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Astrid Lindgrens Garten: Wo Pippi Langstrumpf erfunden wurde

Von Helge Sobik

Der hohle Limonadenbaum steht noch: Der Garten ihres Elternhauses in Vimmerby inspirierte Astrid Lindgren zu ihrem Erfolgsbuch "Pippi Langstrumpf". Noch mit 67 kletterte die Autorin dort in den Ästen der Ulmen herum.

Astrid Lindgrens Elternhaus: Limonadenbaum und Kleiner Onkel Fotos
Helge Sobik

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Sie sind alt und dick geworden über all die Jahre, sie haben Stürmen standgehalten und Generationen erwachsen werden sehen. Es sind die Bäume, auf deren Astgabeln sie spielte. Es sind die Kastanien und Ulmen, um die herum sie damals kleine Episoden aus dem Leben von Pippi Langstrumpf vorwegnahm, lange bevor sie das rothaarige Mädchen mit den Zöpfen erfunden hat. Es sind die Bäume im Garten von Astrid Lindgren auf Näs mitten in Småland.

In dem roten Holzhaus, das sich hier unter die großen Bäume am Ortsrand von Vimmerby duckt, ist die schwedische Kinderbuchautorin am 14. November 1907 zur Welt gekommen. Auf dem kirchlichen Gut, das ihr Vater als Pächter betrieb, wuchs sie auf. Dieser Garten war ihre Spielwiese: "Wir kletterten auf die höchsten Bäume, und wir balancierten auf dem Dachfirst unseres Hauses", erzählte sie später: "Es war schön, dort Kind zu sein und schön, Kind von Samuel August und Hanna Ericsson zu sein. Zweierlei hatten wir dort, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist - Geborgenheit und Freiheit."

Der Garten, der für Astrid Lindgren und ihr späteres Werk eine so große Rolle gespielt hat, ist seitdem erheblich kleiner geworden. Nach Auflösung des Gutes und Verkauf von Parzellen als Bauland sind Teile davon in den sechziger Jahren von Wohnblock-Neubauten niedergerungen worden. Näs hat sein Gesicht verändert, liegt nicht mehr außerhalb, sondern ist Ortsteil des 7800-Einwohner-Ortes Vimmerby geworden.

Limonadenshop in der Ulme

Das rote Holzhaus aber blieb unangetastet - mit dem Balancier-Dachfirst, mit den Blumenbeeten auf der Vorderseite und neben der weißen Verandatreppe, den Bäumen, in denen die kleine Astrid mit ihren Geschwistern Gunnar, Stina und Ingegerd herumgestiegen war. Sie waren in diesem Garten, was später zwischen Buchdeckeln und im Film Pippi, Annika und Thomas sein sollten - Kinder, deren Wertesystem stimmte und die fast alle Freiheiten der Welt hatten, das Leben ganz nach ihren eigenen Vorstellungen zu führen.

Eine alte Ulme auf Näs wurde von den Ericsson-Kindern "der Eulenbaum" genannt, weil er hohl war. Sie liebten es, sich darin zu verstecken - wie ein gutes halbes Jahrhundert später Pippi Langstrumpf, die vor ihrer Villa Kunterbunt einen ebenfalls hohlen "Limonadenbaum" stehen hatte, in dessen aufgeplatzten Stamm sie von oben hineinkletterte und durch deren Astlöcher sie anderen Kindern Getränke herausreichen konnte. Der Baum auf Näs steht noch immer.

Mit 18 zog Astrid mit der Familie aus dem roten Holzhaus aus - näher an die Straße, in das nur 15 Schritte entfernte größere hellgelbe Holzhaus. Es hat eine große Veranda - so üppig dimensioniert, dass man dort ein Pferd festmachen und unterstellen konnte: wie später in Pippis Villa Kunterbunt. Heute flattern dort Handtücher auf einer Wäscheleine im Wind, auf dem Rasen liegt Kinderspielzeug verstreut.

1926 ging Astrid Lindgren nach Stockholm, wo sie für fast ein Dreivierteljahrhundert bleiben sollte. Die Sommer aber verbrachte sie auf der Schäreninsel Furusund - und auf Näs. Denn als das Gut 1965 aufgelöst wurde, kaufte sie das rote Holzhaus, alles in den Urzustand der eigenen Erinnerung zurückversetzt, nach fehlenden Möbelstücken auf Flohmärkten gesucht und bis zu ihrem Tod im Januar 2002 immer wieder Ferien dort im Elternhaus verbracht.

"Kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern"

Geschlafen hat sie im Bett ihres Vaters, das wieder an derselben Stelle steht wie zu seinen Lebzeiten. Und sie ist wieder in den Bäumen herumgeklettert - im Alter von 67 Jahren sogar vor Fernsehkameras gemeinsam mit ihrer Freundin Elsa Olenius, die an dem Tag ihren 80. Geburtstag feierte. Schließlich gebe es, kommentierte Astrid Lindgren wörtlich, "kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern".

Der Garten als Quelle der Inspiration? Bäume, die ein kleines Mädchen geprägt haben könnten, das einmal Schriftstellerin werden sollte und Geschichten von Freiheit, sogar von gewisser Anarchie erzählen würde? Es sieht ganz so aus. Diesen Vormittag riecht es im Garten der berühmten Kinderbuchautorin nach frisch gemähtem Gras - und nach Waffeln, die irgendwo jemand backt.

Im Schloss der Holztür dreht sich der Schlüssel von Charlotta Lindkvist, die im benachbarten Astrid-Lindgren-Museum arbeitet und ein paarmal am Tag Führungen durchs Geburtsthaus anbietet: "Wissen Sie", sagt sie, "'Pippi' ist erst Astrid Lindgrens zweite Buchveröffentlichung. Da liegt es auf der Hand, wie sehr sie sich bei ihren eigenen Kindheitserinnerungen bedient hat - und dass Näs sich sehr stark darin widerspiegelt." Über 70 weitere sollten noch folgen. Bis ins hohe Alter schrieb Lindgren weiter Kinderbücher, die weltweit in fast 90 Sprachen übersetzt wurden.

Durch die Fenster mit den weißen Holzkreuzen scheint die Sonne hinein, während der Wind Zweige vor den Scheiben bewegt. Als Kind spielte Astrid mit ihren Geschwistern dort, wie später Pippi in ihrer Villa Kunterbunt, 'Nicht-den-Boden-berühren'. Sie beschrieb das so: "Von der Arbeitszimmertür hangelte man sich zur Küchentür, sprang auf die Spiegelkommode, von der Spiegelkommode auf den Schreibtisch, auf Papas Bett, zu einem mit Stoff bezogenen Sitzkissen, mit dem man bis zur Tür des Wohnzimmers rutschte, zum Kamin und wieder zur Arbeitszimmertür."

Träumen im Gras

Während Wohn- und Schlafzimmer, Flur und Küche Fremden auf Führungen gezeigt werden, bleibt ein Raum im Erdgeschoss ebenso tabu wie das Obergeschoss: Dort schlafen Astrid Lindgrens Enkel, Urenkel, Großnichten und -neffen, wenn sie im Sommer auf Näs zu Besuch sind - und wenn im nahen hellgelben Holzhaus der Platz wieder mal nicht für die ganze große Familie ausreicht. Es ist dann, als ob der Garten erwacht. Denn wieder turnen Kinder über den Rasen und klettern in den Bäumen.

Astrid Lindgren wird es sich nicht anders gewünscht haben. Als alte Frau hat sie selber wieder im Gras vor diesen Bäumen gesessen, sich mit dem Rücken an die Stämme gelehnt, die Augen geschlossen und an damals gedacht. Zu Ehren der Schriftstellerin gibt es inzwischen eine Strauchrosen-Züchtung, die ihren Namen trägt. Die Blüten sind zartrosa. Sie sind zahlreich. Und sie blühen bis zum Frost.


Information:

"Astrid Lindgrens Näs" mit Elternhaus, Garten und Museum (Prästgårdsgatan 24 in Vimmerby, Tel.0046/492/769400; ) ist ganzjährig geöffnet, wobei die Zeiten stark variieren, normal Mittwoch bis Sonntag 11 bis 15 Uhr, im Sommer täglich mindestens 10 bis 16 Uhr, Eintritt circa acht Euro, Führungen durchs Elternhaus (Voranmeldung ratsam) circa 10,50 Euro. Aktuell werden die Gärten Astrid Lindgrens unter dem Projektnamen "Astrid Lindgrens Gartenmärchen" in mehreren Phasen auf rund vier Hektar Land erweitert. Der erste Abschnitt wurde im Juni 2014 eingeweiht.

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insgesamt 8 Beiträge
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    Seite 1    
1. Danke!
Powered 16.07.2014
Danke Astrid für deine schönen Geschichten. Habe als Kind immer Pipi oder Michel geschaut. Heute schaue ich es mit meiner Tochter. Durch deine Bücher bist Du unsterblich.
2.
brooklyner 16.07.2014
Zitat von sysopHelge SobikDer hohle Limonadenbaum steht noch: Der Garten ihres Elternhauses in Vimmerby inspirierte Astrid Lindgren zu ihrem Erfolgsbuch "Pippi Langstrumpf". Noch mit 67 kletterte die Autorin dort in den Ästen der Ulmen herum. http://www.spiegel.de/reise/europa/garten-von-astrid-lindgren-wo-pippi-langstrumpf-erfunden-wurde-a-981071.html
Da steht er wirklich und wahrhaftig, der riesige Limonadenbaum - mit einem mehrsprachigen Schild davor, der ihn als nationale Landmarke ausweist und bittet, nett zu dem Baum zu sein. Das Anwesen ist wunderbar und das Museum über Astrid Lindgrens Leben ist absolut sehenswert. es geht darin nicht nur um Ihr schriftstellerisches Werk, sondern auch um ihre ganzen Streitereien mit der Politik, was sehr amüsant und interessant ist. Es ist aber kein Museum, das die Kinder allzu sehr interessieren dürfte. Dafür gibt es im Ort noch den (nicht ganz billigen) grossen Vergnügungspark „Astrid Lindgrens Värld”. Das absolute Highlight ist die originale Villa Villekulla mit einem sehr netten Vergnügungspark in Kneippbyn bei Visby auf der Insel Gotland, ein Abstecher dorthin lohnt sich sehr.
3. ...
jujo 16.07.2014
Zitat von sysopHelge SobikDer hohle Limonadenbaum steht noch: Der Garten ihres Elternhauses in Vimmerby inspirierte Astrid Lindgren zu ihrem Erfolgsbuch "Pippi Langstrumpf". Noch mit 67 kletterte die Autorin dort in den Ästen der Ulmen herum. http://www.spiegel.de/reise/europa/garten-von-astrid-lindgren-wo-pippi-langstrumpf-erfunden-wurde-a-981071.html
Dieses Leben wie es Astrid Lingren beschreibt aus der Zeit vor über 100 Jahren, gibt es heute noch, und wird auch so noch gelebt, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft! Wir waren mit unserer Tochter das erste mal in Schweden als sie 4 Jahre alt war. Sie wollte danach nie woanders hin. Jetzt Leben wir in Småland inmitten der Natur, sind die Enkelkinder da, Tür auf und Natur und Freiheit pur!
4. Die gute Astrid Lindgren
specialsymbol 16.07.2014
Geborgenheit und Freiheit. Das ist es was man braucht. Wieso erkennen nur Künstler den Unterschied zwischen Sicherheit und Geborgenheit? Heute kriegen die Kinder möglichst umfassende Sicherheit und etwas Freiheit geboten - wobei Sicherheit in der Regel die Freiheit einschränkt, denn im Gegensatz zu Geborgenheit schränkt Sicherheit die Freiheit ein. Wer die Freiheit hat als Kind mit Messern zu spielen ist nicht sicher. Sicherheit lässt sich leicht mit Regeln herstellen. Geborgenheit nicht. Wer weiß schon wie man Geborgenheit herstellt? Mit Verboten und Regeln funktioniert es nicht. Das ist das Problem unserer Zeit: die Kinder erfahren keine Geborgenheit mehr, nur noch Unfreiheit, die als Sicherheit verkauft wird.
5.
agua 16.07.2014
Ein schöner Artikel mit schönen Fotos. Geborgenheit und Freiheit sind die Schlüsselworte für eine glückliche Kindheit. Selber auf dem Land aufgewachsen, kann ich das nur bestätigen. Selber mit Kind auf dem Land gelebt, aus genau diesem Grund. Mit den sogenannten Pixi -Büchern vor der Schule lesen gelernt, habe ich als Kind alle Astrid Lindgren Bücher regelrecht verschlungen. Einige habe ich heute noch .
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