Von Oliver Lück
Zuerst hört der Asphalt auf. Die Straße wird zur Sandpiste, windet sich Kurve um Kurve kilometerweit durch die steinige, nur von Kakteen, Agaven und einigen Palmen bewachsene Landschaft. Je weiter man fährt, desto löchriger wird der Belag. Dann endet der Weg abrupt - an einem Abgrund. An diese Stelle La Gomeras, der zweitkleinsten der Kanarischen Inseln, verirrt sich nur sehr selten jemand mit dem Auto.
Denn hier, wo die Straße aufhört, beginnt die Welt von Ernst, dessen Nachname "jetzt mal egal ist", wie er sagt. Es ist eine einfache Welt, "ohne viel Schnickschnack", sagt Ernst, "es ist meine Welt." Auf einem Schild ist zu lesen: "Herzlich Willkommen beim Eremiten! In 80 Metern Kräutertee und Kaktussuppe!"
Ernst sitzt auf seiner Terrasse, fingert eine Zigarette aus der Schachtel und zündet sie an. Ernst lebt alleine, seit zehn Jahren, in einem halb verfallenen Häuschen aus Naturstein, das sich in einem grünen Meer aus dickblättrigen Kakteen versteckt. Ohne Post, Telefon und Strom. Mit Hund und fünf Hühnern.
Vielleicht ist dieser Ort einer der entlegensten der gesamten Insel. Und dennoch sagt der Mann mit den tiefen Lachfalten und dem mächtigen Schnauzbart: "Ich bin kein Aussteiger, ich bin ein Einsteiger ins Leben." Dann lächelt er, als gehöre ihm dieses Panorama ganz alleine. Und irgendwie ist es ja auch so - es gehört ihm alleine, denn niemand sonst ist da, mit dem er es teilen könnte.
Das Haus steht auf einem Hügel. An klaren Tagen kann man weit über den Ozean bis zur Nachbarinsel El Hierro blicken, wo am Abend die Sonne verglüht, wo häufig Wale vorbeiziehen. Seit Ernst ein gutes Fernglas hat, steht er oft Stunden auf seiner Terrasse. Doch jetzt sind keine Tiere zu sehen. In der Ferne gräbt bloß die Expressfähre, die die Inseln verbindet, eine weiß schäumende Furche in das tiefe Blau des Meeres, das Geräusch der Motoren ist auch hier oben - auf fast 700 Metern - noch deutlich zu hören.
Alleinsein lernen
Mit den Geräuschen ist das eh so eine Sache, sagt Ernst, "mit den Geräuschen fing nämlich alles an. Sie helfen dir, deine Einsamkeit zu verstehen." Wenn man zum Beispiel in der Ferne etwas hört, ist man gedanklich bei diesem Geräusch, also in der Ferne. Doch ist es vollendet still, ist man nur noch bei seinem eigenen Atem, bei dem eigenen Tun. Also ist man ganz bei sich. "Da bin ich oft", sagt Ernst, den viele bloß den "Eremiten" nennen.
Doch in den ersten Monaten war das Alleinsein gar nicht so einfach. "Das musste ich erst lernen. Ich habe viel geweint", sagt er. Und es gab Tage, da glaubte er, verrückt zu werden. "Da du nichts hörst, hörst du alles", sagt er, "und ich war ganz erschrocken, wo die vielen Geräusche herkommen. Bis ich merkte, dass das meine Därme sind."
Aus einem Bauerndorf unweit von Wels in Oberösterreich kam Ernst mit 18 nach Düsseldorf. Er blieb 27 Jahre, leitete viele Jahre eine Grillstube mit zwölf Angestellten. "Der Laden lief richtig gut, sieben Tage die Woche, 60 bis 80 Mittagstische, eine Goldgrube", erzählt der 56-Jährige, "doch ich hatte Beton im Kopf und trat auf der Stelle, ich brauchte frische Gedanken." Also tat er das, wovon viele ihr Leben lang reden, es aber nie tun würden: Er begann ein neues Leben.
Eigentlich wollte er in die Toskana, doch ein Freund erzählte ihm von La Gomera, der Sommerinsel mitten im Atlantik, die das Aussteigertum zelebriert wie keine zweite der Kanaren, wo Menschen freiwillig für ein paar Wochen zurück in Höhlen ziehen und das dann unabhängiges, naturverbundenes Leben nennen. Ernst packte das Nötigste zusammen, hatte 40.000 Mark in der Tasche, seine gesamten Ersparnisse. Er lebte gut, feierte jeden Abend in den Kneipen des Valle Gran Rey, des Tals des Königs an der Westküste, wo viele wie die Könige leben wollen, wo oft von "Erleuchtung" und "Selbsterkenntnis" die Rede ist, wo deutsch gesprochen wird.
Das Ersparte war schnell weg. Auf einer Wanderung in den Bergen aber entdeckte Ernst die Reste eines Hirtenhauses. Eine Ruine, fast 30 Jahre hatte sie leer gestanden. Acht Monate dauerte es, bis er die Besitzerin gefunden hatte. Eine alte Dame, die heute auf Teneriffa lebt. Er renovierte und pachtete das Gemäuer mit dem verwilderten Grundstück für fünf Jahre, dann für fünf weitere und schließlich auf Lebenszeit. Nun kann er bleiben, so lange er möchte.
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