Frühjahr auf Chalkidiki Im duftenden Meer der Farben

Türkis leuchtet das Mittelmeer am Alikes-Strand, hellgelb strahlt der Karidi Beach auf Sithonia, und rot knallt der Mohn gegen den dunkelblauen Himmel: Frühjahr und Frühsommer auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki sind ein Fest der Farben.


Ouranopolis - Die Versuchung war schon einige Kilometer lang groß, doch kurz hinter Gomati geht es einfach nicht mehr anders: Rechts ranfahren, aussteigen und eintauchen in das Meer der vielen Farben. Schon durch das Autofenster sah es so verlockend aus - von nahem betrachtet, ist die berauschende Wirkung sogar noch größer: Zigtausende leuchtend rote Mohnblumen, gelbe Margeriten und ab und zu etwas Lavendel haben sich in die wilden Getreidefelder gemischt und sorgen zusammen mit den weißen Wolken vor tiefblauem Himmel für ein sehr buntes Bild. Im Frühjahr und Frühsommer wirkt die Halbinsel Chalkidiki im Nordosten Griechenlands oft so, als hätte sich hier ein zügelloser Maler austoben dürfen - heute ist wieder ein solcher Tag.

Mit der Fähre zur Insel Amouliani vor Chalkidiki:  Wochenendziel für die Griechen, bei Urlaubern noch wenig bekannt
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Die Fahrt führt an diesem Morgen von Ouranopolis nach Neos Marmaras und damit vom östlichen "Finger" der Chalkidiki auf den mittleren. Von den "Fingern" wird häufig gesprochen, wenn die Halbinsel südöstlich von Thessaloniki beschrieben wird. Denn auf der Karte wirkt die Chalkidiki wie die verstümmelte Hand eines Riesen, der Daumen und Kleiner Finger fehlen. Jeweils gut 40 Kilometer weit schieben sich die drei "Finger" in die Nord-Ägäis: die touristisch am stärksten erschlossene Kassandra im Westen, die ruhige Sithonia in der Mitte und der Athos im Osten, der eine Mönchsrepublik ist.

Für Sonnenanbeter und Wassersportler bedeutet diese eigentümliche Geografie mit der extrem langen Küstenlinie vor allem eines: Es gibt Strände scheinbar ohne Ende. Nicht überall sind sie breit und schön, aber die Auswahl ist groß. Für Autofahrer dagegen ist es nicht ganz leicht, von A nach B zu kommen, weil die Tour in der Regel zunächst auf den "Handrücken" zurückführt. Von Ouranopolis nach Neos Marmaras und über Sarti zurück zum Ausgangspunkt: Auf der Straßenkarte sieht das einfach aus, tatsächlich aber sind es 240 Kilometer. Nur gut, dass sich unterwegs Stopps wie an den bunten Blumenwiesen immer wieder aufdrängen.



Ruinen von Olynthos:  Erst zehn Prozent der gut 2400 Jahre Bauwerke sind frei gelegt  Wildes Getreidefeld nahe des Dorfes Gomati:  Farbenpracht im Frühsommer  Sonnenuntergang in Ouranopolis: Chalkidiki für Romantiker 



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Der Frühsommer ist eine gute Zeit, um die Chalkidiki zu besuchen. Die Hotels sind noch nicht ausgebucht, die Tage noch nicht zu heiß und die Natur noch voller Saft und Kraft. Nicht nur auf den bunten Feldern spielt die Halbinsel mit der ganzen Palette des Regenbogens - auch sonst ist die Farbenpracht außerordentlich. Türkis, helles Gelb, Dunkelblau.

Schweiß treibender Amouliani-Ausflug

Türkis schimmert das Mittelmeer am Alikes-Strand auf der Insel Amouliani zwischen Athos und Sithonia. Am Wochenende treffen sich hier die Jungen, Reichen und Schönen aus Thessaloniki - unter der Woche sind die wenigen früh im Jahr anreisenden Touristen fast für sich allein. Nach der Fährüberfahrt von Tripiti auf die Insel heißt es aber: Die Ersten werden die Ersten sein - und zwar beim Wettlauf zum Pferdefuhrwerk, die vom Hafen zum Alikes-Strand fährt. Maximal zehn Touristen lässt der schweigsame Kutscher aufsteigen, und es gibt nur eine Fahrt zum Strand am Vormittag, denn das dabei verdiente Geld setzt er sogleich in der Taverne am Strand in Bier und Souflaki um, bis die Gäste am Nachmittag zur Fähre zurückwollen.

Wer von der Fähre zu spät zum Kutscher kommt, muss zum Strand laufen, was angesichts der hügeligen Strecke durch Olivenhaine kein Vergnügen sein kann. Immerhin kommt der Spaziergänger um die Bitte herum, abzusteigen und am Berg dem altersschwachen Pferd etwas die Last zu erleichtern, indem die Kutsche geschoben wird - so oder so ist der Amouliani-Ausflug also eine Schweiß treibende Sache. Der weite, sandige Strand jedoch entschädigt rasch für alle Mühen

Ein anderer Ort, eine andere Farbe: Hellgelb reflektiert der Karidi Beach auf der Sithonia die Sonne. Der Strand bei dem Ort Vourvourou besteht wie der auf Amouliani fast nur aus feinem Sand, was auf der Chalkidiki nicht selbstverständlich ist - meist herrscht ein Sand-Kies-Gemisch vor. Die kleine Bucht ist eingefasst von großen grauen Felsen, die Mietwagen der Urlauber parken in Sichtweite unter knorrigen Pinien. Überlaufen ist dieses kleine Stück Paradies zumindest im Mai und Juni jedoch nicht - hier kann man den Tag erholsam verstreichen lassen.

Stilles Sithonia

Die Sithonia hat auch an ihrer Westküste einige schöne Strände zu bieten. Neos Marmaras ist mit Cafés, Souvenirläden und Supermärkten zwar eher rummelig, doch schon wenige Kilometer weiter südlich in Toroni geht die Sonnenschirmdichte im Frühsommer auf einen alle paar hundert Meter zurück. Mehrere Tavernen liegen zwischen dem Wasser und der schmalen Uferstraße - perfekt für ein ausgedehntes Mittagessen. Am Südende der Bucht von Toroni liegt die Ruine einer alten Burg zwischen Olivenbäumen und Klatschmohn, wild wächst Getreide den Hügel hinauf - auch hier ist der Rausch der Farben allgegenwärtig.

Küstenlinie auf Chalkidiki: Badezeit ist meist von Mai bis Oktober
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Auf der Sithonia ist der Tourismus noch nicht überall angekommen. Im tiefen Süden überqueren immer wieder Ziegenherden die Straße, und die Hirtenhunde kläffen den Autos hinterher, wenn sie zu rasch wieder Fahrt aufnehmen. In Sarti mit seinem breiten Sandstrand und dem phänomenalen Blick auf den 2030 Meter hohen Berg Athos am anderen Ufer des Singitischen Golfes gibt es statt großer Hotels vor allem kleine Pensionen. Hibiskus, Bougainvillea und Oleander schmücken fast alle Wände der engen Straßen und sorgen für ein sehr buntes Ortsbild.

Ocker ist hingegen die vorherrschende Farbe in Olynthos, nahe dem Nordende des Kassandra-"Fingers". Von der um 432 vor Christus angelegten Stadt wurden seit 1928 erst zehn Prozent ausgegraben und restauriert. Die Besucher können quer durch die Ruinen gehen und über niedrige Mauern die Reste von Küchen und Wohnräumen betreten. Abgezäunt sind nur drei frei gelegte Mosaike. Weitere sind unter dem ockerfarbenen Sand vergraben.

Großstadt pur

Dunkelblau wie in der griechischen Flagge wiederum präsentiert sich der Himmel über Thessaloniki. Das Nebeneinander von Antike, byzantinischer Zeit und Moderne ist permanent gegenwärtig - Ausgrabungsstätten und ehemalige Moscheen mitten zwischen Mietskasernen sind keine Seltenheit. Nur mittags ebbt der Lärmpegel der Motorroller, hupenden Autos und lebhaft an den Straßenecken diskutierenden Griechen etwas ab - Thessaloniki ist, das merken Touristen rasch, eben Großstadt pur.

Chalkidiki-Halbinsel:  Kassandra ist touristisch am stärksten erschlossen, Sithonia eher ruhig und Athos für die meisten Urlauber gar nicht zugänglich
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Chalkidiki-Halbinsel: Kassandra ist touristisch am stärksten erschlossen, Sithonia eher ruhig und Athos für die meisten Urlauber gar nicht zugänglich

Und noch einmal ein Farbwechsel: Ganz grün präsentiert sich die Landschaft im Hinterland der Chalkidiki auf dem Weg zurück nach Ouranopolis. Vor allem in Arnea mit seinen vielen schönen Holzhäusern lohnt ein Stopp. Bei Stagira lässt ein kleiner Park mit einer Marmorstatue des angeblich hier geborenen Philosophen Aristoteles zum Picknicken ein. In Ierissos verleiten die vielen kleinen, etwas chaotisch anmutenden Werften an der Küstenstraße zum Staunen - hier werden noch immer auf traditionelle Weise Boote aus Holz gefertigt.

Und immer wieder ist unterwegs die Versuchung groß, einfach das Auto anzuhalten und in das duftende Meer der Farben einzutauchen, das die vielen Mohnblumen und Margeriten auf die Felder zaubern.

Von Christian Röwekamp, gms



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