Finnland im Sommer Sauna, Sonne, Einsamkeit

Ein Traum für Naturfreunde: Der Urlaub in einem finnischen Ferienhaus am See verspricht interessante Begegnungen mit Elchen und jede Menge Saunagänge. Den Einheimischen ist das nicht genug - für sie gehören auch feuchtfröhliche Nächte mit Tango und Karaoke zum Sommer auf dem Land.


Viitasaari - Regen, Wind, elf Grad. Und das im Hochsommer? Na prima. Der letzte Außenposten mit Supermarkt heißt Viitasaari, ein Dorf in Mittelfinnland. Hier wird noch einmal ein Großeinkauf getätigt, dann geht es 38 Kilometer weiter in Richtung Einsamkeit.

Erst auf der Europastraße, dann abbiegen auf eine schmale Landstraße, rechts und links nur Nadelwald, ab und an ein See und ein Haus. Wieder abbiegen, diesmal auf eine Schotterpiste, kaum Häuser, kein Gegenverkehr. Dann auf einen Feldweg, Schlaglöcher im Schritttempo umkurven, schließlich kommt das Ziel in Sicht: ein Bullerbü-Haus aus rotem Holz mit weißen Fenstern auf einem sattgrünen Hang mit Birken. Im Hintergrund schimmert der blaue See.

So oder so ähnlich beginnt für viele Deutsche der Sommerurlaub in Finnland, der keineswegs immer von Regen und kühlen Temperaturen geprägt ist.

Auch 38 Kilometer entfernt von Viitasaari erscheint bald am Himmel ein wenig Blau zwischen den Wolken, der Regen hat aufgehört, der Wind auch. Gut so, los geht's: Auspacken, Vorräte einräumen, die Hängematte zwischen zwei Birken aufspannen - und dann nur noch genießen: den Blick auf den See, den Duft von frisch gemähtem Gras und die Stille. Wenn der Mensch die Zeit anhalten könnte, jetzt wäre so ein Moment!

In Finnland, im Ferienhaus am See, bleibt die Zeit zwar nicht stehen, aber sie vergeht langsamer - zumindest fühlt es sich so an. Das liegt wohl daran, dass für zwei Wochen der Alltag ausgeblendet bleibt. Keine Termine, keine Hektik, weder E-Mails noch Verkehrslärm, keine Nachbarn und keine Nachrichten. Das ist Luxus für die Seele.

Plumpsklo im Styropor-Design

Luxus im klassischen Sinne bietet die Blockhütte nicht. Strom gibt es, Telefon, Fernsehen und Internet dagegen nicht. Selbst das Handy funktioniert nur auf einer Anhöhe. Der E-Herd in der Küche hat zwei Platten, Kühlschrank und Kaffeemaschine sind die einzigen weiteren Elektrogeräte. Trinkwasser muss mit Eimern aus dem Brunnen gekurbelt und 50 Meter zum Haus geschleppt werden. Das Klo ist ein separater Bretterverschlag von rustikaler Gemütlichkeit: ein Donnerbalken mit Styropor-Toilettenbrille, daneben finnische Frauenzeitschriften. Für alle Fälle steht ein Spray bereit, mit Zitronenduft.

Wälder und Seen prägen das Land: Finnland ist etwas kleiner als Deutschland und viel dünner besiedelt
TMN

Wälder und Seen prägen das Land: Finnland ist etwas kleiner als Deutschland und viel dünner besiedelt

Der Urlaubsalltag plätschert dahin wie die Wellen am Seeufer. Ausflüge lohnen kaum, denn die Dörfer und Städte der Umgebung sind arm an Kultur und Sehenswürdigkeiten. Außerdem funktioniert das öffentliche Leben im Hochsommer wochenlang nur im Notbetrieb. Denn ein Großteil der 5,3 Millionen Finnen sucht ebenfalls den Abstand zum Alltag und flüchtet ins mökki, das Ferienhaus am See. Fast jeder noch so technikverliebte Großstadtfinne ist insgeheim ein Naturbursche.

Der Urlauber macht es also wie die Einheimischen: Er rudert auf dem See, angelt Hechte, Zander oder Barsche, schürt Lagerfeuer und grillt den Fang, oder er erkundet den Wald hinter seiner Hütte. Der ist urig, sumpfig und moosig, mit flechtenbewachsenen, uralten Granitbrocken. Alte Bäume gibt es kaum: Die Forstwirtschaft, im strukturschwachen Mittelfinnland einer der wichtigsten Arbeitgeber, hat fast alle alten Wälder schon einmal mit ihren hocheffizienten Erntemaschinen platt gemacht und neu aufgeforstet. Übrig bleibt nach so einer Aktion eine traurige Kraterlandschaft.

So führen durch die Wälder auch keine markierten Wanderrouten, sondern breite Forstwege - oder schmale Wildpfade. Zwischen Kiefern, Birken und Wacholderbüschen stromern hier auch Elche und Bären herum.

Die wiederkäuenden Könige des nordischen Waldes lassen sich am besten in der Dämmerung sichten, Meister Petz zeigt sich dagegen nie. Das ist vielleicht auch besser so. Mächtige Tatzenabdrücke verraten seine Gegenwart und erhöhen bei jedem Spaziergang ein wenig die Spannung.



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