Wintertrend Fatbike Jetzt kommt's ganz dicke

Gehört die Fahrradzukunft der Breitreifenfraktion? Fatbikes haben sich in manchen Wintersportregionen zum Trendgefährt entwickelt. Was taugen die Dinger für Ausflüge in den Schnee? Eine Testfahrt in den Schweizer Alpen.

Von Stephan Orth

SNOW BIKE FESTIVAL/ GSTAAD/ Zoon Cronje

"Hopp, hopp", ruft ein Paar in teurer Wintergarderobe in der Fußgängerzone von Gstaad, und es klingt wie: "Auf geht's, du schaffst das!" Ich trete in die Pedale. Auf dem Asphalt klingen die weichen Riesenreifen, als wäre ich auf den Randmarkierungen einer Autobahn unterwegs. Ein paar Schaulustige beobachten vom Straßenrand, was für eine seltsame Kolonne in Funktionsklamotten an ihnen vorbeistrampelt, vorbeikeucht, vorbeibrummt.

Es sind die überdimensionalen Reifen, 4,8 Zoll breit, die Fatbikes zum Hingucker machen. Schon am Vortag merkte ich, wie Passanten die Hälse reckten und Kinder winkten, wenn ich mit meinem himmelblau-weißen Leihgefährt die Straße entlangcruiste.

Ein Fatbike verhält sich zu einem Freizeitrad wie ein Monstertruck zu einem Opel Corsa, wie ein Snowboard zu Skiern: nicht so agil, dafür zehnmal lässiger und erheblich breiter. Vor rund 20 Jahren wurden die Dinger in Alaska erstmals im Wintereinsatz gesichtet, damals noch als Eigenbauversion. Nun hängt sich jeder Fahrradladen, der etwas auf sich hält, mindestens ein Exemplar ins Fenster. Weil es so dekorativ ist.

Bergauf mit dem Moonlander

Ein eigenes Event in Europa haben Fatbikes auch: Im Schweizer Schickeria-Winterort Gstaad findet an einem Januarwochenende bereits das zweite Snow-Bike-Festival statt. Aus 18 Ländern sind rund 80 Sportler angereist, um sich in dieser noch jungen Disziplin zu messen. Auf Fahrgeräten, die auf klangvolle Namen wie Moonlander, Blizzard oder Vortex hören. 80 Sportler und ich - ein Hobbyradler, der immerhin den täglichen Weg zur Arbeit auf einem Cityrad bestreitet.

"Es muss dir Spaß machen, nur dann kannst du etwas lernen. Es ist nicht so wichtig, der Schnellste zu sein", sagte mir der Kanadier Brett Tippie vor dem "Fun Ride" am letzten Festivaltag, an dem auch Anfänger teilnehmen dürfen.

Mein Gefährt fährt sich butterweich, und auf den ersten 50 Metern kann ich durchaus mithalten mit dem Feld. Dann die erste Steigung: zu spät runtergeschaltet. Ich mühe mich in einem viel zu hohen Gang nach oben, vertraue der ächzenden Kettentechnik aber noch nicht genug, um zu wissen, dass man auch bei sehr starken Steigungen noch recht gut schalten kann.

"Hopp hopp", ruft ein Bauer vor seinem Holzhaus, und für mich klingt es wie: "Du brauchst Aufmunterung, sonst wird das nie was." Ein schöner klarer Sonntagmorgen, minus zwei Grad, kaum Wind. Schnell haben die Radler die Schaufenster von Gstaad mit Pelzschuhen aus Mailand, Handtaschen aus Paris und Armbanduhren aus der Schweiz hinter sich gelassen. Ebenso wie die beigefarbene Burgturmfassade des berühmten Palace-Hotels, wo die billigsten Doppelzimmer 1040 Franken pro Nacht kosten. Außerhalb seines Schickimickizentrums fühlt sich Gstaad an wie ein Bauerndorf: Romantik à la "Die Trapp-Familie" mit schneebedeckten Holzhäusern und rauschenden Bächen.

Coaching mit Tippie-Tipps

"Richte die Augen immer weit nach vorn, dann kommt es dir nicht so schnell vor, und du kannst Hindernisse früher sehen", war der nächste Tipp von Brett Tippie. Der 47-Jährige ist eine Berühmtheit der Mountainbike-Szene, hauptsächlich wegen einiger halsbrecherischer Downhill-Videos. Und er verkörpert den Vorzeigefunsportler perfekt: robustes Selbstbewusstsein, explosive Lache, ständig zum Scherzen aufgelegt.

Und das, obwohl er diesmal nicht mitmachen kann. "Vor zwei Wochen bin ich beim Snowboarden in der Nähe von Vancouver in eine Lawine geraten - Arm kaputt, Bänder im Knie angeschlagen. Ich muss vier Wochen Pause machen." Nun humpelt er mit einem hölzernen Gehstock, Army-Shorts und Sneakern auf dem Festivalgelände umher und scheint seine Rolle darin gefunden zu haben, jeden in einem Radius von fünf Metern mit seiner guten Laune anzustecken. Langsam, aber Spaß dabei.

Die Augen nach vorn richten, das kriege ich hin. Die Strecke ist mit blauen Pfeilen markiert, verloren gehen kann man nicht. Ein Stück Straße, dann Ziehwege, schließlich durch einen Wald - gut 24 Kilometer mit 400 Meter Höhenunterschied stehen heute auf dem Programm. Einmal in den Nachbarort Lauenen und dann in einer Schleife zurück. Bergauf macht das fette Gefährt einen guten Eindruck, selten verliert das Hinterrad auf dem Schnee den Halt. Und bergab lassen sich mit ein bisschen Übung kleine Rutscher gut kontrollieren. Nur auf Eis helfen auch die dicksten Reifen nicht, ich komme leicht ins Schlittern.

Wenn's schwierig wird: "Oberkörper runter, Ellenbogen raus, Beine breit wie ein Cowboy", lautete ein weiterer Tippie-Tipp. Und nicht zu stark am Vorderrad bremsen, sonst überschlägt man sich. "Hopp hopp", ruft ein Passant mit Snowboard unter dem Arm, und es klingt wie: "Ätsch, du musst dich abmühen, und ich fahre Skilift!"

Die meisten Festivalteilnehmer sind eigentlich Mountainbiker, viele von ihnen haben bislang wenig Erfahrung mit der Fat-Variante. So wie Profimountainbiker Thomas Misser aus Spanien, der im Vorjahr zum ersten Mal auf einem Fatbike saß und gleich den Wettbewerb gewann. "Alle gucken dich an und fragen 'Wow, was ist das denn für ein Rad?'", so preist er die Vorzüge. Behäbiger als Mountainbikes seien die Dinger allerdings schon.

Der Coolness-Faktor zählt auch

Manch einer vergleicht den jungen Trend mit den Anfängen des Snowboardens: Zunächst hielten viele die Bretter für unpraktischer als Skier und beschränkter in den Möglichkeiten. Der Coolness-Faktor wurde komplett unterschätzt.

Neben dem rasant wachsenden E-Bike-Markt setzen seit knapp zwei Jahren immer mehr Hersteller auf Fatbikes als Zukunftsmodell. Gary Fisher höchstselbst, der Erfinder des Mountainbikes, sagte auf einer Messe voraus, dass die Breitreifenmodelle schon in zehn Jahren 20 Prozent des weltweiten Mountainbike-Umsatzes ausmachen könnten.

In der Alpenregion verleihen immer mehr Shops Fatbikes oder bieten Tagestouren an. Destinationsvermarktern dürften die Dollarzeichen in die Augen springen, wenn sie an das Potenzial denken - gerade in mittelhohen Regionen, wo derzeit der Schneemangel den Wintersport bedroht: Ein bisschen Asphalt, Kiesel oder Erdreich zwischendurch vergrätzt Langläufer und Skifahrer, kann aber einen Trail für die Breitreifenfraktion dank der Abwechslung gerade besonders reizvoll machen.

Apropos Abwechslung: Das Highlight des Rennens kommt zum Schluss, als die Runde des "Fun Ride" mit einer Schussabfahrt am Wispile-Skihang ins Tal endet. Nach einer Stunde und 54 Minuten strample ich durchs schwarze Gummipolstertor-Ziel. Der Tagessieger hat 53 Minuten weniger gebraucht. "Bravo!" und "Super!", rufen ein paar Schaulustige im Ziel, und es klingt wie: "Hey, es geht um Spaß. Und nicht darum, der Schnellste zu sein!"

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
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Seite 1
darthrobi 29.01.2016
1.
Nur zur Ergänzung: ein Fatbike ist ein Mountainbike, und nicht nur für Schnee sondern auch für alle anderen Arten Gelände geeignet.
reifenexperte 29.01.2016
2. Als Flachländer
fahre ich lieber mit Spikes auf Eis. Aber schön, dass auch andere das Radfahren im Alltag entdecken. Aber in erster Linie ist das Rad ein Verkehrsmittel.
brotherandrew 29.01.2016
3. Ich nehme ...
... an, der Kraftaufwand beim Fahren ist wesentlich größer als bei einem Mountainbike. Dann nur mit Elektrounterstützung.
Carbonrad 29.01.2016
4.
Wer´s braucht… …kann nicht radfahren! Bin schon im Winter mit 2-Zöllern den Großen Arber erst rauf und dann runtergefahren – und hab dabei die Skifahrer überholt. Fahre allerdings auch seit Jahrzehnten Cross. Ganz schmale Reifen, hartes Gelände. Auch im Winter. Aber ja, lässig sind die Dinger schon. Nur fürchterlich träge.
mcsunny 29.01.2016
5. Fett, fetter, fatbike ...
blöd, blöder, blödbiker endlich noch ne Möglichkeit die Natur in jeder Jahreszeit kaputt zu machen und mit den tollen breiten Reifen erwischt man auch die paar Wanderer besser, die sich frecherweise auch noch auf die Wanderwege trauen
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