Tyler Brûlés Bürokritik Kindergarten für Erwachsene

Ist es ein Nachtclub? Ein Flohmarkt? Oder ein Spielzimmer für die lieben Kleinen? Nein, es ist das neue Youtube-Hauptquartier in London. Tyler Brûlé ist entsetzt - und hat kein Verständnis für die fortschreitende Infantilisierung der Arbeitswelt.

Bunt und verspielt: Tyler Brûlé wäre bestimmt kein Fan des Google-Büros in Dublin
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Bunt und verspielt: Tyler Brûlé wäre bestimmt kein Fan des Google-Büros in Dublin


Können Sie sich daran erinnern, wann Sie zuletzt bei einem Meeting außer Haus von einer Welle akuten Neids gepackt wurden? Wo sich bereits im Empfangszimmer ein sanftes Wohlgefühl einstellte und Sie sich mit einer Mischung aus Euphorie und Eifersucht durch eine wunderschön gestaltete und dabei schlichte Umgebung treiben ließen?

Bei befreundeten Unternehmen gibt es einige Büros, die ich besonders gern aufsuche. Danach nehme ich mir jedes Mal fest vor, auch mal diese besonderen Türen einbauen oder genau diesen Boden verlegen zu lassen, beziehungsweise darauf zu achten, dass die Leute an der Rezeption ihre Haare auf jene Art frisieren und ihr Make-up (da sind die Männer befreit) so und nicht anders auftragen.

Für Stockholm ist der leicht scharfe Geruch der Holzfußböden charakteristisch sowie die so hübsche wie praktische Einrichtung, die es zu einem wahren Genuss werden lässt, die Büros von Thomas Eriksson zu besuchen. In Kopenhagen gibt es keinen straffer geführten Laden als die Maersk-Zentrale mit ihren subtilen nautischen Verweisen, einem rasiermesserscharfen Branding und der perfekt durchdachten Ausstattung. In Tokio würde ich am liebsten gleich in die Villa der Wonderwall-Architekten mit integriertem Büro miteinziehen. Und Diego Della Valles Büro in Mailand ist immer ein angenehmer Ort, um eine Tasse Kaffee sowie ein oder zwei Stück Kuchen zu kosten.

An all diesen Plätzen findet man Komfort, Detailgenauigkeit, hochwertige Materialien, am Nutzen orientiertes Design und vornehmen Geschäftssinn.

"Was um Himmels willen ist das?"

Der Großteil der zivilisierten Welt richtet seit Jahrhunderten seine Büros nach einem etablierten Ordnungssystem ein. Daher erstaunt es mich umso mehr, dass einige der international führenden Unternehmen die Idee dahinter völlig falsch verstanden zu haben scheinen. Noch besorgniserregender ist allerdings der Trend, Büros in einen Kindergarten für Erwachsenen zu verwandeln.

Am Mittwoch flatterte eine Presseerklärung vom Schreibtisch meines Kollegen Hugo herunter und landete vor meinen Füßen. Ich starrte auf die Bilder und versuchte herauszufinden, was ich da sah. Handelte es sich um ein Hotel? Einen Nachtclub? Einen aufgemotzten Flohmarkt für Vintage-Einrichtungen? Oder vielleicht das Filmset einer amerikanischen Kabel-TV-Serie über die frühen Tage der Porno-Industrie?

"Was um Himmels willen ist das?", fragte ich.

"Ich dachte, es würde dir gefallen", erwiderte Hugo. "Es ist das neue Hauptquartier von Youtube in London."

"Warum nur erinnert die Arbeitsplatzgestaltung all dieser Firmen an die Spielzimmer in Kindergärten?", seufzte ich.

"Grauenhaft, ich weiß", sagte Hugo.

"Das schreit nach einer Kolumne", sagte ich und machte mich auf den Weg zum Schreibtisch.

Opfer von Designklischees

Jeder, der ein wenig Zeit in San Francisco, Berlin, München oder New Yorks Lower West Side verbracht hat - also dort war, wo man Worte wie "tech" oder "digi" benutzt, um zu definieren, zu welchem Teil der industriellen Nahrungskette man zählt -, weiß, wovon ich spreche.

Für eine Branche, der sich selbst gerne als kreativ bezeichnet, ist es bemerkenswert, wie viele Unternehmen Opfer derselben Designklischees werden. Und das alles nur, um Uni-Absolventen zu überzeugen, die nach dem perfekten Umfeld suchen, um einen Haufen Aktienoptionen für einen potenziellen Börsengang zu scheffeln.

Da gibt es Skateboard-Rampen in der Lobby und "voll crazy" Sitzmöbel, von denen Besucher immer wieder würdelos runterkippen, während sie darauf warten, von Praktikanten eingesammelt zu werden, die riesige Thermoskannen mit lauwarmem Kaffee mit sich herumtragen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass man außerdem über einen giftgrünen Kunstrasen geht.

Hinter der Rezeption findet man Basketballkörbe, auf dem Boden sind Markierungen für Joggingbahnen und Tennisplätze aufgemalt, an der Wand hängen wie Trophäen ein paar riesige Plüschtierköpfe und an unzähligen Imbissstationen können die Mitarbeiter ihre überdimensionierten Thermoskannen mit diversen Umsonst-Getränken auffüllen. Während man sich zwischen halbfertigen Wänden aus Spanplatten zickzackartig den Korridor hinunterschlängelt, kommt man an vielen jungen Männern vorbei. Keiner grüßt, mit ihren Kollegen klatschen sie jedoch ab und werfen sich ein lässiges "Yo!" zu.

Fünf schnelle Fragen

Irgendwo hinter den Toiletten, bei denen sich ein lokaler Graffiti-Künstler austoben durfte, bleiben Sie dann abrupt stehen und stellen fünf schnelle Fragen:

1. Wann wird diese Infantilisierung des Arbeitsplatzes endlich beendet?

2. Wer ist dafür verantwortlich und wie kann er zur Rechenschaft gezogen werden?

3. Befürworten Aktionäre all diese Extras eigentlich? Finden Sie es gut, wenn die Mitarbeiter sich statt zu arbeiten, einen watteweichen Fußball zuwerfen, um das Gehirn in Schwung zu bringen?

4. Halten diese spaßigen Ablenkungen die Leute länger im Büro und spiegelt sich das in einer erhöhten Produktivität wider?

5. Soll dieser ganze Unsinn nur die Tatsache verschleiern, dass das Arbeiten mit Algorithmen langweilig ist und deswegen eigentlich abgeschirmte, schalldichte Räume erforderlich wären, so dass die Angestellten sich auf der Suche nach einer sinnvolleren Tätigkeit davonschleichen können?

Vielleicht kommen Sie wie ich zu der Erkenntnis, dass diese Spielplätze für Studenten keine tollen Projekte großzügiger Tech-Milliardäre sind, sondern höchstens als upgegradete Versionen der Fertigungsabteilung von Foxconn durchgehen. Wer braucht schließlich noch Wachhäuschen und Stacheldraht, wenn es freie Getränke und Knabbereien rund um die Uhr gibt?



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
ana.bolika 09.10.2012
1. 2 schnelle Fragen
5. Soll dieser ganze Unsinn nur die Tatsache verschleiern, dass Tyler Brûlé ein Snob ist, der sich hier als toller Hecht vermarkten will? "4. Halten diese spaßigen Ablenkungen die Leute länger im Büro und spiegelt sich das in einer erhöhten Produktivität wider?" Diese 2 Zeilen sind ja wohl das einzig relevante an dem ganzen Artikel.
gg0815 09.10.2012
2. neidisch .
klingt der Herr Tyler und sein Artikel soll wohl nun auch noch Missgunst verbreiten.
mks1412 09.10.2012
3. Lol!
"Soll dieser ganze Unsinn nur die Tatsache verschleiern, dass das Arbeiten mit Algorithmen langweilig ist und deswegen eigentlich abgeschirmte, schalldichte Räume erforderlich wären..." hihihi! Tyler "Gebrannt" lese ich immer wieder gerne!
brainbox 09.10.2012
4. Wie Tyler Brûlé seine Welt erklärt
ist jedes Mal wieder amüsant. Tauschen möchte ich mit ihm nicht, meine gefällt mir besser. :)
civertwo 10.10.2012
5. Was für eine...
...Wurst. Er schreibt tatsächlich seinen Mitarbeitern vor, welche Frisur und welches Make-Up sie zu tragen haben? Und er hält Praktikanten lediglich für eine Art biologisches Kaffeetransportsystem. Albern.
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