Gartenfestival in Frankreich So schmeckt die Natur

Natur zum Riechen, Schmecken und Staunen: Das "Festival des Jardins" im französischen Chaumont-sur-Loire ist ein Rendezvous der renommiertesten Landschaftsarchitekten. Die Kreativen schufen jede Menge blühender Ästhetik - nur ein "kleiner garstiger Garten" fällt aus der Reihe.

Stefan Simons

Aus Chaumont-sur-Loire berichtet


Was haben ein Mediziner, ein Bühnenbildner, ein Aromatherapeut und ein Comiczeichner gemein? Sie alle gehören zu dem Kreis von professionellen Landschaftsgestaltern und handverlesenen Amateurgärtnern, die nach eingehender Prüfung am "Festival des Jardins" teilnehmen dürfen. Der alljährliche Wettstreit im Garten des Loire-Schlosses von Chaumont hat sich seit 1992 zum internationalen Treffen der naturgestaltenden Avantgarde gemausert - vergleichbar mit der Biennale in Venedig für die Bildende Kunst oder dem Festival in Cannes für die Kinowelt.

Schon der Rahmen ist ein verschwenderischer Traum von Bäumen, Blumen und Grün: Das Festivalareal, bestanden mit hundertjährigen Zedern, liegt in den Schlossgärten mit einem weiten Blick auf die Schleifen der Loire. Die mächtigen Mauern, spitzen Türme und gepflasterte Höfe stammen aus dem 15. Jahrhundert. Einst geschaffen als Verteidigungsanlage, wandelte sich Chaumont allmählich zum luxuriösen Landsitz und eleganten Treffpunkt für illustre Geister. Hier spazierte Diane de Poitiers so wie Catherina von Medici, zu den Besuchern zählte Benjamin Franklin und Germaine de Staël.

Im 19. Jahrhundert ließ der damalige Besitzer dann die Gärten anlegen. Nach englischem Vorbild wurden Hügel und mäandernde Wege modelliert, unterbrochen von Staudenbeeten, Baumgruppen und Hecken. Die Vegetation lenkte den Blick auf die optischen Anziehungspunkte - Wald, Loire und Schloss. Die Domäne ist mittlerweile in Besitz von Gemeinde und Region und beherbergt heute das erste "Zentrum für Kunst und Natur". Plastiken, Installationen und Fotoausstellungen sind aber nur Ergänzungen für die eigentliche Attraktion: das Gartenfestival.

Nur zehn Prozent der Bewerber sind dabei

Unter dem Motto "Gärten - Leib und Seele" sind auf dreieinhalb Hektar seit Februar rund drei Dutzend Gärten entstanden - bunte, duftende, malerische Kreationen. Die phantasievollen Anordnungen zeigen die verblüffende erfinderische Bandbreite der Zunft, die hier strenge Auflagen erfüllen muss. Jedes der 32 Teams, die im vergangenen September unter mehr als 300 Vorschlägen ausgesucht wurden, verfügt für die Realisierung über ein festes Budget und rund 200 Quadratmeter Grün.

Auf diesen Parzellen, durch Buchenhecken voneinander abgeschirmt, haben nicht nur Landschaftsarchitekten, Botaniker, Gärtner und Agrarwissenschaftler das Thema umgesetzt, sondern auch jene fünf prominenten Künstler, die die "grüne Karte" bekamen und damit eine Einladung, sich fern des Ateliers in einer ganz anderen Umgebung zu verwirklichen.

Herausgekommen sind blühende Visionen zwischen Wasser, Boden und Steinen. Das Künstlerehepaar Anne und Patrick Poirier schuf ein Labyrinth nach der Vorlage eines historisches Pergaments, Schriftsteller Jean-Piere Le Dantec versuchte sich mit einer kopflastigen Allegorie von Natur und Zivilisation. Gelungener ist die Installation "Engelshaar", die ein Gewächshaus und Gartenstühle wie schwebend über der Wasseroberfläche eines Teiches erscheinen lässt.

Ein spiralförmiger Weg führt in den Garten "Meine Erde, Mutter", der in einem perfekten Rund aus geknüpften Weidenruten endet. Um die gefühlte Verbindung zur Natur perfekt zu machen, empfehlen deren Schöpfer, die Schuhe auszuziehen. Pädagogisch noch direkter ist der Vorschlag von Sébastien Roussel, der mit seinen Freunden eine Art Apothekermöbel mitten in den Garten stellte. So kann er zeigen, wozu die Pflanzen genutzt werden - als Medizin, Tee oder Gewürz. Gereicht werden dazu appetitliche Happen mit Oregano-Geschmack.

Zum - allerdings nur virtuellen - Essen lädt auch Carlotta Montefoschi mit einer riesigen Tafel, an der die Blumen und Gestecke an reichlich gefüllte Teller und Gläser erinnern. "Tea-time" lautet das Motto der Briten George Richardson und Jules Arthur. Ihr Tee-Garten lädt pünktlich um 16 Uhr zur urenglischsten Tradition oder offeriert einen Aufguss aus den Kräutern, die in ihrem Gartenabschnitt vorhanden sind.

Klein und garstig

Weniger gepflegt geht es ein paar Schritte weiter zu: Müll- und Misthaufen, rostiger Zivilisationsschrott und dazu Brombeerranken, stacheliges Unkraut und eine baufällige Bretterbude. "Der kleine garstige Garten von Jean-Michel Vilain" sticht - im Wortsinn - heraus unter den genau geplanten anspruchsvollen Entwürfen: Arnaud Denis, von Haus aus Bühnenbildner, versteht seinen überwucherten Schrebergarten als Absage an die intellektuelle Überfrachtung mancher Gärten. "Unkraut ist die Auflehnung der Natur gegen die Diktatur der Gärtner", meint Denis.

Schlicht und deswegen überzeugend ist gleichermaßen die Idee für den Duftgarten mit dem wortspielerischen Namen "JardiNez". Die "GarteNase" von Guylaine Piketty und Sylvie Polo präsentiert in olfaktorischer Vielfalt die Aromen von Fenchel, Rosmarin, Lavendel, Zypressenkraut und Duftgeranien. Ein Stück Garten aus dem Mittelmeerraum, gepflanzt auf hellem Kies, das ohne künstliche Bewässerung auskommt und den Spaziergängern die Gelegenheit bietet zu schauen, zu riechen und zu lernen.

Ebenso didaktisch ist das pfiffige Konzept der einzigen deutschen Teilnehmerinnen des Festivals: Rosalie Zeile und Amalia Besada, verbinden in ihrem "Garten, der singt" Vegetation und Vogelgezwitscher: Umgeben von Schilf und Pampagras thronen auf weißen Stangen Nistkästen - versehen mit kleinen Solarpanelen und einem Schalter; auf Knopfdruck tönen die Stimmen von einem Dutzend in Deutschland heimischer Vögel wie Rotkehlchen, Grauschnäpper, Blaumeise, Zaunkönig, Feldsperling oder Kleiber.

Die beiden jungen Frauen aus Hannover, Diplomingenieure für Landschafts- und Freiraumplanung, entwarfen für ihren Garten, der "Hören und Erleben" verbindet, nicht nur das zur Vogelwelt passende Habitat, sondern löteten zudem die benötigen Elektronikplatinen zusammen. Für die beiden Absolventinnen der Universität Hannover ist die Teilnahme am Festival eine "überraschende, tolle Auszeichnung".

Ihr Garten lädt auch zum Verweilen ein. Denn rings um die vielstimmigen Vogelkästen sind Schiedsrichterstühle aufgereiht - wie auf einem Tennisplatz. Die Hochsitze ermöglichen einen nachdenklichen Rückzug und erlauben zugleich einen weiten Blick auf Park und Schloss. Spätestens hier oben wird dem Besucher klar: Das Gartenfestival von Chaumont ist, neben Ziegenkäse und Wein der Touraine - ein Grund mehr für einen Abstecher an die Loire.



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