Fuerteventura für Himmelsgucker Immer dem Abendstern nach

Wer ferne Galaxien sucht, reist am besten nach Fuerteventura. Die karge Kanareninsel ist einer der schönsten Orte, wenn man sich im Nachthimmel verlieren will. Selbst die Unesco ist begeistert.

Von Thomas Heinloth

Thomas Heinloth

Ob Nummer 98 je die Venus sehen wird? Das Kreuz des Südens, die Plejaden, die Milchstraße über der Playa de Cofete? Nummer 98 hat nicht den geringsten Zweifel, denn nie ist es der Zweifel, der eine Unechte Karettschildkröte steuert, sondern der Instinkt. Und so bewegt sie sich zur Brandung hin, als ob es keine andere Richtung gäbe. Robbt eilig gischtwärts, bis sie das zurückschießende Wasser mitnimmt und die Wellen mit der Wucht des Atlantiks zusammenschlagen über ihrem Panzer.

Am Strand steht Mónica Barrera, winkt, blickt über Wellenkämme bis zum Horizont und sagt: "Adios, Nummer 98!" Die letzten drei Jahre hat sie mit ihr verbracht - vom Transport der Eier von den Kapverden auf die Kanaren bis zum Schlüpfen und bis heute.

Fast jeden Tag sah sie in der Aufzuchtstation von Puerto de la Cruz nach ihren Schützlingen, dort, wo das Institut für Meeresbiologie die Wiederansiedlung der Unechten Karettschildkröte in den Gewässern rund um Fuerteventura betreibt. Drei Jahre, bis die Tiere groß genug waren, um sicher zu überleben. "Da lernt man sich kennen", sagt Mónica.

Der Rückenpanzer von 98 blitzt noch einmal auf in der Gischt, dann taucht sie ab ins Ungewisse, in den weiten, offenen Ozean. Ob sie je zurückkommt, steht wohl in den Sternen. "Am Anfang dachten wir, die Schildkröten orientieren sich am Mond", sagt Mónica. "Mittlerweile sind wir sicher, dass sie sich auch nach dem Nachthimmel richten." Was für ein Glück also für Nummer 98, dass der Himmel über Fuerteventura nachts so strahlt wie sonst kaum einer auf der Erde.

Reiseziel für Sternengucker

Wer ein Faible hat für ferne Galaxien, Lichtjahre weg am Firmament, wird früher oder später wohl hier landen. Neben Chile, Neuseeland und Hawaii ist die karge, nackte Insel im Osten der Kanaren einer der besten Orte, um sich im Nachthimmel zu verlieren.

Von den 30 hellsten Sternen kann man hier 29 sehen, und die Lage 28 Grad nördlich des Äquators ist ideal, um sowohl die nördliche als auch die südliche Hemisphäre zu observieren. Die Internationale Astronomische Union (IAU) und die Starlight Finder Foundation der Unesco sind deshalb jetzt im Gespräch mit der Inselregierung: Fuerteventura soll "Starlight Destination" werden.

Ob der Ehrentitel verliehen wird, hängt vor allem ab vom Grad der Finsternis, die das Firmament umhüllt. Wer Pilgerziel werden will für Sternenfreunde aus der ganzen Welt, muss zunächst in Sachen Lichtschmutz putzen: Straßenlampen umstellen auf punktgenaue LED, großflächige Neonreklame-Tafeln ausknipsen, Fußball spielen ohne Flutlicht.

Auf Fuerteventura ist es vor allem der Nordosten, der nachts orange erleuchtet ist: der Flughafen bei Puerto del Rosario, die Hotelanlagen bei Coralejo. Der einsame Westen aber versinkt in beinahe absoluter Dunkelheit. "Zwischen El Cotillo und La Pared siehst du nachts die Hand vor den Augen nicht", sagt Enrique de Ferra, "es ist phantastisch."

De Ferra ist einer, der süchtig ist nach klaren Neumondnächten, einer, der die Stunden zählt, bis die Sonne niedersinkt hinter den ockerfarbenen Hügelketten und sich die Venus aus der Dämmerung schält. Dann packt der Astronom zwei, drei Spiegelteleskope auf seinen alten Pick-up und geht auf Sternenjagd.

Manchmal ist er allein, manchmal unterwegs mit ein paar Freunden vom Astronomischen Verein Fuerteventura und immer öfter mit von weit her angereisten Gästen, die seine Leidenschaften teilen. An diesem Abend ist es ein gutes Dutzend, das er im Gefolge hat.

Sternbilder, Spiralnebel und leuchtende Gaskugeln

In einer Senke irgendwo im Nirgendwo der Sierra, am Ende eines langes Feldwegs, weitab von Zivilisation und Kunstlicht hat de Ferra Decken und Isomatten ausgebreitet, dann reicht er ein paar Thermoskannen herum: heißer Kakao und Glühwein, die Nacht ist kalt geworden. "Seht ihr dort drüben den Orion aufgehen?"

Mit einem Laserpointer, mächtig wie ein Jedi-Schwert, zerteilt de Ferra dann den Himmel und schwärmt von Sternbildern, Spiralnebeln und fernen Galaxien, von fremden Sonnen, leuchtenden Gaskugeln aus Wasserstoff und Helium, Milliarden Kilometer weg, brennend oder längst verglüht.

Den Saturn hat er eingefangen in einem seiner Teleskope, und tatsächlich: Da zittert er im Okular, mit dem berühmten Ring. "Seit es Menschen gibt", sagt er, "wollen sie wissen, wie die Welt sortiert ist und wo ihr Platz im Universum ist."

Die Mahos waren da nicht anders. Fuerteventuras Ureinwohner, wahrscheinlich Berber, die etwa 1000 vor Christus die Insel besiedelten, lagen lange wach in klaren Nächten und starrten himmelwärts. Anders sind die Felsgravuren kaum zu erklären, die sie in den hellen Kalkstein des Tindaya kratzten. Der Berg ragt gar nicht weit von de Ferras Beobachtungsposten aus der staubigen Ebene: ein singulärer Kegel, 400 Meter hoch, wie gemacht für Zeremonien aller Art.

"Nicht der höchste Gipfel hier", sagt José Antonio Devera, "aber dennoch der, der dem Himmel am nächsten ist. Ein magischer Ort." Auch Devera hat bestenfalls eine Ahnung, wofür die Zeichnungen stehen, die die Mahos in den Berg ritzten: meist Fußabdrücke, "Podomorfos", über 300 Paare zwischen Stechginster und Wolfsmilch, Kaktusfeigen und Kameldorn. "Sicher ist nur, dass sie sich auf den Himmel beziehen."

Immer dem Abendstern nach

Devera kennt nicht nur jeden Abdruck, sondern auch beinahe jeden Stein auf dem Tindaya, als Geologe und Kulturhistoriker der Inselregierung ist er oft hier gewesen. "Überall auf der Welt haben die Menschen versucht, den Lauf der Jahreszeiten am Firmament zu verfolgen", sagt er, "und der Platz der Mahos dafür war hier."

Weit breitet sich die hellbraune Erde ringsum aus, mit leichtem Faltenwurf wie Sandpapier. Der Wind treibt die Wolken vor sich her, am späten Nachmittag spielt das Licht mit der Landschaft, wirft mal Sonnenflecken und mal Schatten auf Windmühlen und weiße Würfelhäuser, auf Palmen und auf Pfefferbäume. Im Osten türmt sich die mächtige Hügelkette der Moro de la Atalya, eierschalenfarbener Fels, durchwebt von dunklen Lava-Adern, im Westen .

Hinter der Ebene glänzt das weite Meer, beschienen von einem letzten Sonnenstrahl, dann senkt sich Dämmerung auf die Wellenkämme und taucht Tunfische, Bernsteinmakrelen, Barrakudas und Papageienfische in dunkelblaues Licht. Und an der Playa de Cofete steht Mónica Barrera, wuchtet leere Tiertransportkisten aus Styropor auf einen Pick-up, blickt auf den Ozean und schickt einen Gruß hinaus an eine Unechte Karettschildkröte mit einer Nummer, die in diesem Augenblick womöglich Ausschau hält nach dem Abendstern.


Information: Fuerteventura ist ein Ganzjahresziel. Die Insel wird direkt von verschiedenen Fluggesellschaften angeflogen. Sternentouren für 60 Euro inklusive Abendessen bietet derzeit Stars by Night an. Tipps für gute Beobachtungsplätze gibt auch das empfehlenswerte Hotel Mahon (DZ ab 53 Euro) Allgemeine Infos unter: Tourismusbüro Fuerteventura und dem offiziellem spanischen Tourismusportal.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
visitor_2007 16.03.2014
1. Auswahl der Phototrecke????
Zitat von sysopThomas HeinlothWer ferne Galaxien sucht, reist am besten nach Fuerteventura. Die karge Kanareninsel ist einer der schönsten Orte, wenn man sich im Nachthimmel verlieren will. Selbst die Unesco ist begeistert. http://www.spiegel.de/reise/europa/fuerteventura-fuer-hobbyastronome-sternenjagd-und-schildkroeten-a-958467.html
Ähh wie jetzt? 9 Photos und keines vom Himmel - statt dessen Schildkröte und Kamel.. Man hätte vielleicht mal den Kontrast zwischen einem wirklich dunklen Nachthimmel und dem Nachthimmel einer auch nur mittleren Stadt zeigen können...
quakiutel 16.03.2014
2. ...starke Windigkeit ...
...so könnte man den Namen Fuerteventura auch übersetzen - es gibt auf dieser kargen Insel viel Stellen, wo man die Illusion entwickeln könnte, mit sich und dem All eins zu sein. Magische Orte und kalter Nachtwind - dunkle Nacht und scheinbare Weltraumkälte.
Ex_Astris 16.03.2014
3. Tjaaaaa........
Vielleicht hat der Autor Verbindungen zum Fuertoventanischen Fremdenverkehrsbetrieb, und die brauchen ein bißchen Reklame. Anders kan man sich den Stuß hier nicht erklären. Abgesehen davon daß F. eine der östlichen Kanaren und nicht eine der westlichen ist, gibt es außer dem dunklen Himmel nichts was für die Durchführung von Himmelsbeobachtungen sprechen würde. Außer vielleicht für Lichtverschmutzungsgewöhnte Städter die an ihrem Wohnort noch nicht mal den Orion als Ganzes zu sehen bekommen. Da ist es viel besser die Nachbarinseln Teneriffa und La Palma zu besuchen, leicht zu erreichende Beobachtungsorte auf über 2200 Meter Höhe, garantiert Licht- Staub- und Wolkenverschmutzungsfrei. Nicht umsonst befinden sich einige der größten Teleskope de ESO auf diesen beiden Inseln. Es gibt genug Gründe Fuertoventura zu besuchen, Himmelsbeobachtung gehört bestimmt nicht dazu ....
juanth 16.03.2014
4. Na ja, fuer Astronomen uninteressant
Die Beobachtungsinseln sind La Palma und Teneriffa. Fuerte ist viel zu niedrig (Atmosphaerische Stoerungen) La Palma und Teneriffa sind schon seit Jahren fuer Profis und Amateure ein Muss und Starlight-Inseln. Es gibt auch keine Teleskope auf Fuerte. Insgesamt ist da dem Autor ein bischen die Phantasie durchgegangen.
TobiasN 17.03.2014
5. Jaja, die liebe Geographie...
Ein klein wenig Genauigkeit hätte dem Artikel auch nicht geschadet. Weder Puerto del Rosario noch Coralejo liegen im Südosten des Landes sondern vielmehr im Nordosten. Und dass der Westen einsam im Dunkeln liegen würde ist mir auch neu - gemeint ist wohl eher der Nordwesten. Denn ganz im Westen der Insel liegt die Halbinsel Jandia und deren südliche Küste ist eine einzige Ansammlung von Hotelanlagen, wobei sich dort alleine auaufgrund des traumhaften Sandstrandes bei Morro Jable nun wirklich wunderbarer Entspannungsurlaub machen lässt. Dunkel ist es dort aber wirklich nicht. Ansonsten gilt was andere geschrieben haben: Wäre Fuerte für die Himmelsbeobachtung wirklich so gut geeignet, stünden die Teleskope der ESO schließlich dort und nicht auf Teneriffa und La Palma. Insofern geht es hier offenbar wirklich eher um ein touristisches Feature denn um eine wissenschaftliches.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.