Finnlands süßeste Versuchung Die Beeren sind los!

Mal süß, mal sauer, immer wohlgerundet und vitaminreich: Finnland ist ein Traumziel für Beerenfreunde, kaum ein Sternemenü kann es mit einem frisch gepflückten Snack im Wald aufnehmen. Und das Beste: Jeder darf so viel sammeln, wie er tragen kann.

Visit Finland

Wenn in Finnland der kurze arktische Sommer kippt, wenn die Luft am Morgen zum ersten Mal wieder vor Kälte auf der Haut kribbelt, dann ist es so weit: Die Beeren sind da! Jetzt - noch bevor die Blätter der finnischen Birkenwälder sich färben - wird der Boden bunt: Überall leuchten rote Preisel- und Himbeeren, blaue Heidel- und Krähenbeeren, gelbe Moltebeeren und orangefarbener Sanddorn. Rund 50 verschiedene Arten wachsen auf den sauren, kalkarmen Böden Finnlands, wie Beeren sie so sehr lieben. 37 davon sind für uns Menschen genießbar, noch 20 tatsächlich schmackhaft. Es ist eine kulinarische Herausforderung, sie alle zu probieren.

Wer dazu allerdings in den Supermarkt geht, ist selber schuld. Denn in Finnland gilt das Jedermannsrecht: Jeder Mensch darf überall Beeren pflücken. Dabei macht es keinen Unterschied, ob er seiner Sammelleidenschaft auf staatlichem Boden oder auf Privatgrund nachgeht. Solange er nicht den kultivierten Obstgarten direkt hinterm Haus plündert, ist Mundraub hier völlig legal. Und nicht nur von Beeren. Das Jedermannsrecht gilt auch für Pilze und Fische - jedenfalls, solange letzere nur mit der Fangleine geangelt wurden.

Außerdem darf jeder unter freiem Himmel übernachten, wo er will. Wie lange dieses Recht schon gilt, weiß niemand so genau. Es hat sich in Finnland - anders als zum Beispiel in Norwegen oder Schottland, wo ähnliche Gesetze gelten - auch niemand jemals die Mühe gemacht, es detailliert aufzuschreiben.

Viel Platz für viel Natur

Fragt man einen Finnen, ob er denn keine Angst habe, ein Fremder könne ihm die Beeren wegessen oder die Fische wegfangen, so wird er nur verständnislos mit den Schultern zucken. Oben in Lappland tummeln sich im Schnitt nur zwei Einwohner auf jedem Quadratkilometer, die Bevölkerungsdichte in ganz Finnland mit allen Großstädten kommt auch nicht viel höher als 15 Einwohner pro Quadratkilometer. In dieser Einsamkeit ist das Zusammentreffen mit einem Fremden eher ein glücklicher Zufall als ein Anlass für Futterneid. Zumal gerade die Beeren für alle reichen.

Genau weiß es zwar niemand, aber schätzungsweise reifen in den finnischen Wäldern in einem durchschnittlichen Jahr 500 Millionen Kilo Beeren heran. Davon schaffen es alle hungrigen Finnen zusammen - plus die saisonalen Wanderarbeiter aus Südostasien, die jedes Jahr für die Beerensaison nach Finnland reisen - gerade einmal, drei bis zehn Prozent zu pflücken. Selbst in einem schlechten Jahr sind das statistisch pro Kopf rund 100 Kilo, oder 20 Eimer voll. Was sie davon nicht selber essen können, verkaufen sie in die armen Länder, deren Wälder nicht so freigiebig mit Beeren gesegnet sind. Oder teilen ihn mit zufällig vorbeikommenden Wanderern.

Die kleinen Früchtchen sind derzeit ein finnischer Exportschlager. Denn sie sind nicht nur lecker, sondern auch garantiert niemals mit einem Schädlingsbekämpfungsmittel in Kontakt gekommen. "Die Natur ist bei uns nun mal sehr sauber", sagt Annikki Kyllönen von der Firma für Beerenprodukte Kiantama Oy im nordostfinnischen Suomussalmi. "Für uns war es ganz neu, zu lernen, dass in anderen Ländern der biologische Anbau von Agrarprodukten so ein großes Thema ist", sagt sie. "Wir haben uns darum nie Gedanken gemacht, denn hier ist die Natur eben einfach unberührt."

Profipflücker im Einsatz

Früher waren es die Kinder und Alten, die in die Wäldern Beeren pflückten, um sich Taschengeld oder Rente aufzubessern. Großhändler kamen in regelmäßigen Abständen in die Dörfer und kauften auf, was nicht in den heimischen Kühlkeller wanderte. Doch heute sind es fast nur noch Pflücker aus Südostasien, die diese Arbeit übernehmen. Sie sind über Koordinatoren organisiert. "Die besorgen Flugtickets und Unterkünfte, studieren genau die Wetterberichte und vergleichen die Reifegrade der Beeren in ganz Finnland und Nordschweden", sagt Kyllönen. "Dann bringen sie die Pflücker immer gerade dort hin, wo der Ertrag am größten ist."

Obwohl die Firma Kiantama Oy neben frischen, eingemachten und gefrorenen Beeren auch mit Säften und Konzentraten handelt, bleibt am Ende kein Abfall übrig. In den Werkhallen lagern große Plastiksäcke mit getrockneten Schalen und Kernen, bereit für den Abtransport. Die Käufer sind Kosmetikkonzerne: "Daraus werden die Schmirgelstoffe für Peelingcremes gemacht."

Und was machen die Menschen in Helsinki, die nicht mal eben hinterm Haus im Wald verschwinden können, wenn ihnen der Sinn nach frischen Beeren steht? Sie müssen tatsächlich in den Supermarkt gehen. Doch auch da werden sie fündig. "In den Sommermonaten Juni, Juli und August haben wir in unserer Abteilung 15.000 Kilo Beeren verkauft", sagt Soili Saarinen, Produktgruppenchefin in der Delikatessenabteilung des großen Kaufhauses Stockmann in der Innenstadt von Helsinki. "Außerdem gab es zwei weitere Stände auf der Straße vor dem Haus, und die haben mindestens noch einmal so viel verkauft."

Doch selbst in der großen Stadt kann man auch heute noch Beeren kaufen, die nicht durch die Routinen der großen Pflückerverbände gelaufen sind, sondern einzig und allein durch die liebevollen Hände privater Sammler. Beste Anlaufstelle dafür sind die Bioläden von "eat and joy". Im Hauptladen in der Mannerheimintie, der Hauptgeschäftsstraße Helsinkis, steht ein riesiger Kühlschrank, der randvoll mit Beeren gefüllt ist. "Es erstaunt uns selber", sagt Mitgründer Jari Etelälahti lachend, "aber es gibt sie tatsächlich immer noch, die Privatleute, die uns ihre selbstgepflückten Beeren verkaufen."

Er geht an den Kühlschrank und holt ein kleines Schächtelchen heraus - randvoll gefüllt mit umwerfend betörend duftenden winzig kleinen Walderdbeeren. "Da steckt ganz viel Liebe drin", sagt er und wiegt die Schachtel in der Hand. "Für die Suche nach Walderdbeeren braucht man ganz viel Geduld, weil sie nicht in so dichten Büscheln wachsen wie andere Beeren und sehr empfindlich sind. Die meisten Menschen wären dazu viel zu ungeduldig. Wir haben eine junge Frau, die uns Walderdbeeren bringt. Sie ist so zufrieden mit sich und ruht so fest in sich selber, dass sie ganz viele davon zusammenkriegt."

Spitzenkoch mit Beerenhunger

Auch wer in eines der zahlreichen Restaurants der Stadt geht und ein ganz normales Essen bestellt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auf seinem Teller die eine oder andere Beere finden. Zum Beispiel in der Event Arena Bank - einem jungen, modernen Restaurant, in dem jeden Mittag während des Lunch Club Hunderte von trendbewussten Helsinkiern für unter zehn Euro ihr Mittagessen verspeisen.

In der Küche regiert die Kochlegende Jaakko "Kokki" Kolmonen. Für seine Verdienste um die finnische Küche wurde der mittlerweile über 70-Jährige schon mit dem Orden des Löwen von Finnland ausgezeichnet. "Natürlich koche ich viel mit Beeren", sagt er, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. "Ich habe das Kochen von meiner Großmutter gelernt, und ihre Küche war immer voller Beeren." Heute ist eines der vier Tagesgerichte Rinderbraten mit Preiselbeeren. Und natürlich stecken auch in den Salaten, Beilagen und Desserts jede Menge Beeren. "Blaubeeren werden wohl am meisten gegessen", verrät Kolmonen. "Und Preiselbeeren."

Doch auch dem überzeugten Stadtmenschen ist es noch ein alljährliches Vergnügen, an sonnigen Herbstwochenenden in die umliegenden Wälder zu fahren und Beeren für die eigene Tiefkühltruhe zu pflücken. So wie für Lotta Forsman. Die Studentin der Ernährungswissenschaften arbeitet an ihrer Doktorarbeit. Die Wochenenden verbringt sie normalerweise am Schreibtisch oder auf der Tanzfläche. "Aber am letzten Wochenende war ich nur im Wald unterwegs. Jetzt ist meine Tiefkühltruhe randvoll gepackt mit Beeren und Pilzen: Der Winter kann kommen."



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