutschen, die etwas schüchternen Holländer und die junge Russin, die aus dem 3200 Kilometer entfernten Nowosibirsk mit dem Zug zu den Spielen fährt.

In der winzigen Küche wird das ukrainische Pärchen sie mit Wareniki bewirten, mit Fleisch, Kartoffeln oder Marmelade gefüllten Teigtaschen. Maryna wird dann von dem alten ukrainischen Brauch berichten: An Weihnachten mussten die unverheirateten Töchter einst Wareniki kochen, dann wurde der Hund in die Stube gelassen. Die Köchin, deren Teigtaschen er zuerst verspeiste, durfte sich Hoffnungen auf eine Hochzeit binnen Jahresfrist machen.

Vielleicht werden Jurij und Maryna danach auch noch Salo auftischen, fetten Räucherspeck, bei dessen Anblick figurbewusste Westeuropäer für gewöhnlich Reißaus nehmen, der gleichwohl aber sehr schmackhaft ist.

Charkow, die Heimat des Pärchens, ist die wohl am wenigsten selbstbewusste der acht EM-Spielstätten. Als sich die Stadt als Wettkampfort vorstellen sollte, ließen die Organisatoren verschämt das 20 Meter hohe Lenin-Denkmal im Zentrum aus dem Video retuschieren.

Deutsche Spuren an alten Mauern

Besucher empfängt Charkow als farblose Industriestadt. Im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, prägt gesichtslose Sowjetarchitektur die Straßenzüge im Zentrum. Die Reize der Stadt erschließen sich nur dem, der gründlich sucht.

Einst wurde Charkow von Kosaken als russische Grenzfestung errichtet. Noch heute rühmt sich die Stadt, dass sie nach der Oktoberrevolution rund 15 Jahre Hauptstadt der ukrainischen Sowjetrepublik war. Denn in Kiew hatten nach dem Ersten Weltkrieg ukrainische Nationalisten, dem Zaren ergebene Truppen und Deutsche das Sagen. Am Freiheitsplatz reckt sich noch heute das "Haus der Staats-Industrie" in den Himmel, ein Wolkenkratzer im Stil des Konstruktivismus mit 3000 Zimmern.

Wenige Meter entfernt finden sich Spuren deutscher Siedler im Osten. Wer nicht achtlos an dem verfallenden Jugendstilhaus in der Puschkin-Straße Nummer 19 vorübereilt, entdeckt an der Fassade verblassende deutsche Schriftzüge. "Friseur" steht da auf bröckelndem Putz, und "Bierhalle". Manch ein Charkower Bürger kennt die Puschkin-Straße auch noch unter ihrem alten Namen: "Große Deutsche Straße" - einst lebten hier Kaufleute und Gelehrte aus Deutschland.

Als die örtliche Universität 1803 Professoren suchte, wandte sie sich an Johann Wolfgang von Goethe, damals Minister im 1800 Kilometer entfernten Weimar. Der Dichter "empfahl vor allem freiheitsliebende und rebellische Akademiker", erzählt man sich in Charkow.

Wendehals an der Macht

Von der demokratischen Gesinnung ist wenig geblieben. Seit zwei Jahren wird Charkow von dem Magnaten Gennadij Kernes regiert - einem Mann, von dem die Bürger der Stadt hartnäckig behaupten, er habe den Grundstein seines Vermögens Ende der achtziger Jahre als Betrüger und Hütchenspieler am Hauptbahnhof gelegt. Kernes, der Wendehals, unterstützte einst die Revolution in Orange, nur um später in das wieder erstarkende Lager des seit 2010 amtierenden Präsidenten Wiktor Janukowitsch zu wechseln.

Janukowitsch hat sein Land in eine Sackgasse geführt, indem er seine Rivalin Julija Timoschenko ins Gefängnis werfen ließ. Die Strafkolonie, in der sie ihre Strafe verbüßt, liegt nur wenige Autominuten von Charkows Metalist-Stadion entfernt, ebenso wie das Eisenbahnerkrankenhaus, in dem die Politikerin behandelt wird. Seine sture Rache an der Rivalin hat das Image der Ukraine im Ausland ramponiert. Maryna, Jurij und die Aktivisten der ukrainischen Herbergs-Initiative wollen retten, was zu retten ist.

Oligarchen und Politiker leben in einer anderen Welt, sagt Jurij. "Wir einfachen Leute, wir sind die wahren Ukrainer. Vergesst also bitte die Politik und lasst uns euch willkommen heißen."

Maryna tippt eine E-Mail, eine Fangruppe braucht Hilfe bei der Suche nach einem Campingplatz. Dann öffnet sie eine Nachricht aus Deutschland, es ist ein Dankesschreiben eines Fans aus Berlin. "Der größte Schatz eures Landes", liest Maryna, "sind die Menschen."

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insgesamt 6 Beiträge
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donadoni 01.06.2012
1. Für Deutsche ein heikles Pflaster
Charkow wurde im 2. Weltkrieg durch deutsche Truppen stark zerstört. In dieser Stadt fanden eine der blutigsten Schlachten statt, ganz zu schweigen von den schandvollen Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung in der Ukrainer im deutschen Namen. Die UEFA hat nicht gerade Gespür gehabt, dass man ausgerechnet die deutsche Mannschaft dort spielen lässt. Gar nicht auszudenken, wenn nach einer möglichen sportlichen Niederlage deutsche Gewalttäter dort randalieren. Da würden schlimme Narben wieder aufgerissen. Die unbedachten Äußerungen deutscher Politiker tun ein Übriges. Die Ukrainer waren eigentlich schon immer sehr deutschfreundlich. Hoffen wir, dass das nach der EM auch noch so ist.
ulli7 01.06.2012
2. russische Sprachkenntnisse sind in Charkow hilfreich,
sonst werden deutsche Touristen und Fußballfans wenig Freude in der Millionenstadt haben.
tehaem 01.06.2012
3. Kharkiv
Warum die Einstellung zu den Deutschen wegen Kriegsgreueln in Kharkiv anders sein soll, als in Kyiv oder Lviv kann sich mir nicht erschliessen. Gewütet und gemordet haben die Nazis mit ihren Armeen überall in der Ukraine, die eine unvorstellbare Zahl an Opfern zu beklagen hatte. Umso erstaunlicher, daß ich in 15 Jahren und dutzenden von Besuchen in diesem Land nicht ein einziges Mal eine negative Bemerkung wegen unserer Vergangenheit zu hören bekam. Die Menschen sind gastfreundlich und sehr höflich, und es scheint als würde es sich verbieten, den deutschen Gast damit zu 'behelligen'.
macjena 01.06.2012
4.
Zitat von donadoniCharkow wurde im 2. Weltkrieg durch deutsche Truppen stark zerstört. In dieser Stadt fanden eine der blutigsten Schlachten statt, ganz zu schweigen von den schandvollen Massenerschießungen der jüdischen Bevölkerung in der Ukrainer im deutschen Namen. Die UEFA hat nicht gerade Gespür gehabt, dass man ausgerechnet die deutsche Mannschaft dort spielen lässt. Gar nicht auszudenken, wenn nach einer möglichen sportlichen Niederlage deutsche Gewalttäter dort randalieren. Da würden schlimme Narben wieder aufgerissen. Die unbedachten Äußerungen deutscher Politiker tun ein Übriges. Die Ukrainer waren eigentlich schon immer sehr deutschfreundlich. Hoffen wir, dass das nach der EM auch noch so ist.
Also zum einen dürften wir dann im Osten Europas fast nirgendwo antreten, zum anderen hat der Ukrainische Wiederstand abgewartet wer gewinnt, wir oder die Sowjetunion, um dann zu sehen gegen wen sie Wiederstand leisten müßen. Es ist bitter zu sehen wie die Ukraine, die auf einem guten Weg war, nun derart Abstürzt.
kollerspeter 01.06.2012
5. Offenbar war Herr Bidder in einer anderen Stadt
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINETriste Betonbauten und ein Wendehals als Bürgermeister: Die ukrainische Stadt Charkow, in der die deutsche Fußball-Mannschaft gegen die Niederlande spielen wird, hat auf den ersten Blick wenig Charme. Das Gegenteil gilt für die Einheimischen - die laden EM-Gäste gratis zu sich nach Hause ein. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,836186,00.html
Ich weiß nicht, über welche Stadt Herr Bidder hier berichtet, aber Charkiv kann es nicht sein. Ich war mehrfach dort und ich kann mich an an drei monumentale Kirchen mit goldenen Kuppeln, eine nicht weniger monumentale Synagoge, großflächig erhaltene Altbausubstanz mit klassizistischen- und Jugendstilfassaden, gepflegte Parks und einigen Meisterwerken des sowjetischen Bauhausstils. Natürlich gibt es auch dort Plattenbauten (wie im gesamten ehemaligen Osten, beispielsweise auch in Erfurt), aber hier wie dort sind diese nicht stadtbildprägend. Ich finde dieses permanent in der deutschen Presse über die Ukraine verbreitete Märchen: schöner Westen, hässlicher, sowjetisch geprägter Osten unerträglich. Mag sein, dass man in Charkiv weitestgehend russisch spricht, während die ukrainische Sprache faktisch dort nicht existent ist, aber deswegen ist man dort nicht mehr oder weniger sowjetisch eingestellt als anderswo. Abgesehen davon verfügt Charkiv über ein Nachtleben das sich selbst im internationen Vergleich sehen lassen kann. Man findet dort wirklich tolle Musikkneipen und Clubs, wie es sie selbst in der Hauptstadt Kiew nicht gibt. Also: liebe Sponautoren: etwas mehr Objektivität bitte!
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