Von Peter Linden
Sie halten ihre gelben Programmhefte in Händen wie Gebetbücher. Sie bewegen sich auf das Stadion zu wie Pilger, behutsam Schritt für Schritt, andächtig schweigend. Tausende pilgern an diesem Sonntag die Hügel von Cork empor. Am Ende einer schmalen, löchrigen Teerstraße mit schlichten Häuschen säumen morsche Tribünen und bröckelnde Mauern ein gewaltiges Quadrat irischen Rasens. Das verwitterte Holz der Sitzbänke duftet mit dem feuchten, in der Sonne dampfenden Boden um die Wette. Und die Pilger mit ihren gelben Gebetbüchern saugen den Duft ein wie ein paar Stunden zuvor den Weihrauch in der katholischen Kirche. Gleich wird eine Partie Gaelic Football angepfiffen. Ein wichtiges Spiel, sagt die Lokalzeitung. Aber für Cork sind alle Spiele wichtig, denn der Sport ist hier Religion.
Gaelic Football, das ist eine Art Rugby, nur rauer, irischer. Fast nie zerstört der Schiedsrichter den Spielfluss. Fast nie wälzt sich ein Spieler am Boden. Eher versucht er, auch noch mit gebrochenen Knochen oder gerissenen Sehnen weiterzulaufen und den Punkt oder das Tor zu machen. Erst dann gibt er auf.
Der Pairc Ui Rinn auf dem Hügel über Cork ist fast voll. Es mögen 20.000 sein, die herauf gepilgert sind, auch Touristen sind darunter, wer Irland verstehen will, heißt es, muss sich mindestens eine Partie Gaelic Football ansehen. Früher kamen noch mehr Zuschauer in den Pairc Ui Rinn, so mancher Jugendliche geht heutzutage lieber ins Kino oder ins Café. Doch noch immer sind die Spiele der Gaelic Athletic Association (GAA) Straßenfeger. Das irische Fernsehen RTE erreicht mit ihnen Spitzenwerte. Wenn im September die Endspiele stattfinden, sitzen 80.000 im Dubliner Croke Park, und die übrigen vier, fünf Millionen Iren sitzen in den Pubs vor großen Bildschirmen.
Geschichtslektion im Programmheft
Während die Spieler sich auf dem dampfenden Rasen aufwärmen, lesen die Pilger auf den Tribünen ihre gelben Gebetbücher. Sie studieren die Mannschaftsaufstellungen und die melancholischen Rückblicke auf große Momente: alte Pressetexte, authentisch vergilbte Fotos in Schwarzweiß. Zum Beispiel aus dem Jahr 1952, Halbfinale: 42.582 im Croke Park. Corks legendärer Kapitän Eamonn Young hatte sich verletzt, das konnte nur schiefgehen.
Dafür ging es 1945 gut: Endspiel gegen Cavan. 67.329 Zuschauer sahen ein sensationelles 11:7. Corks erster von acht Gaelic-Football-Titeln. Ein paar unter den Pilgern können sich erinnern und bekommen glänzende Augen. Dann die irische Hymne. Alle stehen auf und blicken zum Himmel, wo der irische Banner weht. Manche flüstern den Text zum krächzigen Playback aus den Lautsprechern, manche hauchen ihn, viele bewegen bloß die Lippen, wie im Gebet: Amhrán na bhFiann! Amen.
Die 30 Spieler in Rot-weiß und Blau-weiß laufen auf das Spielfeld. Etwas Bewegung auf den Rängen, aber kaum Beifall. Andacht, noch immer. Die Rot-Weißen schnappen sich gleich den Ball. Gaelic-Football-Spieler dürfen den Fußball mit Händen greifen, aber alle drei Schritte müssen sie ihn auftippen lassen und kicken. Das Spiel ähnelt einer Mischung aus Hand- und Fußball. Plus einer großen Portion Rugby. Dicht behaarte und dreckverkrustete Beine zerpflügen den Rasen, mächtige Arme grapschen nach dem Gegenspieler, breite Schultern rammen Bäuche. Corks Nummer zehn schlägt Haken, dreht sich mit dem Rücken in ungestüme Angreifer, läuft weiter. 50 Meter ist er unterwegs, die Pilger murmeln erwartungsfroh, dann endlich: tipp und kick. Der Ball fliegt 20 Meter hoch durch die Stangen, die ein normales Fußballtor nach oben verlängern. Cork führt 1:0.
Kein Stress für Polizisten
Der Ball landet beinahe auf dem Dach des Wagens der Garda, der irischen Polizei. Eine einzige Streife genügt selbst bei wichtigen Spielen, und die kommt nur zum Zusehen. Früher, zu Kolonialzeiten, war das anders. Da mussten sich die irischen Fans hüten vor den britischen Beamten. Wenn die Polizei zu Spielen der GAA kam, dann, um Widerstand zu brechen. Gaelic Football war immer auch eine Demonstration der Iren für Unabhängigkeit und für eine Wiedervereinigung der 32 Grafschaften. Am 21. November 1920 ermordete die IRA in Dublin 14 vermeintliche Geheimdienstleute. Aus Rache stürmten britische Soldaten den Croke Park während eines Endspiels und erschossen zwölf Zuschauer und den Kapitän der Mannschaft aus Tipperary. Jedes Kind in Irland weiß von diesem Tag. Lieder beklagen die Toten. Der 21. November 1920 ist der "Bloody Sunday".
"Come on", murmeln einige der Pilger, und Cork kommt. 2:0, 3:0. Würde ein Spieler den Ball direkt ins Fußballtor knallen und nicht hoch über die Latte, es gäbe sogar drei Punkte. Aber das ist zu riskant. Die ganz in Weiß gekleideten Torhüter kriegen fast jeden Ball, der auf Parterre kommt. Plötzlich: eine Boxeinlage. Der Torrichter meldet den Vorfall mit seiner weißen Fahne beim Schiedsrichter. Der Initiator muss vom Platz, zwei Wochen Sperre. Der andere darf weiterspielen und trägt sein zerrissenes Hemd wie einen Orden. Auch zur zweiten Halbzeit wird er das zerrissene Hemd nicht wechseln. Sollen sie seine Brust ruhig sehen, die Kritiker, die über zunehmende Härte im Gaelic Football klagen. In den Köpfen der Journalisten reift die Schlagzeile für den nächsten Tag: "Gaelic Football in der Krise".
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