Flamenco in Granada Die Saitenzauberer von Sacromonte

Granada ist die Stadt der Musik: An jeder Ecke buhlen Gitarristen um Gunst und Geld der Besucher. Doch nicht alle verstehen ihr Handwerk - wer die Seele des Flamenco ergründen will, muss dann losziehen, wenn die meisten Touristen längst schlafen.

AP

Aus Granada berichtet Stephan Orth


Erst dunkelgelb, dann rötlich: Wenn sich die Mauern der Alhambra langsam im Abendlicht verfärben, zücken Dutzende Touristen am Mirador de San Nicolás ihre piepsenden, blitzenden Kameras. "Holy shit it's beautiful", sagt eine Amerikanerin im Spaghettiträgertop, und Recht hat sie: Nirgendwo lässt sich die Erhabenheit der prächtigsten Burg Spaniens intensiver spüren als an dem berühmten Aussichtspunkt.

Doch etwas stört. Jemand stört. Drei junge Musiker haben sich um das Steinkreuz in der Mitte des Platzes versammelt und mühen sich mit verstimmten Instrumenten an Paco de Lucías "Entre dos Aguas" ab. Die beiden Gitarristen und der Cajón-Trommler schrammeln und schlagen um die Wette, als ginge es darum, wer als Erster mit dem Song fertig ist. Ganz eindeutig: Wer nicht nach der architektonischen, sondern nach der musikalischen Seele Granadas sucht, ist am San Nicolás falsch.

Graná, wie sie die Einheimischen nennen, ist die Stadt der Alhambra und die Stadt der Gitarren. Die majestätische Maurenburg macht es sich und dem Besucher leicht. Sie döst selbstgefällig auf ihrem Sabikah-Hügel in der Sommerhitze und sieht bei Tag und Nacht umwerfend aus.

Doch mit den Gitarren ist das so eine Sache. Kein Zweifel, die meisten der Straßenmusiker, die in den Altstadtgassen zwischen der Kathedrale und dem Paseo-de-los-Tristes-Platz auftreten, verstehen ihr Handwerk. Auch die allabendlichen Sechs-Euro-Shows in Touristenbars wie dem Chien Andalou lohnen sich hin und wieder. Doch wer herausfinden will, was der Flamenco in Granada wirklich zu bieten hat, muss länger wach bleiben und gute Ortskenntnisse haben. Oder das Glück, mit Mark Shurey unterwegs zu sein.

Umzug aus Liebe zur Musik

Der 38-Jährige sitzt im Restaurant Corrala del Carbón und nippt an einem Café con leche. Er ist ganz in Weiß gekleidet, die schulterlangen Haare hat er zu einem dünnen Pferdeschwanz zusammengebunden. "Wenn du die Seele des Flamenco ergründen willst, musst du spät in der Nacht losziehen. Du musst dahin gehen, wo sich die Musiker nach ihren Konzerten treffen", sagt Shurey. Der Brite hat Medizin und Gitarre studiert, 1999 zog er nach Spanien, um sein Leben neu zu sortieren - mit dem Flamenco als Mittelpunkt.

"Vor 20 Jahren habe ich im Fernsehen ein Konzert von Paco de Lucía gesehen, das hat alles verändert. Ich bin süchtig geworden", sagt Shurey. Er ist nicht der Einzige, der wegen der Musik hierherkam, um bei den Habichuelas, Morentes, Mayas und Heredias zu lernen, den legendären Gitano-Familien der Stadt. Aus Marokko, Frankreich, Holland oder Deutschland zogen Menschen nach Granada, um ganz in diese Musik einzutauchen. Viele erzählen die gleiche Geschichte: dass es nur diesen einen Moment brauchte, vielleicht ein paar Sekunden eines Rumba oder Fandango, in dem diese Musik einen so packt, dass sie einen nie wieder loslässt. "Duende" nennen die Spanier diesen Moment größter Ergriffenheit, der das höchste Ziel von Spiel, Tanz und Lied ist.

Seit dem 19. Jahrhundert kultivierten aus dem indischen Raum stammende Zigeuner, die Gitanos, in Andalusien jenen Musikstil, der heute Flamenco heißt. Schon damals ging es nicht nur darum, das schwere eigene Los in Töne zu verpacken. Unter Stadtmenschen und Spanien-Reisenden sprach sich schnell herum, welche Energie und Leidenschaft diese ungehobelte Kunst ausstrahlt. Und so konnten die Gitanos mit Musik und Tanz mehr Geld verdienen als in den Silberminen oder als Tagelöhner.

In den verruchten Cafés cantantes wurden die Aufführungen immer professioneller, aber auch dem Massengeschmack angepasst. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts beklagten Puristen wie der Komponist Manuel de Falla oder der Schriftsteller Federico García Lorca den Niedergang der aufmüpfigen Authentizität des Flamenco.



insgesamt 3 Beiträge
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serdna 13.08.2010
1. gähn
..... Jede Silbe klingt nach Freude und Schmerz, nach Tod und Leben, nach Liebe und Hass zugleich. Nun wünscht man sich, der Dichter García Lorca würde tatsächlich kurz per Zeitreise vorbeischauen und seine berühmten Worte bestätigt sehen, die nur für den übertrieben klingen, der es noch nicht selbst erlebt hat: "Dieser Gesang ist wahrhaftig tief, tiefer als alle Brunnen und Ozeane der Welt. Er stammt ab vom ersten Schluchzer und vom ersten Kuss.... Da schreibt also jemand über nichtkompetente Musiker und geriert sich als großer Insider der spanischen Kultur und beglückt die Menschheit mit einem Text, der vor Kitsch einfach nur so trieft. Es mag ja Straßenmusiker geben, die nicht Gitarre spielen können, aber es gibt auch eine Menge an Journaille. Hat den Spiegel Online wirklich niemanden gefunden, der kompetent über Flamenco schreiben kann?
Christofkehr 14.08.2010
2. Flamenco in Granada
Ja, da hat der Vorkritiker / die Vorkritikerin (?) wohl Recht. Ich verwette meine Conde Hermanos, dass der Autor keine Seguriya von einer Buleria unterscheiden kann. (es gibt keine rasante Seguiriya) Ich habe Musiker in der Unterwelt der Madrider Metro gehört ... da ist mir die Kinnlade heruntergeklappt .... Da es in Graná keine Metro gibt, kann man solche flamencos - mit offenen Ohren - in der Oberwelt aufspüren. Der Herr Autor hat sich schnell was zusammengelesen, einen zugereisten Dolmetscher gesucht ist dann auf nächtliche Sauftour gegangen ... Was soll die Überheblichkeit bzgl. Touristenschuppen? Dank derer hat der Flamenco eine Weile überlebt, jetzt hat er in Spanien wieder das ambiente, das er braucht um sich so atemberaubend weiterentwickeln .... Natürlich kann jeder aufschreiben, was er erlebt. Aber bitte mit ein bisschen besser recherchierter Kenntnis.
Manitas 30.08.2010
3. Und auch keine Rumba...
Ich verwette meine Conde Hermanos, dass der Autor keine Seguriya von einer Buleria unterscheiden kann. (es gibt keine rasante Seguiriya) Ich auch. Und es gibt auch keinen Rumba... Es ist ja ewig her: Bist du der Christof, der mit Manolo und Martin Nächte in den Gärten des Generalife verbracht hat??
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