Fotoparadies Provence Mehr Licht

Römische Ruinen, Flamingos, Bergdörfer im Sonnenaufgang: Für Maler und Fotografen ist die Provence ein Fest von Licht und Farben. Auf einer Fotoreise gelingen auch Anfängern Bilder in Coffeetable-Buch-Qualität – nur Mücken erschweren manchmal die Arbeit.


Gordes/Marseille - Dass der Süden Frankreichs mehr zu bieten hat als Küchenkräuter und schaukelnde Segelboote in der Bucht von St. Tropez, wissen Provence-Kenner seit langem. Nicht umsonst waren Maler wie Cézanne, van Gogh, Picasso und Chagall überwältigt von den vielfältigen Motiven am Rhône-Delta. Und immer öfter dienen die Farbenspiele der provençalischen Natur auch ambitionierten Hobbyfotografen als eine Quelle der Inspiration.

Ein wesentlicher Faktor für die Prägung von Landschaft und Architektur ist der Mistral. Dieser starke Nordwind bläst vom Rhônetal bis zur Côte d'Azur und sorgt dann für einen tiefblauen Himmel und eine beeindruckende Fernsicht. Für eine perfekte Bildkomposition kommt dieser Effekt den Hobbyfotografen gerade recht: Viele Bäume zum Beispiel sind durch den Wind nach Süden gebogen.

Am Fuß des kleinen Ortes Gordes im Herzen des Luberon-Massivs haben sich amerikanische Kunststudenten des Savannah College of Art and Design an einem außergewöhnlichen Aussichtspunkt zusammengefunden. Nach einigen Anleitungen des Dozenten wird ein günstiger Standort gesucht und das Zeichenpapier hervorgeholt. Das Licht ist am frühen Vormittag perfekt und die Sicht hervorragend. Im Nu haben auch die Mitglieder einer deutschen Gruppe von Hobbyfotografen eben diese Perspektive entdeckt und sich mit ihren schweren Objektiven aus dem Reisebus gekämpft, um das beeindruckende Panorama auf den Sensor oder den Film zu bannen.

Jagd nach dem perfekten Licht

Wolfgang aus Bad Vilbel ist bereits das zweite Mal Teilnehmer einer solchen Fotoreise durch Frankreich, die jedes Jahr in einer anderen Region stattfindet und von einer Frankfurter Fotogalerie ausgerichtet wird. "Meine erste Kamera - eine Leica R4 - habe ich zu meinem zwölften Geburtstag erhalten", erzählt er. Das Fotografieren gelernt hat er dann mit einer M2. Seine Bilder können sich sehen lassen, trotzdem hat der 36-Jährige keine Profi-Ambitionen. "Die Bilder sind fürs Familienalbum", sagt er und schmunzelt.

Während die Kunststudenten sich noch der Muße hingeben, ist der Reisebus mit den Fotografen schon wieder auf Motivjagd, so lange das Licht mitspielt. "Ein Fotomotiv wird erst durch die Lichteinwirkung interessant, mittags hat es oft gar keinen Sinn", erklärt der mitgereiste Profi-Fotograf Martin Trippen aus Wiesbaden. Der Alpin-Spezialist hat schon so manchen Berggipfel erklettert und nächtelang ausgeharrt, um zur "blauen Stunde" oder im Morgengrauen Aufsehen erregende Bergpanoramen festzuhalten.

Nicht nur die Landschaftsformen, auch alte Ruinen, Amphitheater oder kleine, in den Fels gehauene Dörfer machen die Provence für Fotografen so interessant. Im Rhône-Delta der Camargue lassen sich bei Pont du Gau Flamingos beim Wassersieben beobachten, und nicht selten gelingt ein Schnappschuss eines schwimmenden Bibers. Jedoch sollten Reisende das Naturreservat nur mit ausreichendem Mückenschutz betreten, sonst wird die kleine Expedition schnell zum Horrortrip.

Burgruinen und Multimedia

Oberhalb von Les Baux de Provence, 15 Kilometer nordöstlich von Arles, erhebt sich eine der größten Burgruinen Frankreichs. Der Ort scheint aus der Ferne gesehen mit dem fast allein stehenden Berg zu verschmelzen und bietet in den Nachmittagsstunden ein stimmungsvolles Motiv. Nur einen Steinwurf entfernt befindet sich die "Cathedrale d'Images". Diese riesige Höhle entstand durch den Abbau von Bauxit. An den 20 Meter hohen Wänden werden heute im jährlichen Wechsel Multimedia-Präsentationen mit Werken berühmter Künstler gezeigt. Mehr als 50 Projektoren und ein ausgeklügeltes Klang- und Lichtsystem berauschen die Sinne wie zuletzt im "Cézanne-Jahr" 2006.

Für den Erfolg einer Fototour in der Provence spielen viele Faktoren eine Rolle: Jahres- und Tageszeit, Wind und Temperatur. Die Ockerfelsen von Roussillon zum Beispiel werden nachmittags nur noch teilweise von der Sonne beleuchtet, daher sollten Bilder hier besser am Vormittag gemacht werden. Um sich vorab mit solchen Besonderheiten und generell den Verhältnissen in den jeweiligen Regionen vertraut zu machen, finden ambitionierte Hobbyfotografen im Internet viele Hinweise in Foren anderer Fotografen, die bereits in dem Zielgebiet "geknipst" haben.

Auch am Rande kleiner Nebenstrecken durch die Departements Bouches du Rhône, Vaucluse, Var und Alpes-de-Haute-Provence lassen sich viele schöne Fotomotive entdecken. Die 4 übrig gebliebenen von den ehemals 22 Bögen der Brücke von Avignon zum Beispiel sind abends beleuchtet und bilden ein schönes Spiegelbild auf den ruhigen Wassern der Rhône. Nicht weniger interessant für Fotografen sind die römischen Stätten in Arles oder das Treiben auf den Straßen von Aix-en-Provence.

Eine Fahrt auf der kurvenreichen Küstenstraße von La Ciotat nach Cassis bei Marseille führt zur höchsten Klippe Frankreichs, dem 362 Meter hohen Cap Canaille. Dort bietet sich ein zauberhafter Ausblick auf das Mittelmeer. Spätestens in Marseille ist es dann aber Zeit, die Kamera einmal aus der Hand zu legen und die Provence auf ganz andere Art zu genießen - mit einem Glas Wein und einer Bouillabaisse.

Jens Schierenbeck, gms



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