Gefängnis Volterra Zu Gast bei Ganoven

Gefängnisessen einmal anders: In einem Hochsicherheitsknast im toskanischen Volterra kochen und servieren Mörder und Mafiosi die Speisen. Die Gelage vor mittelalterlicher Kulisse sind regelmäßig ausgebucht - da stört auch nicht, dass die Kellner mit riesigen Messern hantieren.

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Volterra - "Neapel ist nicht mehr so wie früher, viel mehr Kriminalität als zu meiner Zeit", klagt Kellner Luigi mit breitem neapolitanischen Akzent. Seit acht Jahren lebt er mitten in Volterra, doch die Einwohner des für Alabasterkunst und enge Mittelalter-Gässchen bekannten Ortes bekommt er nur selten zu Gesicht – nur etwa alle zwei Monate, wenn er hier Speisen servieren darf. Luigi sitzt wegen bewaffneten Raubüberfalls ein.

"Ich habe mit Messern ein paar Banken überfallen", erzählt er vergnügt, und den Gästen fällt fast der Honig-Schafskäse vom Holzlöffel. Mit einer Mischung aus morbider Faszination und Belustigung lauschen sie den Ausführungen des Mannes in seiner ungewöhnlichen Häftlingsuniform: schwarze Strumpfhose und rot-weißes Wams à la Mittelalter.

Luigis Redeschwall hört gar nicht mehr auf, man könnte meinen, er hätte die Jahre schweigsam in einer Einzelzelle verbracht. "Ich bin jetzt 45, da reicht es irgendwann mit den Überfällen", plaudert er und beschwert sich, dass die Gefängnisleitung ihn nicht nach Neapel gehen lassen will, wenn er nächstes Jahr freikommt. Die alten Camorra-Kumpel. Rückfallgefahr.

Festgelage im Hochsicherheitstrakt

Die Fortezza Medicea von Volterra ist ein Hochsicherheitsgefängnis in einer mittelalterlichen Trutzburg. Umschlossen von 20 Meter hohen massiven Steinmauern thront sie über der Stadt – von weit her ist sie als bedrohlich gezackte Krone auf dem Hügel sichtbar. Die Fortezza wurde 1474 erbaut, kurz nachdem die Stadt Florenz Volterra erobert hatte. Von hier sollte die Stadt gleichzeitig geschützt und unter Kontrolle gehalten werden. Schon damals befand sich im Innern ein Gefängnis.

Heute kommen hier nur Straftäter hin, die mindestens sieben Jahre absitzen müssen. Doch es ist auch ein Gefängnis, in dem allein die Drohung, in eine andere Strafanstalt versetzt zu werden, eine wirksame Disziplinierungsmaßnahme ist. Denn in Volterra dürfen die 120 Häftlinge täglich zwischen 9 und 20 Uhr aus ihren Zellen heraus, und manchmal gibt es hier Theatervorstellungen oder Festgelage für die Dorfbevölkerung. Am heutigen Abend kochen und servieren Mörder, Mafiosi und Bankräuber eine siebengängige "Cena dei Nobili", ein Menü im Mittelalter-Stil.

Im mit Fackeln beleuchteten westlichen Innenhof der Fortezza sitzen etwa 150 Gäste an Holztischen, die um den "Mastio" gruppiert sind, einen massiven Rundturm, in dem im 15. Jahrhundert einige Drahtzieher der Pazzi-Verschwörung einsaßen – sie hatten versucht, durch ein Attentat die herrschende Medici-Familie in Florenz zu entmachten. Im 16. Jahrhundert wurde eine Ehebrecherin für Jahre in diesem Rapunzelturm eingekerkert. Heute steht der Bau leer, in den gelb angeleuchteten Steinwänden wachsen Gräser.

Gefängnisdirektorin Maria Giampiccolo schüttelt Hände, klopft auf Schultern, scherzt mit den Dudelsackspielern. Ganz in Schwarz, mit Samtkleid, Perlenkette und Brokatschal wuselt sie geschäftig zwischen den Tischen umher, raucht dünne Dunhill-Zigaretten und scheint ihre Rolle als Burgherrin in vollen Zügen zu genießen.

"Die Häftlinge lernen hier einen Beruf, den sie nicht kannten, und bekommen damit später eine Chance in der Arbeitswelt", sagt Giampiccolo. "Gleichzeitig lernen die Nicht-Gefangenen die Insassen aus einer ganz neuen Sicht kennen, was für eine spätere Eingliederung in die Berufswelt sehr wichtig ist." Außerdem wolle man die Tore für Volterra und die Umgebung öffnen und zeigen, dass auch ein Gefängnis Dienstleistungen für die Stadt bieten kann.



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