Deutsches EM-Quartier Danzig Schönes Stadion, wenig Stimmung

Das Stadion steht schon, aber ansonsten ist Danzig noch eine einzige riesige Baustelle. Die polnische EM-Stadt richtet sich auf den Besuch von knapp 170.000 Fans ein - von echtem Fußballfieber ist jedoch noch wenig zu spüren.

TMN

Freitagabend kurz vor sechs: In wenigen Minuten wird die Partie zwischen Widzew Lodz und Lechia Danzig angepfiffen. Doch von Fußball-Stimmung ist in der Innenstadt von Danzig nichts zu spüren. "Es gibt da eine Fußball-Kneipe irgendwo in einer Seitenstraße", weiß ein Einheimischer. "Zweimal rechts, dann links", weist er den Weg. Doch in der beschriebenen Bar sitzt nur eine Handvoll Gäste. Sie widmen sich ihrem Abendessen. Nirgends läuft ein Fernseher, auf dem das Spiel übertragen wird. Aus einem Radio dudelt Popmusik.

"Fußball ist hier zwar Sportart Nummer eins, aber so richtig Stimmung kommt nur bei Großereignissen auf", erklärt Andreas Kasperski, der seit vielen Jahren Touristen durch seine Heimatstadt führt. Im Juni, wenn Europas beste Mannschaften in Polen und der Ukraine ihren Meister ermitteln, können die Danziger beweisen, wie fußballverrückt sie wirklich sind. Drei Vorrundenspiele und ein Viertelfinale werden in Danzig ausgetragen.

Das schönste EM-Stadion haben sie schon. Nein, das sagt nicht etwa ein Danziger, sondern Jan Wawrzyniak, Direktor des Polnischen Fremdenverkehrsamtes in Berlin. Wie ein überdimensionaler Bernstein, etwas achtlos in eine Betonwüste geworfen, wirkt es aus der Ferne, die Metallkonstruktion erinnert an die Kräne der berühmten Werft, das Dach an die Wellen des Meeres. "Das Stadion ist eng mit der Geschichte der Stadt verknüpft", sagt Andreas Kasperski, "es könnte wohl in keiner anderen Stadt stehen".

Wo heute das Stadion steht, gab es früher nur eine Müllkippe und verlassene Kleingärten. Rings um das Stadion ist noch vieles Baustelle. Eigentlich könnte man auch sagen, die ganze Stadt ist eine einzige Baustelle. Das beginnt schon am Flughafen, wo der Weg vom Flieger zum Gepäckband über eine provisorische Hintertür führt, ein Pappschild weist den Weg für "Schengen-Passagiere". Rechtzeitig zur Fußball-EM wird das neue Terminal jedoch fertig, verspricht Danzigs EM-Koordinator Michal Brand.

Ein neues Stadtviertel entsteht

Mit Baustellen kennt sich Danzig aus leidvoller historischer Erfahrung aus. 1945 wurde die Stadt bei den Kämpfen zwischen Deutschen und Russen in Schutt und Asche gelegt. 90 Prozent des Stadtzentrums waren zerstört. Wie kaum eine andere Stadt war Danzig in den deutsch-polnischen Nationalitätenkonflikt verstrickt. Mit den Schüssen auf die Westerplatte begann hier der Zweite Weltkrieg. In jahrzehntelanger Arbeit haben die Danziger viele der historischen Häuser wieder errichtet. "Im Grunde ist alles, was man heute sieht, Attrappe", sagt Kasperski. Und noch immer gibt es Ruinen und Baulücken.

Die nächste Riesenbaustelle steht bereits ins Haus: Auf einem Teil der Danziger Werft, wo der politische Umbruch mit der Solidarnosc-Bewegung seinen Ursprung nahm, soll ein neues Stadtviertel entstehen. Wo früher 16.000 Menschen arbeiteten, sind heute bei einer ukrainischen Werft gerade noch 2200 beschäftigt. Dafür haben sich Künstler angesiedelt, in einer heruntergekommenen Lagerhalle hat ein angesagter Club eröffnet. Eigentlich sollten die Bagger bereits längst angerollt sein, doch die Wirtschaftskrise machte den Planungen einen Strich durch die Rechnung.

Am Langen Markt im Zentrum von Danzig mit seinen herrlich herausgeputzten Patrizierhäusern ist von den Baustellen nicht viel zu sehen. Lediglich der berühmte Neptunbrunnen wird gerade noch saniert. Zur EM wird hier das Herz der Stadt schlagen - auch wenn die offizielle Public-Viewing-Arena auf dem Platz Zebran Ludowych in der Nähe des Bahnhofs eingerichtet wird. "Wir rechnen mit rund 170.000 Fußballfans in der Stadt", sagt EM-Koordinator Brand.

Obwohl die deutsche Mannschaft zu den Vorrundenspielen in die Ukraine muss - erst im Viertelfinale könnte es nach Danzig gehen - hat sich das Team schon lange vor der Auslosung die ehemalige Hansestadt als Mannschaftsquartier ausgesucht. Abgeschieden hinter einem kleinen Waldstück liegt das Hotel "Dwor Oliwski", ein paar Kilometer außerhalb des Zentrums. Vor der Parkanlage rauscht ein Bach - die Idylle ist perfekt, eigens zum Training wurde ein kleiner Fußballplatz errichtet.

Nicht weit vom Mannschaftshotel der Deutschen entfernt und mit der S-Bahn nur rund 20 Minuten vom Danziger Zentrum entfernt, liegt der Badeort Zoppot, die Partyhochburg der Region. Zur EM hat sich die Stadt mit einem neuen Kurhaus herausgeputzt. Direkt nebenan werden die Iren ihr Quartier in einem Nobelhotel aufschlagen. Bis zur berühmten Seebrücke ist es von dort nur ein Steinwurf. "Ich liebe Danzig, aber hin und wieder musst du einfach nach Zoppot kommen", sagt Andreas Kasperski.

Michael Zehender, dpa



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