Szeneviertel Kalamaja: Der Prenzlberg von Tallinn

Von Alva Gehrmann

Öko-Bewusstsein mischt sich mit alternativer Kunst, Architekten und Designer finden ihre Spielwiese: Tallinns In-Viertel Kalamaja ist wie der Berliner Prenzlauer Berg in den Neunzigern - und die Gentrifizierung hat schon begonnen.

Tallinn: Fast wie am Prenzlauer Berg Fotos
Rene Altrov

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Die Aussicht weckt viele Emotionen. Tiit Paananen steht auf einem Balkon in der Altstadt Tallinns und schaut von hoch oben auf das riesige Hafengelände, das angrenzende Viertel Kalamaja und die Ostsee. "Das Meer ist für mich das Symbol der Freiheit und des Eisernen Vorhangs zugleich", sagt der 38-Jährige.

Als Paananen zu Sowjetzeiten aufwuchs, waren große Teile des Meerzugangs bei Kalamaja Sperrgebiet, lediglich einige Anwohner und Esten mit Sondergenehmigungen hatten Zutritt. An den Stränden patrouillierten Soldaten, sie sollten eine Flucht über die Ostsee ins nahe gelegene Finnland verhindern. Gerade mal 80 Kilometer trennen die beiden Länder.

"Oft gingen wir als Jugendliche zum Konzerthaus Linnahall, kletterten auf das Dach und schauten, ob wir Finnland sehen können", erinnert sich Paananen. "Es war von dort natürlich unmöglich, aber wir stellten uns jedes Mal vor, wir würden die Küste sehen." Die Esten wussten, wie gut das Leben dort war, schließlich schauten sie in Tallinn heimlich finnisches Fernsehen.

Heute ist alles anders. Das seit 1991 unabhängige Land hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen als Musterstaat des Nordens gemacht: Hier hat jeder Bürger per Gesetz das Recht auf kostenlosen Zugang zum Internet, es wird online gewählt, und sogar die Minister stimmen bei Kabinettssitzungen per Mausklick ab.

So modern sich Estland gerne gibt, die Spuren der wechselhaften Geschichte des Landes sind überall sichtbar. Nicht nur im mittelalterlichen Stadtkern, sondern auch im gerade mal zehn Fußminuten entfernten Viertel Kalamaja, das übersetzt Fischhaus bedeutet. Neben alten Fabrikgebäuden stehen in diesem ehemaligen Arbeiterbezirk auch rund 500 traditionelle Holzhäuser, viele von ihnen verziert mit alten Schnitzereien. Die meisten Bewohner arbeiteten am Hafen oder in den umliegenden Fabriken.

Prenzlauer Berg in den neunziger Jahren

Noch immer erinnern die Straßennamen an den Ursprung des Viertels: Sie heißen Vabriku (Fabrik), Köie (Seil), Soo (Sumpf). Früher lebten die Menschen in den zwei- bis dreistöckigen Gebäuden eng beieinander. Jede Arbeiterfamilie, die häufig fünf bis sechs Kinder hatte, bewohnte nur ein Zimmer - und im Flur befand sich die einzige Toilette des Hauses.

Ein zweistöckiges Gebäude in der Niine-Straße aus dem Jahr 1893, mit gotischen Giebelfenstern und einem kleinen Turm, zählt zu den ältesten Wohnhäusern des Viertels. Die meisten Holzhäuser, die man beim Spaziergang durch Kalamaja sieht, stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Nur wenige stehen unter Denkmalschutz. So ist es auch bei Paananen, der Manager lebt mit seiner Familie zwar im Umland, hat hier aber ebenfalls eine kleine Stadtwohnung.

Der dörfliche Charakter und die Nähe zur Innenstadt machen Kalamaja seit einiger Zeit besonders bei jungen Familien zur beliebten Wohngegend. Die Immobilienpreise sind stark angestiegen. Glück hat, wer schon vor einigen Jahren hierher zog, so wie zahlreiche Künstler. Manche arbeiten im Telliskivi-Komplex.

In dem ehemaligen Industriepark befinden sich Ateliers, Büros von Festivals, aber auch ein Flohmarkt und das beliebte Café F-Hoone. Telliskivi dient manchmal auch als Konzert-Venue. Schräg gegenüber des Komplexes betreibt ein Ex-Model, das auch eine TV-Kochshow moderiert, das angesagte Restaurant Kukeke. Nur unweit davon hat Paananens Frau Kadri eine Bäckerei namens Bioteek eröffnet, ihre Spezialität sind Muffins aller Art.

Kalamaja ist ein bisschen wie Prenzlauer Berg in den neunziger Jahren. Es hat den Charme des Unfertigen, ist voller Umbrüche - ständig eröffnen neue Cafés oder kleine Läden. Ökologisches Bewusstsein mischt sich mit alternativer Kunst, Architekten und Designer spielen mit der Umgebung.

Ein Kilometer Kultur

2011 war Tallinn, gemeinsam mit der finnischen Stadt Turku, europäische Kulturhauptstadt. Das Motto des estnischen Programms lautete "Geschichten am Meer". Zahlreiche Events und Projekte fanden in Kalamaja statt. "Wir sind selbst über 20 Jahre nach der Unabhängigkeit immer noch dabei, das Meer wieder in unseren Alltag mit einzubeziehen", sagt Maris Hellrand. Die 42-jährige Estin ist in Tallinn aufgewachsen. Wie Paananen vermisste sie früher die Freiheit, die für ihre drei Kinder jetzt selbstverständlich ist.

Damals arbeitete sie für die Stiftung, die das Kulturhauptstadt-Programm organisierte. Inzwischen ist Hellrand für Kultuurikatel tätig, eine Initiative, die kulturelle Projekte, Designer und Künstler auch mit Unternehmern zusammenbringt. Sie wird im kommenden Jahr in dem dann restaurierten, ehemaligen Kraftwerk gleichen Namens beim Hafen von Kalamaja Unterkunft finden.

Das Kraftwerk Kultuurikatel ist zugleich auch der Startpunkt des Kulturkilometers. Schräg gegenüber wurde diesen Sommer ein Gemeinschaftsgarten eröffnet, an dem verschiedene Initiativen beteiligt waren. Im Kultuurikatla Aed konnten die Besucher verweilen, es gab Yoga-Kurse im Freien, Konzerte, Dichterlesungen und junge Künstler entwarfen im Garten einen hübschen Hühnerstall.

Der Kulturkilometer verläuft einige hundert Meter parallel zum Strand. Die nächste Station ist Patarei, eine Seefestung aus dem 19. Jahrhundert, die von 1920 bis 2002 als Gefängnis diente. Mittlerweile ist Patarei ein Kulturpark, in dem gelegentlich Rockbands spielen und es eine Strandbar mit Liegestühlen gibt. Durch einen rostigen Zaun blickt man auf das offene Meer, wo Fähren mit Namen wie "MS Baltic Princess" täglich Tausende Besucher an Land spülen.

Braune Farbe gegen Blutflecken

Im Inneren von Patarei können Besucher ein Museum mit scheinbar endlos vielen Räumen und Zellen besichtigen. Es sieht so aus, als hätten 2002 alle fluchtartig das Gelände verlassen. In einem gekachelten Raum steht ein OP-Tisch, an dem eine hölzerne Krücke lehnt. Es wäre die ideale Kulisse für einen Horrorfilm.

Dass an diesem Ort wirklich Grausames vor sich ging, wird nicht verschwiegen. "Hanging Room" steht auf einem Türschild, und es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie hier Inhaftierte erhängt wurden. In einem anderen Raum sind, wie es in der Museumsbroschüre heißt, die Wände braun gestrichen worden, damit man die Blutflecken der Exekutierten nicht sehen konnte. Patarei ist ein beklemmender und zugleich bizarrer Ort.

Ein paar hundert Meter weiter, fast am Ende des Kulturkilometers, erweckten die Esten vor wenigen Monaten ein Bauwerk aus einer anderen Epoche neu zum Leben: das Meeresmuseum. Der Hangar für Wasserflugzeuge wurde während des russischen Zarenreichs gebaut und soll das weltweit erste Bauwerk mit Betonschalenkonstruktion sein. Jetzt hängt in der riesigen Halle das 600 Tonnen schwere U-Boot Lembit. Auf drei Ebenen - dem gedanklichen Meeresboden, der Wasseroberfläche und der Luft - kann der Besucher das Museum erkunden.

So langsam erobern die Tallinner sich also das Meer zurück, doch wer weiß, wie lange sie noch am Strand von Kalamaja entlang spazieren können. Denn eigentlich ist das Gelände an private Investoren verkauft worden, es ist nicht klar, ob die natürliche und eher wild gewachsene Promenade wirklich öffentlich bleibt. Deshalb gibt es derzeit heftigen Widerstand, Petitionen wurden eingereicht.

Noch einmal, das steht fest, wollen sich die Bürger nicht abgrenzen lassen - wo sie doch so lange auf ihre Freiheit warten mussten.

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1. Bildunterschrift 2: Abend ausklingen...
hapero 15.11.2012
Sollte sicher doch der Tag sein der ausklingt....
2.
totak 15.11.2012
Wenn schon abgekürzt, dann so: Prenzl'berg.
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