"Fünf Freunde"-Land Dorset: Die Küste der Abenteuer
Geheimnisvolle Inseln, wilde Küsten: In den Jugendbuch-Klassikern "Fünf Freunde" von Enid Blyton spielte die malerische Landschaft von Dorset eine Hauptrolle. Wer nach den Schauplätzen sucht, findet Moore, Dampfloks und Schmugglerhöhlen.
"Anne blickte über die blaue Bucht. An ihrem Eingang lag eine merkwürdige felsige Insel, auf deren höchster Stelle so etwas wie eine Schlossruine in den Himmel ragte. 'Das ist aber ein romantischer Platz', rief sie. 'Ich möchte gerne wissen, wie er heißt.' 'Er wird Felseninsel genannt', antwortete Georg. Ihre Augen schimmerten so blau wie die See."
Als große Literatur gelten die Zeilen, die Enid Blyton 1942 veröffentlichte, bis heute nicht. Doch sie versprechen etwas, das vor allem Kindern wichtiger ist: eine spannende Geschichte. Leser der "Fünf Freunde"-Reihe wissen: Georg, die eigentlich Georgina heißt, rudert Anne und die anderen schon bald zu der geheimnisvollen Insel samt Schiffswrack voll Gold - und auch die Schurken lassen nicht lange auf sich warten.
Schon zu Beginn von "Fünf Freunde erforschen die Schatzinsel", dem ersten Abenteuer der wohl erfolgreichsten Enid-Blyton-Serie, liefert die Schilderung der Landschaft den Hinweis, wohin die Reise geht - so wie bei allen Geschichten der Serie: in die Natur, zu wuchernden Pflanzen, wilden Tieren, unbeherrschten Menschen. In das aufregende Chaos eines Abenteuers.
Das England, das die Autorin in der 1953 ins Deutsche übertragenen ersten Geschichte skizziert, ist noch heute spürbar - zumindest wenn man nach Dorset reist. In der Grafschaft verbrachte die 1968 verstorbene Autorin regelmäßig ihren Urlaub. 1931 soll ein Ausflug die damals 33-Jährige auf die Isle of Purbeck geführt haben, einer Halbinsel zwischen Ärmelkanal und Poole Bay. Es war die erste Begegnung mit einem Landstrich, der sie zu vielen Details in den 21 Originalbänden um Julius, Richard, Georg, Anne und Timotheus, den Hund, inspirieren sollte.
Gruseln in Steinbrüchen
Blyton verbrachte hier ab 1940 regelmäßig ihre Ferien, in Dorset besaß sie später mit ihrem zweiten Mann einen Golfclub und, weiter im Norden, auch eine Farm. Für die Naturfreundin bot die Landschaft alles, was man für einen gelungenen Urlaub braucht - und genug Anregung für ihre Arbeit zu Hause.
Wer die "Fünf Freunde"-Bücher kennt, fühlt sich in Dorset sofort in diese Welt versetzt. Dichte, von Sandwegen durchzogene Wälder. Zwischen Bäumen verborgene Seen wie der schimmernde "Blue Pool". Mit Heidekraut bedeckte Moorabschnitte, über denen Nebel steht.
Weite Wiesen voll unzähliger Schafe mit vom Wind zerzaustem Fell. Und, vor allem, die "Jurassic Coast" mit ihren von Klippen umschlossenen Sandstränden, den schroffen Felsen, die auch durch die vielen Steinbrüche von allerlei Gängen und Höhlen durchzogen sind. Beliebte Verstecke für Schmuggelware. Und für wagemutige Kinder.
So unberührt, wie die Landschaft zu Blytons Zeiten war und wie man sie sich als Kind beim Lesen mit Taschenlampe unter der Bettdecke vorgestellt hat, ist sie heute längst nicht mehr. Und doch bleibt etwas von dem Zauber - vor allem jenseits der Hauptsaison. Mehr als 20 Millionen Touristen bereisen Dorset jährlich, etwa dreieinhalb Millionen bleiben mindestens eine Nacht. In Stoßzeiten drängen sich die Autos dicht auf den schmalen geschwungenen Landstraßen.
Swanage, das Seebad, das Blyton und ihre zwei Töchter 1940 erstmals gemeinsam besuchten, ist im Sommer überfüllt mit Badegästen, die in der Bucht schwimmen, paddeln, segeln oder von der Hafenmauer aus versuchen, mit Schnur und Eimer Krebse zu fangen. Die Schriftstellerin schwamm gerne um die zwei Piers herum, von denen heute nur einer geblieben ist. Man muss Eintritt zahlen, um hier aufs Meer zu blicken und zu der angeblich ältesten Tauchschule Großbritanniens zu kommen, die Touren zu Schiffswracks auf dem Meeresboden anbietet.
Dampfloks und Ingwerbier
Auch der Besuch der Kimmeridge Bay ein paar Kilometer westlich, einem der angeblichen "Fünf Freunde"-Strände, kostet: Der Weg führt über Privatgrund. Aber wenigstens kann man heute endlich auch Brownsea Island besuchen, die größte Insel in der Bucht des Hafens von Poole weiter westlich.
Sie ist das Zuhause von etwa 200, in Großbritannien bedrohten roten Eichhörnchen und das Vorbild für "Whispering Island". Die "flüsternde Insel" in "Fünf Freunde machen eine Entdeckung" erhielt ihren Namen aufgrund des Windes, der hier so unheimlich durch die Baumkronen streicht. Hier soll 1907 das weltweit erste Pfadfinderlager stattgefunden haben. Als Blyton Dorset besuchte, war die Insel im Besitz einer Dame, die keine Besucher duldete und ihr Land der Natur überließ. Erst seit 1963 ist sie für die Öffentlichkeit zugänglich - womöglich schon zu spät für Blyton, die seit Beginn der sechziger Jahre zunehmend stärker unter ihrer Alzheimer-Erkrankung litt.
Seit damals fast unverändert scheint Corfe Castle im Zentrum von Purbeck. Die Ruine auf dem die Ortschaft beherrschenden Hügel soll Blyton zu "Kirrin Castle" inspiriert haben, dem verfallenen Schloss auf der "Felseninsel", in dem Dohlen nisten, Möwen rasten und unter dessen Mauern zahme Kaninchen hausen.
Nicht nur bei der Zahl seiner Einwohner ist die Gemeinde sich treu geblieben - seit 1921 liegt sie bei etwa 1400. Die Hauptstraße mit den krummen Cottages aus Sandstein hat nichts gemein mit den sonst in englischen Urlaubsorten so verbreiteten Amüsiermeilen. Es gibt keine Spielhallen, Imbissbuden oder Minigolfanlagen.
An den meist einstöckigen Fassaden ranken Rosen empor. Viele Hinweisschilder für die Geschäfte entlang der schmalen Bürgersteige sind handgemalt. Am Bahnhof - Vorbild für "Kirrin Station" in den Büchern - halten noch immer Dampflokomotiven. Altmodische Lederkoffer stehen wie zur Abholung bereit, Reklameschilder bewerben Produkte, die es längst nicht mehr gibt.
Sehnsucht nach den Ferienabenteuer
Neben dem Postamt, gegenüber vom Pub ist der "Ginger Pop Shop", kaum größer als eine Abstellkammer. Er verkauft Krimskrams und Enid-Blyton-Fanartikel, von Postkarten der Buchcover über gebrauchte und neue Ausgaben der Geschichten bis zu gekühltem Ginger Beer.
Das für deutsche Gaumen ungewohnte Ingwergebräu, das in der Übersetzung zu der geläufigeren Zitronenlimonade umgewandelt wurde, tranken die Fünf Freunde gerne beim Picknick - zu kaltem Fleisch, Pflaumenkuchen, Kirschtörtchen, Schinkenbroten, Biskuits, Pudding, Würstchen, "Schokoladeneiscreme-Stangen" und was die immer hungrige Bande während eines Abenteuers sonst noch so verschlang.
Ein Spaziergang durch den Ort bringt Erinnerungen wie diese zurück. An die "Fünf Freunde", an die eigene Kindheit, an die Sehnsucht nach Abenteuern in den großen Ferien und den immerwährenden Appetit. Die mit Enid Blyton verbundenen Plätze in Dorset sind Orte, an denen man schnell vorbeifährt, wenn man nicht aufpasst. Selbst wenn man die Schriftstellerin und viele ihrer mehr als 700 Bücher kennt.
Es gibt neben einer knappen Themenkarte des Tourismusbüros kaum direkte Hinweise - anders als etwa bei dem aus Dorset stammenden Thomas Hardy, dem sich wohl jeder Reiseführer mehr oder weniger ausführlich widmet. Bei Enid Blyton dagegen muss man die Zeichen suchen, während man durchs Land streift.
Verpassen England-Urlauber ein Abenteuer, wenn sie ohne Halt durch Purbeck fahren? Versäumen sie eine Attraktion, wenn sie von Bournemouth die kleine Autofähre über die Poole Bay nehmen und so Poole samt Brownsea Island umgehen? Vermutlich nicht. Aber genau kann man das nie wissen.
Wer sich die Zeit nimmt und die Landschaft auf sich wirken lässt, wird sich auch an den Grundsatz einer jeden "Fünf Freunde"-Geschichte erinnern: Jeder Ausflug ist eine Gelegenheit für Abenteuer.
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- Informationsseite der Grafschaft Dorset
- Enid-Blyton-Landkarte zum Ausdrucken
- Informationsseite zur Isle of Purbeck und Swanage
- Informationsseite zu Brownsea Island
- Enid Blyton Society
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