EM-Stadt Lwiw Dornröschen des Ostens

Noch immer die Schönste im ganzen Land: Lwiw, das frühere Lemberg, meldet sich zurück auf Europas Bühne. Für zwei Spiele der Fußball-EM empfängt die ukrainische Stadt bald die deutsche Nationalmannschaft - und bietet den Fußballfans ein aufregendes Nachtleben.

Von Helge Bendl

DPA

Dornröschen wird gerade wach geküsst, doch kaum jemand nimmt davon Notiz. War die stachelige Hecke, die sie gefangen hielt, zu undurchdringlich? Hat der Rest Europas die Stadt mit all ihrer Eleganz und Pracht deshalb vergessen? Vermutlich ist es ganz gut, dass nur wenige wissen, was sich hinter dem früheren Lemberg und heutigen Lwiw verbirgt - nämlich immer noch die Schönste im ganzen Land, die ihre wilde, junge Seite neu entdeckt. Denn so muss, wer sie besucht, ihr märchenhaftes Ambiente mit nur wenigen Verehrern teilen.

Geschichtsbücher besingen Lwiws Schönheit, man sollte vorbereitet sein. Doch liegt einem die Stadt ganz real zu Füßen, stockt der Atem trotzdem. Das liegt, so viel Ehrlichkeit muss leider sein, nicht nur am Panorama, sondern auch an den eigenen untrainierten Muskeln. Denn entweder geht es 409 Stufen hinauf auf den Rathausturm. Oder man erklimmt den Schlossberg, 130 Höhenmeter über Lwiw thronend, in dessen Wald das Echo unzähliger Heiratsanträge nachklingt. In Ermangelung der passenden Begleitung kann man sich, oben angekommen, auch in die Stadt selbst verlieben.

"Renaissance, Barock, Klassizismus, Historismus, Jugendstil und Art déco: Nicht im Krieg zerstört und auch danach nicht mit sowjetischer Tristesse verschandelt, ist Lemberg komplett erhalten geblieben", erzählt in perfektem Deutsch Olena Holyschewa, die Historikerin des Besucherbüros. Beim Bummel durch die Stadt erspürt man auch die Stimmungen der Gegenwart. Bei den Babuschkas auf dem Markt, wo Kopftücher und weite Röcke die Kleiderordnung bestimmen.

Abends, wenn Pärchen vor der Oper flanieren. Oder nachts, wenn man nach dem Besuch einer Tanz-Performance im bröckelnden Les-Kurbas-Theater nicht nur die Straßenbahn durch die Gassen quietschen hört, sondern auch die Improvisationen des Saxofonisten aus dem Jazzclub.

Türmchen, Kuppeln, Arkaden

"Das 20. Jahrhundert war in Galizien sehr turbulent: In hundert Jahren wechselten die Menschen ihre Staatsbürgerschaft ganze siebenmal", sagt Olena Holyschewa. Lemberg gehörte einst zu Österreich-Ungarn und war - Glanz und Gloria inklusive - nach Wien, Budapest und Prag die viertwichtigste Metropole der Habsburger Monarchie. 1918, zum Ende des Ersten Weltkriegs, wurde hier die Westukrainische Republik gegründet, doch bald danach übernahm Polen. Später kamen im Zweiten Weltkrieg Russlands Truppen, dann Hitlers Wehrmacht. Nach der Kapitulation geriet die Stadt wieder unter sowjetische Herrschaft.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist Lemberg - inzwischen unter dem offiziellen Namen Lwiw - Teil der unabhängigen Ukraine. Außer einer von den Nazis zerstörten Synagoge, einst eine der prächtigsten in Europa, kamen die Gebäude ungeschoren davon. Auch weil Bürger später erfolgreich Widerstand leisteten, als die Sowjets das Zentrum planieren und Lemberg zu einer kommunistischen Musterstadt mit weiten Boulevards und monumentalem Lenin-Denkmal umbauen wollten.

750 Jahre Geschichte schimmern deswegen unter den abblätternden Fassaden: eine überbordende Architektur-Pracht mit unzähligen Türmchen und Kuppeln und Arkaden und in Hinterhöfen versteckten Galerien - Handelsherren und Herrschende hatten keine Gewissensbisse, ihr Geld zur Schau zu stellen. Restauratoren schwärmen aus, um das Weltkulturerbe herauszuputzen, doch Lemberg ist kein Freilichtmuseum. 750.000 Einwohner, darunter 150.000 Studenten, bringen Leben in die Altstadt und sorgen an lauen Abenden für stetes Klappern auf dem Kopfsteinpflaster.

Kaffeesäcke als Kriegslohn

"Europas unentdeckte Perle" sei Lwiw, sagen die Touristiker, ein "ungeschliffener Diamant". Natürlich schwingt da viel Lokalpatriotismus mit, doch mit Blick auf das nahe Krakau (die polnische Grenze ist nur 80 Kilometer entfernt) stimmt der Vergleich: Während an der Weichsel Billigflieger im Halbstundentakt einschweben, erwacht Lemberg, die letzte Stadt Europas vor Russland, erst aus seinem Dornröschenschlaf. Vor allem Tagestouristen aus anderen Städten der Ukraine tummeln sich hier - aus dem Westen kommen bislang wenige Besucher.

Dabei gibt es hier mehr zu sehen als Steine. Die Karpaten sind nicht weit, und für frischen Wind in der Stadt sorgen Entrepreneurs wie Igor Sydor, den man auf einen Espresso und ein Stück Apfelstrudel im Kaffeehaus trifft. "Als im 17. Jahrhundert die Türken vor Wien standen, soll Georg Franz Kolschitzky, ein Händler aus der Gegend von Lemberg, die gegnerischen Truppen ausspioniert haben", erzählt der 34-Jährige. "Als Belohnung für seine Dienste wünschte er sich nach dem Sieg der Kaiserlichen die Säcke mit den Körnern, die im Türken-Depot lagerten."

So kam der Legende nach der erste Kaffee nach Wien - und später in Kolschitzkys alte Heimat. "Wir sind in dieser Hinsicht immer noch von den Österreichern geprägt: Geschäfte werden bei einem Kaffee abgewickelt, und am Sonntag geht man nach dem Kirchgang zusammen mit der Familie ins Café." Igor Sydor hat deswegen ein Kaffee-Festival ins Leben gerufen. Und weil das so erfolgreich ist, gibt es inzwischen auch ein Schokoladen-Festival. Und eines, bei dem sich alles um Käse und Wein dreht.

Sadomaso-Dinner und Fußball-Fete

Jenseits dieser Events sorgt ein anderer Tausendsassa dafür, dass Lemberg eine individuelle gastronomische Szene hat. "Eine Pizzeria eröffnen? Oder eine Sushi-Bar? Das ist austauschbar, das interessiert mich nicht", sagt Yuri Nazaruk. Am liebsten würde der junge Mann wieder mit dem Rucksack um die Welt reisen, doch leider hat er dafür jetzt keine Zeit mehr: Er entwickelt Themenrestaurants, die alle authentisch sind und verknüpft mit der Geschichte der Stadt.

So kann man in der Loge der Freimaurer zu Abend essen und im Restaurant Zur goldenen Rose jüdische Spezialitäten probieren. Man kann sich im Haus der Legenden verirren, in dem jeder Raum anders dekoriert ist, oder sich für ein Mahl von strengen Bedienungen einsperren lassen in einem Café, das Leopold von Sacher-Masoch gewidmet ist. Das Gewölbe unter der Oper hat Yuri Nazaruk für Auftritte von Lemberger Nachwuchsbands reserviert, die abrocken, während ein Stockwerk weiter oben Verdi aufgeführt wird.

Nicht weit entfernt hat im ersten Stock des Rathauses Bürgermeister Andriy Sadovyy sein Büro. Drei Vorrundenspiele der Fußball-Europameisterschaft werden in Lwiw ausgetragen, Deutschland trifft hier auf Dänemark und Portugal. Das Stadion ist schon lange fertig, der neue Flughafen eröffnet: Wenn von Problemen bei der EM-Infrastruktur und von der Unterwanderung durch die Mafia die Rede war, dann betraf das die anderen Austragungsstädte der Ukraine, nie Lwiw.

"Wir haben uns hier eben sehr, sehr gründlich vorbereitet und mächtig angestrengt", sagt Andriy Sadovyj. Nun soll ein großes Fußballfest steigen und die Stadt wieder bekannt machen in Europa. Andriy Sadovyj schmunzelt, er kennt das passende deutsche Wort: "Wir hoffen auf ein Sommermärchen."

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Seite 1
Haywood Ublomey 06.06.2012
1. Es ist eine reife Leistung
… in einem Abriß der Geschichte Lembergs kein Wort über die Massaker nach dem deutschen Einmarsch zu verlieren. Aber in Lemberg fand die erste großangelegte Mordaktion gegen die Juden statt. Die deutschen Einsatzgruppen und ukrainische Nationalisten gingen dabei Hand in Hand vor und ermordeten bei der Gelegenheit auch alle Universitätsprofessoren polnischer Herkunft mitsamt ihren Familien. Darüber erzählt die Reiseführerin natürlich nichts, das ist ja Sowjetgeschichte, mit der hat man doch gar nichts zu tun. Es ist überall das Gleiche, von Estland bis nach Rumänien: Da kamen die Deutschen und die Russen und wir waren die armen Opfer. Und der deutsche Reporter hat seinen Geschichtsbüchern auch nur entnommen, daß Lemberg eine schöne Stadt sei, aber nicht, daß vor dem Krieg fast die Hälfte seiner Einwohner Juden waren. Komische Geschichtsbücher scheinen das zu sein.
Sharoun 06.06.2012
2. Das ist ja unglaublich!
Zitat von sysopHelge BendlNoch immer die Schönste im ganzen Land: Lwiw, das frühere Lemberg, meldet sich zurück auf Europas Bühne. Für zwei Spiele der Fußball-EM empfängt die ukrainische Stadt bald die deutsche Nationalmannschaft - und bietet den Fußballfans ein aufregendes Nachtleben. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,836259,00.html
Auch in Lwiw leben Menschen - einfach so! Und das , obwohl der Westen so weit weg ist. Der Spiegel ist von den Socken. Übrigens hatten die Einwohner BRÜSSELS nicht so viel Erfolg gegen das Plattmachen ganzer Straßenzüge und die Errichtung pompöser Betonburgen und "breiter Boulevards" durch die neue EU-Macht. Auch lohnt sich ein Gang durch die Altbauviertel dieser Metropole des Westens (hüstel)..
C. Müller-Gödecke 06.06.2012
3. Sie haben es nicht verstanden
"So kann man in der Loge der Freimaurer zu Abend essen und im Restaurant "Zur goldenen Rose" jüdische Spezialitäten probieren." Nicht zu vergessen dabei die phantastische Aussicht auf die im Holocaust zerstörte Synagoge "Goldene Rose" ! Diese "jüdischen Spezialitäten" sind ein einziger Zynismus. Die Speisekarte enthält zynisch benannte Gerichte, eine deutschsprachige e Analogie zu einem der Gerichte wäre z.B. "Gefilte Fisch nach Art der SS" In der Ukraine gibt es noch einen starken Antisemitismus, auch in den letzten Jahren gab es Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger und nun kommt der Antisemitismus als LifeStyle-Gastronomie daher. Und Sie merken das nicht. Aufklärung geht anders. Bleibt noch zu bemerken, daß ich die Stadt Lviv gut kenne, mich länger dort aufgehalten habe und die Stadt und die Kultur sehr mag. Aber die Schattenseiten darf man nicht ausblenden. Auch nicht durch Ignoranz.
rokokokokotte 06.06.2012
4. Ich...
...muss mich meinen Vorrednern anschliessen. Die Lviv´er Jüdische Gemeinde hat einen unglaublichen Blutzoll entrichtet. Zuerst der NKWD und danach, ab mitte 1941 - wie immer perfekt, die deutsche SS. Die Jüdische Bevölkerung Lvivs, mehr als etwa 1ooooo Einwohner, wurde komplett ein Opfer der shoa. Besonders hervorgetan haben sich im übrigen die ukrainischen Auxilarien der Wehrmacht. Wenn Sie mich fragen , verehrter Redakteur, grade über dieser Stadt hängt immer noch die ganze unsägliche Schwermut Galiziens und seiner *schtetl* mitsamt der zerstörten ehemals so reichen, jiddischen Kultur. Für viele kein guter Platz ausgelassen zu feiern, egal warum und zu welchem Anlass auch immer.
disi123 06.06.2012
5. Hehe
Wenn man die Seite auf 'Deutsch' stellt, bemerkt man dass die Uebersetzung wohl eher automatisiert ist. Teilweise macht es wenig Sinn :) "Lviv und Kaffee sind zwei Begriffe, die ein abgeschlossenes Ganzes" - ein 'bilden' fehlt? "Haben den Wunsch und Fähigkeiten, versuchen Sie in IT arbeiten." - ein 'zu' waere hier nicht schlecht? Trotzdem sieht es wirklich toll aus, vielleicht fliege ich ja mal hin.
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