Extremsport in Island: Surfer on the Rocks

Von Norbert Eisele-Hein

Kiten auf isländischen Gletscherseen ist kein Kuschelsport: Extremsurfer Dirk Hanel fliegt mit seinem Schirm knapp an Eispyramiden vorbei, verhindert mit gewagten Sprüngen den Crash. Wenn er doch einmal die Reißleine ziehen muss, erwartet ihn eiskaltes Wasser.

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Schrr, Schrr - elegant cruist Dirk Hanel auf seinem Board durch ein Labyrinth aus scharfkantigen Eisschollen, über ihm sein Kiteschirm. Plötzlich dreht der Wind auf ablandig. Eine gewagte Halse und ein hektischer Satz über einen blau schimmernden Eisriegel verhindern zunächst eine Kollision, doch angesichts einer zwölf Meter hohen Eispyramide findet der Slalom über Islands berühmtesten Gletschersee Jökulsarlon ein jähes Ende. Dirk muss die Reißleine ziehen - und den Kite sausen lassen.

Jetzt muss alles schnell gehen. Noch während der Schirm wie in Zeitlupe, aber lautstark in die Eisberge kracht, paddelt Dirk aus dem Packeis. Ebenso lautstark fluchend. Durch den Lärm neugierig gewordene Robben tauchen zwischen den Eistrümmern auf und riskieren einen Blick auf den Sportler.

"Bringt mir die Wärmepads", schreit Dirk schon von weitem mit gepresster Stimme. Sein Körper wird von einem fünf Millimeter dicken Neoprenanzug geschützt, aber die Finger werden in dieser drei Grad kalten Frostsuppe im Nu fast zu Eiszapfen. Endlich am Ufer knetet Dirk die heißen Wärmepads, langsam kehrt unter Schmerzen wieder Leben in seine Finger.

"Verdammt, ich muss den Schirm retten", keucht er und lässt seinen im Eis zappelnden Kite nicht aus den Augen. Auf einer aufblasbaren Isomatte stürzt er sich wieder in den Gletschersee und rettet in einer halsbrecherischen Aktion sein Sportgerät, das sonst langsam aber sicher auf Nimmerwiedersehen im Atlantik verschwunden wäre.

"Der absolute Hammer!"

Dirk Hanel ist in der Kiteboard-Szene bekannt wie ein bunter Hund. Der 36-Jährige, der aus Kalckreuth bei Nürnberg stammt und heute auf Hawaii lebt, zählt in dieser jungen, boomenden Sportart zu den Männern der ersten Stunde. Einst stellte er bei der Speedweek in Namibias Walvis Bay mit 35,44 Knoten (65,6 km/h) einen neuen Weltrekord auf. Gerade eben wurde er Weltmeister der Konstrukteursklasse im französischen Douamenez.

Als Weltcup-Kiter und Produktentwickler hat er schon viele entlegene und verwegene Spots dieses Planeten angesteuert. Aber "Island ist auf jeden Fall eines der heftigsten und vor allem kältesten Reviere", bestätigt der Globetrotter voller Überzeugung. "Wo kannst du schon zwischen Eisbergen kiten? Und außerdem sind wir hier hart am 66. Breitengrad, also am Polarkreis. Hier kesselt der Wind fast immer mit einer Stärke von mindestens fünf Beaufort. Island ist der absolute Hammer!"

Hier, wo der Vatnajökull, Europas größter Gletscher, einen seiner zahlreichen Arme zu Tal strömen lässt, Tag und Nacht ploppen gewaltige Eisberge in den Märchensee Jökulsar. Hier fröstelte schon Pierce Brosnan alias James Bond - oder waren es seine Stuntdoubles - für "Stirb an einem anderen Tag". Hier landen tagtäglich unzählige Island-Touristen. Die finden alles bizarr, märchenhaft und überhaupt wunderbar. Halten kurz mit der Kamera drauf und hauen schnellstmöglich wieder ab - bevor ihnen die Kälte in die Knochen kriecht. Auf die Idee, hier länger zu bleiben oder gar zu kiten, ist bisher noch niemand gekommen.

Nächtliches Ballett der Eisberge

"Alleine die Zeltnacht am Ufer war die Reise schon wert", schwärmt Dirk. "Meine Frau und ich haben auf dem Gaskocher einen Mini-Eisberg geschmolzen und den Camping-Klassiker gekocht: Spaghetti in Tomatensauce." Währenddessen tanzten die Eisberge Ballett: In Zeitlupe drifteten sie mit der Strömung an Dirks Nudeltopf vorbei, hinaus auf das offene Meer. "Wir lagen noch ewig wach, um das Spektakel zu genießen", sagt er. Erst weit nach Mitternacht hüllte ein zäher Nebel die Eisberge ein.

Eine völlig neue Kite-Erfahrung bietet auch der Skeidara-Sund. Hier rauscht das Schmelzwasser des Skaftafell-Gletschers mit locker 30 km/h in unzähligen Strömen zu Tal. Der Wind aber hat so viel Kraft, dass er die Wasserader wieder bergauf drückt. Somit kann auch Dirk auf seinem Board bergauf über trübgraue Stromschnellen fegen.

Bei Blönduos, hoch im Norden tankt Dirk seinen Jeep bis zum Anschlag voll. Eingehüllt in eine kilometerlange Staubfahne schreddert er über die F 35 durch das Hochland, auf der sogenannten Kjölur-Route. Hveravellir, die einzige Oase auf dieser gottverlassenen TransIsland-Piste, zeichnet sich vor allem durch seinen Hotpot aus. Das brodelnde Wasser aus dem Erdinneren wird mit einem Zulauf aus dem eiskalten Nebenfluss gemischt - die perfekte Badewanne!

Gerade herrscht Windflaute, und somit gönnen sich Dirk und seine Frau eine Pause und garen etliche Stunden im Kochtopf. Genießen das Panorama und den Kontrast, den die gewaltigen weiß-grauen Gletscher Hofs- und Langjöküll, die sattgrünen Moosteppiche und das rabenschwarze Lavagestein bilden. Kurz vor Mitternacht zerfetzen wilde Böen die Wolkendecke. Dirk wird unruhig. "Ich habe da in der Nähe der Piste einen schönen Gebirgssee gesehen..."

Gewitterfront vor Mitternachtssonne

Kurz entschlossen tauscht er die einschläfernde Poolsitzung gegen den Pörisvatn ein - eine saukalte, silbrig-spiegelnde Eispfütze. Die Böen bringen die Schaumkronen zum Tanzen, Dirk fliegt unter Jubelschreien durch einen Lichtmix aus Mitternachtssonne und der Weltuntergangsstimmung einer erneut heranziehenden Gewitterfront. Es ist Mitte Juni, eigentlich Sommer in Island - aber was heißt das schon am Polarkreis. Schneeschauer lösen die peitschende Regenfront ab. So segelt Dirk um 1.30 Uhr morgens durch Schneeschauer und mehrere Meter über seinen Jeep hinweg. Eine schräge Aktion - aber viel zu kalt!

Zurück im Jeep klammert Dirk sich wieder an die Wärmepads. Diesmal dauert es lange, bis seine erstarrten Beine das Gaspedal halbwegs dosiert bedienen können.

In voller Montur hüpft er noch einmal in den dampfenden Pool von Hveravellir. Die Hüttenwirtin Magga ist noch wach und sperrt extra für Dirk ihren Mini-Shop auf. Dort gibt es nur Grundnahrungsmittel: Spaghetti, Schokoriegel, Kekse, Pringles und Bier. Dirk studiert das Angebot und sinniert: "Wow, acht Euro für eine Büchse Bier. Aber egal. Kitesurfen auf Island ist ja auch nicht unbedingt vernünftig."

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1. Arktis und Antarktis als Surfparadies
Günter Butter 11.07.2011
Ich habe mal was von beheizbaren Neoprenanzügen gelesen... Dann wird es wohl nicht mehr lange Dauern, dass ein Surfer die Schmelzseen in Zentralgrönland und die Antarktis für sich entdeckt.
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Kiten in Island
Anreise
Am besten nonstop ab Frankfurt, Hamburg, Düsseldorf oder München mit Icelandair, SAS, Lufthansa oder Air Berlin ab 250 Euro. Kiteboards vorher anmelden!
Transport auf Island
Mietwagen gibt es bei allen großen Anbietern, Allradantrieb ist vor allem für Touren ins Hochland anzuraten.
Beste Reisezeit
Juni, Juli, August, bis maximal Mitte September. Die Hochlandpisten werden je nach Schneelage meist erst ab Mitte Juni geöffnet. Winterlich kalt kann es das ganze Jahr über sein.
Kite-Infos
Es gibt noch keine organisierten Kitetouren auf Island. Die heftig zerklüftete Küste mit ihren unzähligen Fjorden bietet fast überall gute Bedingungen für Kitesurfer. Auch die zahlreichen Seen eignen sich hervorragend zum Kiten. Die Wetterkapriolen sorgen dafür, dass so gut wie jede Schirmgröße mal zum Einsatz kommt.