Entenmuschelfischer in Spanien: Wer Angst hat, verliert

Von Oliver Lück

Hässlich, aber köstlich: Galicische Entenmuscheln gelten als teuerste Gourmet-Spezialität des Atlantiks. Doch die Fischer, die sie von den schroffen Meeresklippen kratzen, riskieren für die Beute ihr Leben.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Suso Lista nicht an seinen Freund Jaime denkt. Acht Jahre ist das nun her, doch es kommt ihm vor, als sei es gestern geschehen. Eine gewaltige Welle war wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatte den 27-Jährigen von den schwarzgrauen Felsen gerissen. Einen Augenblick später war er verschwunden, das Meer hatte ihn geholt, einfach verschluckt. Er tauchte nie wieder auf. Jaime war der letzte in einer langen Reihe verunglückter Fischer in Corme, einem Dorf mit 800 Menschen in Galicien, der Provinz im Nordwesten Spaniens. Bislang - denn jeder hier weiß, dass dies nicht die letzte Tragödie gewesen sein wird, dass weitere folgen werden.

Die Menschen in Corme sind sehr gläubig, wie die meisten in Galicien, wie die meisten in Spanien. Und die Geschichten, die hier erzählt werden, haben immer mit dem Meer zu tun. Geschichten vom Atlantik, der Leben geben und Leben nehmen kann, der mächtig wie Gott ist. "Wir glauben an Gott und das Meer", sagt Suso Lista, 47 Jahre alt, ein stämmiger Mann mit Vollbart und Seemannsmütze. Und schon der Name der Küste lässt erahnen, dass die Menschen große Ehrfurcht vor den Launen des Ozeans haben: "Costa da morte", die Todesküste.

Seit 22 Jahren arbeitet Lista als "Percebeiro", wie die Entenmuschelfischer genannt werden. Nicht dass er aus dem Unglück seines Freundes nicht gelernt hätte, aber für viele ist dies eine der wenigen Möglichkeiten, in dieser abgelegenen, von Arbeitslosigkeit und Abwanderung geprägten Region überhaupt Geld zu verdienen. In Spanien gehören Percebes, die fälschlicherweise Muscheln heißen, aber zu den Krebsen zählen, zu den begehrtesten Gourmet-Gerichten. Sie gelten als teuerste Spezialität des Atlantiks. Je dicker, desto mehr Geld bringen sie, manchmal über hundert Euro für ein Kilo, meist um die 20 Euro.

Außen runzlig, innen Geschmack

Doch gerade die größten Exemplare wachsen tief unten am scharfkantigen Fels in der Gezeitenzone. Dort sprießen sie büschelweise, ernähren sich von Plankton, das sie aus dem Wasser filtern. Sie sehen aus wie runzlige Finger. Selbst die Fischer sagen, es seien hässliche Dinger. Doch sie schmecken wunderbar. Das zarte, salzige Muskelfleisch verbirgt sich unter der dickhäutigen Elefantenhaut des Fußes, darauf sitzt der Kopf aus schillernden Hornplatten.

AP; DDP; Antje Blinda
Auch Sie locken Sonne, Sangria, Strände und Stadtkultur in den Süden? Wie viel wissen Sie über Ihre Gastgeber? Können Sie mehr als Ballermann? Testen Sie Ihr Wissen im Reisequiz bei SPIEGEL ONLINE.
Die Sonne scheint, doch darauf ist kein Verlass in Galicien. Im nächsten Moment kann es regnen, im übernächsten die Welt untergehen. Corme, rund hundert Kilometer westlich von La Coruña, geht vor der Wucht des Atlantiks in einer kleinen Bucht in Deckung. Die Hafenmauer ist aus meterdickem Beton, sie ist kräftiger als anderswo gebaut. "Es gibt das Meer, sonst nicht viel", sagt Lista. "Hier wird man mit dem Koffer unter dem Arm geboren. Entweder du wirst Fischer - oder du gehst." Vor 30 Jahren lebten noch dreimal so viele Menschen hier.

In Corme hat alles seine Zeit. Die Flut, die Ebbe und die Entenmuschelfischer. Vielleicht liegt es an dem Wissen, dass man den Gang des Meeres nicht eine Sekunde lang zu beeinflussen vermag. Das Wasser kommt, das Wasser geht, präziser als jede Uhr. "Wir gehen mit den Gezeiten", sagt Lista, "unser Leben wird vom Meer bestimmt." Das Sammeln von Percebes etwa ist nur wenige Tage im Monat möglich, immer um Voll- und Neumond, wenn die Ebbe besonders niedrig fällt. Dann werden die Meerestiere für wenige Stunden freigelegt, ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Turnschuhe und Rettungswesten

Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, als sich rund 50 Frauen und Männer in Ölzeug und Neoprenanzügen schweigend auf den Weg machen. Eine halbe Stunde führt der schmale Pfad nahe der Klippe entlang, durch dornige Büsche, die bis unter die Achseln reichen. Dann geht es steil hinunter in die Brandungszone. Die meisten tragen Turnschuhe, die auf dem glitschigen Stein besonders guten Halt geben. Einige haben Rettungswesten angelegt.

An Seilen gesichert klettern die Percebeiros geschickt über die Felsen, zwängen sich in Spalten, während die Gischt ihnen immer wieder ins Gesicht spritzt. Mit der "Ferrada", einem langen Holzstab mit einem Spaten aus Eisen, schaben und brechen sie die Percebes vom Stein, sammeln sie in Netzen, die an ihren Körpern baumeln.

Mit einem Auge beobachten sie dabei stets das Meer, warnen sich gegenseitig vor den teils meterhohen Wellen. "Du darfst keinen Moment den Respekt verlieren und überheblich werden", sagt Lista. "Wer Angst hat, verliert. Der hat den falschen Beruf."

Gearbeitet wird immer zu zweit, um die Sicherheit zu erhöhen. Allein in Corme sind in den vergangenen rund hundert Jahren 150 Menschen bei dem Versuch, die Entenmuscheln von den Klippen zu kratzen, ertrunken. An manchen Stellen, wo Fischer spurlos verschwanden, stehen heute Steinkreuze. Jährlich am 1. November, dem Tag zum Gedenken der Toten, werden sie von den Witwen frisch gestrichen. Es sind weiße Kreuze. Es sind nasse Gräber.

Jeder Percebeiro sammelt auf eigene Rechnung und verkauft die Ausbeute auf der Fischbörse im 20 Kilometer entfernten Malpica. Dort werden die Fänge unter der digitalen Anzeigetafel versteigert und in die feinen Restaurants nach Barcelona und Madrid verfrachtet.

Um den Bestand nicht zu gefährden, sind allerdings nur fünf Kilo am Tag pro Fischer erlaubt. Ein Hafenpolizist kontrolliert mit der Waage den Fang. Wer deutlich zu viel im Netz hat, muss hohe Strafen zahlen. Zudem sind die 13 Kilometer Küste in Corme und Umgebung in fünf Zonen eingeteilt. Erst wenn eine dieser Zonen abgeerntet ist, folgt die nächste. So hat jeder Abschnitt etwa fünf Monate Zeit, sich zu regenerieren, denn so lange dauert es, bis neue Entenmuscheln nachgewachsen sind. "Wir können das gesamte Jahr über ernten", sagt Lista.

Zwangspause wegen Ölpest

Es gab aber auch Zeiten, da mussten die Frauen und Männer von Corme zu Hause bleiben. Niemand kletterte auf die Felsen, niemandem war es erlaubt, fischen zu gehen. Auch die Geschichten dieser Wochen und Monate handeln vom Meer, sie erzählen von Schiffen, die vor der Küste havarierten und untergingen, aus deren Bäuchen der Tod floss: Die "Casón", die "Aegean Sea", die "Urquiola" oder zuletzt die "Prestige", ein schrottreifer Öltanker, der im November 2002 unter der Flagge der Bahamas versank. Irgendwo da draußen, 130 Seemeilen vor der Küste, liegt das Wrack noch immer, zerbrochen in zwei Teile, 3600 Meter tief. Noch heute werden manchmal schwarze Klumpen an den Strand gespült.

Wertvoller Fang: Die Kilopreise für Entenmuscheln können bei mehr als hundert Euro liegen
Oliver Lück

Wertvoller Fang: Die Kilopreise für Entenmuscheln können bei mehr als hundert Euro liegen

Damals war das Meer pechschwarz, obwohl die Sonne schien. Es spuckte das Öl zurück an Land, dass sich wie ein schmieriges Leichentuch über die Küste legte und alles verklebte - Sand und Steine, Kiemen und Schnäbel, Federn und Flossen. Soldaten kamen und freiwillige Helfer. Suso Lista zeigt Fotos, auf denen er und die anderen in weißen, ölverschmierten Schutzanzügen zu sehen sind. Alle tragen einen Mundschutz gegen den ätzenden Gestank. Überall schwarzglänzende Flecken, überall traurige, angestrengte Gesichter. "Sonst kratzten wir Percebes von den Felsen, nun das Öl", schüttelt er noch heute den Kopf.

Rund 1200 Euro Entschädigung bekam jeder Fischer monatlich vom Staat. "Viel Geld", sagt Lista, "auf das jeder von uns gerne verzichtet hätte. Wir konnten nicht arbeiten, zwei Jahre lang." Und noch immer, fast sechseinhalb Jahre später, sind die Auswirkungen der schlimmsten Umweltkatastrophe in der spanischen Geschichte deutlich spürbar, "so etwas verzeiht das Meer nicht", glaubt Lista, "früher waren die Percebes sehr viel größer."

Der bärtige Fischer steht am Leuchtturm von Corme, dort wo auch einige der weißen Steinkreuze stehen. Sonne und Wolken tuschen riesige Schatten auf das Meer. Der Seegang wird rauer. Die Percebeiros haben den Wellen Namen gegeben. "La mala" ist eine böse Welle, eine sehr hohe, gefährliche. Ist die Welle eher klein, heißt sie "la callada", schweigende Welle. An diesem Tag sind viele böse Wellen dabei. Der Himmel hat sich binnen Minuten schwarz gefärbt, die Wolken drängen sich nun so dicht, als ob es sie friert.

Lista weiß, dass es heute besser ist, die Suche bleiben zu lassen. "Seit der Sache mit Jaime bin ich vorsichtiger geworden", sagt er. Dann hält er inne, nur für einen kurzen Moment. Doch dieser Augenblick scheint ewig zu dauern. Als er wieder ansetzt, ist seine Stimme gegen den Wind kaum zu vernehmen, mehr flüstert er zu sich selbst: "Das Meer gibt uns alles, was wir brauchen - doch manchmal, dann nimmt es uns auch alles."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Lück und Locke
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Galicien: Gefährliche Jagd nach der Gourmet-Muschel