Familienurlaub am Teufelsmoor Kunst ist kinderleicht

Das Motto ist "Jeder kann kreativ sein": Auf dem Hof Wilstedtermühle am Teufelsmoor wird gemalt, geschnitzt, gehämmert und mit der Kettensäge gestaltet. Ein Familienurlaub, der Kinder wie Eltern begeistert - auch wenn das Hofgetier sich bissig gibt.

Von Annette Bruhns


Familie Heim aus Hamburg fährt im Winter zum Skifahren in die Alpen und im Sommer zum Baden in den Süden. Aber der Lieblingsurlaub von Luise, 9, und Justus, 6, findet alljährlich im Herbst statt, im nasskalten Norddeutschland, 35 Kilometer nordöstlich von Bremen. "Die Woche auf dem Hof Wilstedtermühle ist für unsere Kinder die schönste im ganzen Jahr", sagt Ragna Heim, "das antworten beide wie aus der Pistole geschossen, wenn ich sie frage."

Dabei ist die Begrüßung dort mitunter bissig. Gänse empfangen die Gäste gern schon beim Aussteigen aus dem Auto, und wer sich nicht entschlossen mit einem Ast oder wenigstens der Reisetasche wehrt, nach dem wird schon mal geschnappt. Willkommen auf einem höchst lebendigen Bauernhof, der aber nicht nur Federvieh, Ponys und Schafe bietet, sondern auch - und das ist das Besondere - : Kunst zum Mitmachen. Das Gehöft am Rande des Teufelsmoors, nahe der Künstlerorte Worpswede und Fischerhude, kombiniert ländliche Idylle mit farbenfroher Schaffenskraft.

Im 150 Jahre alten Mühlenhof, einem stolzen weißen Haus mit roten Schindeln, finden die Kunstkurse statt. Während drumherum Wiesen, Teiche, Kletterbäume, Tischtennis und das hofeigene Hallenschwimmbad für Ablenkung sorgen, hält sich die Kreativarbeit strikt an den Fahrplan der Kunstpädagogin Andrea Schloen. "Um 10 Uhr beginne ich mit dem Malkurs für Kinder", sagt die Chefin des Hofs, "von 11 bis 12.30 Uhr sind die Erwachsenen dran." Nachmittags dürfen dann Kleine und Große gemeinsam draußen auf dem Kopfsteinpflaster vor der Scheune bildhauern.

Getupft, geklebt, mit Fingern gemalt

"Bei mir kann jeder malen", sagt Frau Schloen, "mit oder ohne Vorkenntnissen." Die 66-Jährige, die erst mit Anfang 40 Kunstpädagogik studierte und vorher jahrelang den elterlichen Handwerksbetrieb leitete, ist eine schlanke große Dame, die auch im Malerkittel noch elegant wirkt. "Ich freue mich immer wieder über Familienväter und -mütter, die im Beruf Führungsfunktionen ausüben, und sich hier bereitwillig meiner Anleitung anvertrauen."

Praktisch sieht das so aus: Schloen führt die Neuankömmlinge zunächst durch galerienartige Räume im Haupthaus, an deren Wänden Hunderte höchst unterschiedliche Bilder hängen – abstrakte und figürliche, getupfte, geklebte oder mit den Fingern gemalte. Jeder Gast soll spontan sagen, welche ihm derart gut gefallen, dass er Lust hätte, selber Ähnliches zu versuchen. "Geschmack ist subjektiv, Qualität ist objektiv", ist dabei Schloens Devise. Danach bekommt jeder die nötigen Materialien für sein Bild ausgehändigt und die zugehörige Technik erklärt: Acryl, Aquarell oder Öl, Collage oder Graffiti, Linoldruck oder Monotypie.

Einmal angefangen, beflügelt Schloen Verzagte – etwa selbstkritische Kinder – mit ihrer ansteckenden Begeisterung. Übereifrige wiederum werden angehalten, es doch erst mal klein anzugehen. Welcher Erwachsene weiß noch, wie schwer es ist, eine größere Fläche gleichmäßig mit Farbe auszumalen? "Die Kinder staunen immer, dass ihre Eltern auch mal das tun, was sonst nur sie selbst in der Schule machen und sie bisher für Kinderkram hielten."

Nachmittags treffen sich dann alle auf dem Hof. Im Schatten der alten Eichen stehen Baumstammklötze bereit, um darauf Holz zu schnitzen oder Steine zu schmirgeln – Speckstein, Alabaster, Marmor, Kalksandstein. Es knirscht und schleift, hämmert und klopft, zwischendurch kreist die Wasserflasche. Bildhauen fordert ungeahnte Muskelpartien. Immer wieder klopft ein Kind den Schleifstaub ab und schwingt sich zu einer Kletterpartie auf die hohen Bäume über der Freiluftwerkstatt. "Plastiken aus Porenbeton macht uns am meisten Spaß", sagt die Hamburgerin Heim, selber studierte Grafikerin, "hinterher sind wir eingestäubt wie die Müller, die hier eins wirtschafteten. Solche Schweinereien kann man zu Hause gar nicht machen."

Ausflug in die Künstlerdörfer

Anregungen für die eigene Produktion kann man sich in den Künstlerdörfern der Gegend holen: im Heinrich-Vogeler-Museum im Barkenhoff in Worpswede oder im Otto-Modersohn-Haus in Fischerhude. Dort kann man auch mal abends zum Essen hinfahren. Denn Bekochen müssen Schloens Gäste sich selbst: Gewohnt wird in sieben großen, schlichten Appartements mit eigener Küche. Zur Erkundung der Gegend kann man sich Fahrräder im Nachbardorf ausleihen.

Hof Wilstedtermühle bietet indes nicht nur Familienurlaub: Es gibt auch Kreativwochenenden nur für Erwachsene. Da kocht dann die Gutsherrin höchstpersönlich leckere Vollkornkost mit Kräutern aus dem eigenen Garten.

Kinder wiederum können in den Sommerferien auch ohne Eltern kommen. Pro Woche kann das alte Bauernhaus je zehn Ferienkinder beherbergen, die zu zweit oder zu dritt in einem Zimmer schlafen. Sie sind dann zu Gast bei Ehepaar Schloen, dessen eigene drei Kinder bereits erwachsen sind. Auch für sie gibt's jeden Tag Kunstunterricht, Ponyreiten und Schwimmen – wie für alle Gäste. Nur bei Heimweh gibt es eine besondere Behandlung: "Da nehm' ich mir das Kind auf den Schoß", sagt Schloen, die trotz einer gewissen norddeutschen Resolutheit gerade bei kleinen Gästen sehr beliebt ist.

Apropos die ganz Kleinen: Die kommen nicht unbedingt wegen der hohen Kunst. Für Erstklässler Justus aus Hamburg geht's diesen Herbst wieder nur um eins: "Bootfahren zwischen den Gänsen!"

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