Grönland-Expedition: Endstation im Camp "Pulkatod"

Eigentlich wollte SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Stephan Orth Grönland durchqueren - auf den Spuren seines Großvaters, dem die Tour vor hundert Jahren gelang. Doch nach wenigen Tagen sind die Hightech-Schlitten kurz davor auseinanderzubrechen. Jetzt muss ein Plan B her.

Expedition in Grönland: Kein Ersatz für die Pulkas Fotos
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Sisyphus muss ein glücklicher Mensch gewesen sein. Sein Stein konnte nicht kaputtgehen. Das gilt leider nicht für unsere Pulkaschlitten, die wir seit Tagen den Hang hochwuchten. Klar, wir haben die Dinger nicht sonderlich gut behandelt. Die ständigen Bach- und Gletscherspaltenüberquerungen, die heftigen Erschütterungen. Mehrere Tage lang mussten wir ständig im Zickzack laufen, das Spaltengebiet nahm einfach kein Ende.

In meinem und in Wilfrieds Pulka hat sich dabei an exakt der gleichen Stelle im vorderen Drittel links an der Außenhülle zunächst ein Knick gebildet. Nach einigen weiteren Wegstunden wurde daraus ein Riss, der sich schließlich bis zu den Kufen durchzog. Bei jeder Kurve, die wir nun fahren, wird genau dieser Riss erneut belastet. Irgendwann wird wohl das ganze Teil durchbrechen. Wir beschließen, sofort die Zelte aufzubauen - ein hübscher Platz zwischen zwei gewaltigen Gletscherspalten - und die Situation zu besprechen.

"Damit kommen wir niemals an die Westküste", sagt Expeditionsleiter Wilfried. Auch wenn wir spätestens in zwei Tagen erheblich bessere Bedingungen und Schnee statt Eis als Untergrund erwarten - hundert Kilometer vor dem Zielpunkt erwarten uns wieder schwierigste Bedingungen, das würden die Schlitten nicht mitmachen.

Die Erkenntnis ist bitter: Unsere Expedition ist gescheitert - und das schon in der ersten Woche auf Tour. Geplant hatten wir eigentlich eine 700-Kilometer-Tour quer über das Inlandeis im Süden der grönländischen Insel, immer auf den Spuren meines Großvaters Roderich Fick. Er hatte die Überquerung im Juli 1912 mit einem schweizerisch-deutschen Team geschafft - ich bin mit dem Vermessungskunde-Professor Wilfried, dem Mechaniker Jan und dem Geografen Gregor unterwegs.

Und nun haben ausgerechnet die beiden nagelneuen handgefertigten Karbon-Pulkas, die als die Besten auf dem Markt gelten und auf den härtesten Süd- und Nordpoltouren verwendet werden, die strapaziösen Tage des Aufstiegs nicht überstanden. Die beiden zehn Jahre alten Glasfaser-Pulkas von Jan und Gregor dagegen haben sich erheblich besser geschlagen, bei ihnen sind die Schäden gering.

"Wir haben für alles Ersatz, nur für die Pulkas nicht", sagt Wilfried. "Wie willst du das auch mitnehmen?" Hätte es ein Zelt erwischt oder zwei Skier, einen der Laptops oder ein Satellitentelefon - kein Problem, alles doppelt vorhanden. Wir haben dicke Isomatten als Luftmatratzen-Ersatz und Notfall-Schlafsäcke, einen Ersatzkocher und jeder circa fünf Paar Handschuhe - falls mal eines wegfliegt. Nur die Pulkas, die haben wir nur einmal.

Auch die Teilnehmer der Expedition vor hundert Jahren hatten mit Schäden an den Schlitten zu kämpfen. Nach wenigen Tagen auf dem Eis merkte mein Opa plötzlich, dass sein Hundegespann erheblich langsamer unterwegs war als die anderen, obwohl sich die Zugtiere voll ins Zeug legten. In seinem Tagebuch schreibt er: "Ich entdeckte dann die Ursache, als ich mir mal die Schlittenspuren genauer ansah. Ich fand dann an der rechten Kufe einen Riss in der Neusilberschiene, der sich zum Teil umgeklappt hatte und immer wieder Eis ansetzte."

Und weiter: "Ich versuchte während der Fahrt durch Überfahrenlassen des Peitschenstiels die Eisknollen zu entfernen, was aber nur kurze Zeit half. Ich wollte daher die andern bewegen, Zeltplatz zu machen, da meine Hunde und ich wirklich genug hatten. Die andern waren aber so weit voraus, dass es nicht gelang, und als sie endlich selber Zeltplatz beschlossen hatten, kam ich ziemlich erschöpft an. Am folgenden Tag flickte ich die verletzte Kufe, indem ich das Blech wieder glatt hämmerte, die Enden etwas ins Holz hineinbog und mit einigen Nägeln festmachte. Von da ab ging's wieder besser."

So einfach war das damals, eine Reparatur mit Hammer und Nägeln. Ultraleichte Karbonfasern waren damals noch Jahrzehnte von ihrer Erfindung entfernt - welche Ironie, dass uns ausgerechnet dieses Hightech-Material zum Verhängnis wird.

Nun, Verhängnis ist ein wenig übertrieben. Wir haben noch Verpflegung für 35 Tage und können schlimmstenfalls jederzeit per Satellitentelefon einen Hubschrauber alarmieren, der uns innerhalb weniger Tage hier herausholt.

Pulka-Express per Hubschrauber?

Hätte dagegen bei den Expeditionsteilnehmern von 1912 das Material komplett versagt, hätte das tatsächlich ihr Ende bedeutet. Der Tod oder die Ostküste, so lautete ihr Motto. Sie mussten mit erheblich schlechterer Ausrüstung und ohne eine genaue Karte der Zielregion durchkommen. Wir dagegen haben GPS-Navigation und wissen bei jedem Schritt auf zwei Meter genau, wo wir sind.

Ein Expeditions-Abenteuer ist generell eine relativ sinnlose Angelegenheit, doch in dem Moment, in dem es scheitert, spürt man diese Sinnlosigkeit doppelt und dreifach. Jeder von uns hat viel Zeit und Geld geopfert für diese Unternehmung und mehr als ein halbes Jahr Vorbereitung. "Es ist so bitter, wenn das an so was scheitert", sagt Gregor. Wilfried tauft die Koordinate des Camps "Pulkatod".

Wir überlegen, was wir nun für Optionen haben. Alle sind frustriert und niedergeschlagen, doch das Gespräch ist sehr sachlich, sehr ruhig. Wir spinnen ein wenig herum, ob wir nicht den Herbergsbetreiber und Expeditionsguru Robert Peroni fragen können, ob er uns zwei Ersatzpulkas per Helikopter schickt. Kostenpunkt: geschätzte 5000 Euro. Die Idee wird schnell wieder verworfen. Dann wirft Jan in den Raum, ob nicht einfach zwei von uns die ganze Route machen sollen und die anderen beiden sich ausfliegen lassen. Drei Gegenstimmen, abgelehnt.

Schließlich einigen wir uns darauf, Lebensmittel für zwei Wochen wegzuschmeißen und mit weniger Gewicht zu versuchen, wenigstens noch einige Tagesetappen auf dem Eis zu schaffen und dann einen anderen Rückweg zu gehen: in Richtung Hundefjord, genau auf der Route von 1912. Historisch gesehen ist das erheblich interessanter als unsere ursprünglich geplante Querung nach Westen - weil es dort noch Spuren von der Expedition vor hundert Jahren gibt, zum Beispiel einen Berg, der nach meinem Opa benannt ist und bis heute den wohlklingenden Namen Ficksbjerg trägt.

Einen Großteil ihrer Ausrüstung haben die Expeditionsteilnehmer damals nicht weit davon zurückgelassen, steht in Opas Tagebuch, inklusive einer ziemlich detaillierten Ortsbeschreibung. Wir werden uns mal auf die Suche machen - vielleicht finden wir ja einen brauchbaren Schlitten.


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insgesamt 15 Beiträge
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    Seite 1    
1. Teurer HighTechschrott
ctwalt 15.08.2012
Superkonstruktion, das hätte ich ja besser selbstbauen können. Aluminiumflachprofile mit professionell gebohretn Sollbruchstellen. Ein Einheimischer häte wohl etwas leichteres, stabileres für einen Bruchteil herstellen können. Wirklich gut vorbereitet, wenn die Tour nach wenigen Kilometern durch einen gebrochenen Transportschlitten zuende ist .......... Ihr Hobby Outdoortypen
2.
smacks747 15.08.2012
Zitat von sysopEigentlich wollte SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Stephan Orth Grönland durchqueren - auf den Spuren seines Großvaters, dem die Tour vor 100 Jahren gelang. Doch nach wenigen Tagen sind die Hightech-Schlitten kurz davor, auseinanderzubrechen. Jetzt muss ein Plan B her. Expedition in Grönland: Pulka kaputt, Überquerung gescheitert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,850106,00.html)
Danke für die Bestätigung meiner Erfahrungen bei Ausrüstung: Leist ist teuer, ist schnell kaputt. Das gilt beim wandern, Bergsteigen und Rennrad gleichermaßen ... Trotzdem - gutes gelingen beim Plan B
3. Dilettantisch
miedelsbacher 15.08.2012
Mal ganz abgesehen davon, dass die "Ureinwohner" so einen Quatsch gar nicht versuchen würden, haben sich dort doch über Jahrhunderte die Leute mit einfachen Mitteln besser ausgerüstet. Hightech. Wenn man das schon hört. Die Jungs sind ja die ersten, die sowas versuchen. Vielleicht hätte man mal fragen sollen, was sich bisher bewährt hat, bevor man einen Live-Materialtest macht. Haben die Kollegen die Stelle markiert, damit jemand den Müll von den weggeschmissenen Lebensmitteln abholt? Mann, mann mann. Und sowas nennt sich dann Expedition. Orten, abholen und wegen Umweltverschmutzung verurteilen. Sowas ist doch nicht mal einen Artikel wert.
4. Besser Nachfragen
a-baer 15.08.2012
Ja, liebe SPON-Journalisten, da solltet ihr besser hinschauen und kritisch nachfragen: Das 2. Bild zeigt in der Tat keine gebrochene High-Tech Karbon-Schiene sondern eine dünne, angebohrte und damit geschwächte Alu-Leiste, die bei niedrigen Temperaturen spröde wird und die zudem mit Blindnieten festgequetscht ist. Das ist Baumarkt-Bastel-Schrott und kein High Tech! Geradezu tollkühn, sich mit sowas in die Eis-Wildnis zu begeben.
5. Enttäuschung
roboterin 15.08.2012
Vielleicht habe ich es übersehen aber ich find es schon etwas armselig nicht über die Rekord Eisschmelze in Grönland zu berichten, wenn man dort gerade auf Mission ist. Die Eisschmelze in Grönland hat ein neues Rekordniveau erreicht Von Juni bis zur ersten Augustwoche ging in Grönland mehr Eis verloren als in der gesamten Tau-Saison 2010. http://www.tt.com/Überblick/Freizeitüberblick/Leben/5264486-6/die-eisschmelze-in-grönland-hat-ein-neues-rekordniveau-erreicht.csp
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