Einsam in Norwegen Å, wie ist das schön

Diesen Ausblick vergessen Sie nie wieder. Allerdings müssen Sie zuvor fünf Stunden durch die norwegischen Lofoten kraxeln, vorbei am Fischerdorf Å. Es lohnt sich.

Von Oliver Lück

Oliver Lück

Å ist das Ende. Es ist das südlichste Fischerdorf auf Moskenes, eine der größten Inseln der Lofoten, der schroffen Inselkette Norwegens, die sich wie ein knöcherner Finger fast 200 Kilometer weit ins Nordmeer streckt. Nur wenige Menschen leben hier, es gibt Fischfabriken und Stockfischgalgen. Å ist ein einfacher Ort mit einem einfachen Namen, der klingt wie ein Seufzer: Aaaa. Und der leicht zu merken ist.

Viel leichter als beispielsweise Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch, den Namen einer Kleinstadt in Wales. Damit das Leben dort einfacher ist, kürzen die Menschen den Bandwurm mit Llanfair ab. Å hingegen lässt sich nicht weiter vereinfachen und bedeutet Bach, einfach Bach. So unterschiedlich können Orte sein.

Mit den scharfkantigen Gipfeln, weißen Sandstränden und dem türkisblauen Wasser sind die Lofoten tatsächlich so, wie man sie aus den Prospekten der Reisebüros kennt. Schwarze Felswände mitten ins Meer gestellt. Der Golfstrom ist gnädig und hält die Küste eisfrei. Voll wird es hier nur in den Sommermonaten, wenn Besucher mit ihren Wohnmobilen über die Inseln rollen.

Den Rest des Jahres fahren nur wenige Autos. Manchmal so wenige, dass man den Gegenverkehr grüßt. Wie auf dem Weg zum Hermannsdalstinden, dem mit 1029 Metern höchsten Berg von Moskenes. Eine zehnstündige, nicht allzu schwierige Wanderung führt auf seinen Gipfel und belohnt mit einer Aussicht, die man nie mehr vergisst.

Moosbewachsene Ebenen, spiegelglatte Seen

Die Wegbeschreibung: Etwa drei Kilometer nordöstlich von Å - der Küstenstraße folgend - liegt Sørvågen. An der zweiten Straße im Dorf, kurz vor der Schule, links abbiegen und dem Schotterweg bis zum Ende folgen. Dort beginnt der Trampelpfad, der zunächst stetig bergauf und an einem breiten Wasserfall entlangführt. Es geht über moosbewachsene Hochebenen und an insgesamt acht großen Seen vorbei. Keine Bäume, nur wenige Büsche und viel Weitblick.

Vier bis fünf Stunden dauert die Tour bis zum Gipfel. Was für eine Aussicht! Man blickt über die gesamte Insel: Im Westen liegt das offene Meer, im Osten der bauchige und kurze Djupfjord, im Süden die letzte Landspitze von Moskenes. Und im Norden die Bühne der Berge: Einige schroffe Gipfel verschwinden unter Wolken. Unterhalb verläuft ein breiter Seitenarm des Europäischen Nordmeeres, der Fjorsfjord, der sich weit in die Insel streckt.

18 Kilometer und rund zehn Stunden später steht man schließlich wieder am Ausgangspunkt und weiß, dass es auch in Europa noch Orte gibt, wo Wanderer einen ganzen Tag lang unterwegs sein können, ohne einen anderen Menschen zu treffen.

Mit GPS auf den Gipfel: 67.942182, 12.937271

Teil 1: Schweden: Die Insel Lyr Teil 2: Belgien: Das Geisterdorf von Antwerpen Teil 3: Schottland: 27 Kilometer zu Fuß zur Kneipe Teil 4: Galicien: Das Mera-Tal
Teil 5: Lettland: Jurmalciems Teil 6: Irland: White Strand

Zum Autor
  • Oliver Lück
    Seit 20 Jahren ist Oliver Lück im VW-Bus in Europa unterwegs. In rund 30 Ländern ist der Journalist und Fotograf gewesen. Und überall hat er "geheime Orte" entdeckt, die man eigentlich für sich behalten sollte. In dieser Serie verrät er einige.
  • Mehr auch unter www.lueckundlocke.de

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
chrome_koran 23.04.2015
1. Danke für die Route!
Deutschsprachige Wanderführer-Bücher für die Lofoten sind ansonsten rar gesät. Ich kenne eigentlich nur das Buch von Möbius und Stier, welche Autoren da eine recht interessante Auffassung zu den Schwierigkeitsgraden der jeweiligen Strecken vertreten. Das entspricht in etwa der Auffassung vor Ort: Anders als in den deutschen Alpen, wo überall, wo man nur festes Schuhwerk braucht, gleich „alpine Erfahrung und Schwindelfreiheit“ voraussetzen will, gibt es auf den Lofoten solche Warnungen nirgends. Man will sich doch nicht lächerlich machen. Die Pfade sind zwar (danke an den Norwegischen Wanderverein für die tolle Arbeit!) stets markiert, aber für an voll erschlossenes Gelände gewohnten alpinen Wanderer eher dürftig. Zum Glück habe ich mich als Bergtourist eben in Norwegen sozialisiert und erst viel später in den Alpen herumgewandert. Anders herum könnte überraschend schwierig sein. Es gibt auf den Lofoten eigentlich jede Menge solcher Wanderungen, von leicht bis gefährlich. Ich empfehle Matmora und Sautinden auf der Austvågøya. Vor allem der Weg auf Sautinden ist fast durchgehend leicht und mit ca. 900 m auch für Flachlandtiroler zu schaffen. Nur zum zweiten Gipfel oben ist der Grat nur für absolut Trittsichere. Muss man nicht machen. Der Blick vom ersten Gipfel ist schon atemberaubend genug: über drei Fjorde und die halbe Insel, bis zum Svolvaerer Flughafen über die Sildpollnes-Kirche. Wir hatten keinen Menschen getroffen, nur jede Menge Schafe (daher der Name: die norwegische „Sau“ ist deutsches „Schaf“…). Wir hatten die Wanderung übrigens im Schnee bei „hyggelig“ 29° C (sic!) im nicht vorhandenen Schatten gemacht: Noch drei Tage zuvor gab es Neuschnee bei Temperaturen um den Gefrierpunkt (im Juni), dann schoss das Thermometer über „Nacht“ durch die Decke. Wahn-Sinn! Wir haben unsere T-Shirts im Bach immer wieder nass gemacht und BUFFs mit Schnee gefüllt, so kühlte es die Köpfe. Weg dorthin: Von Svolvaer die E10 gegen Norden. An der markanten Sildpollnes-Kapelle vorbei, weiter etwa die gleiche Strecke bis zur nächsten Siedlung, den Namen vergessen. In der Kurve gibt es genug Parkmöglichkeiten an der Straße entlang. Die Strecke ist knapp markiert, es ist nicht leicht, den Einstieg zu finden, aber die Menschen vor Ort sind, wie üblich im Norden, gern hilfsbereit, man muss nur fragen. Nur drei Autominuten weiter westlich (nach der Kurve weiter am Fjord vorbei) kann man übrigens eine Passage zum Trollfjord machen. Der liegt ja gleich auf der anderen Seite des Berges. Von der hatten uns die „Locals“ damals wegen Neuschnee und Wechten abgeraten. Steht aber immer noch auf dem Wunschzettel. Det er fint!
kuhpete 23.04.2015
2. Nur ein Buchstabe...
und trotzdem falsch ausgesprochen: Nicht wie ein A spricht man das Å sondern wie ein O.
112211 23.04.2015
3. EInsamkeit
"und weiß, dass es auch in Europa noch Orte gibt, wo Wanderer einen ganzen Tag lang unterwegs sein können, ohne einen anderen Menschen zu treffen." Jetzt nicht mehr. Diese Serie ist einerseits richtig gut, und andererseits pilgert jetzt die Karawane zu diesen einsamen Orten.
mayazi 23.04.2015
4. das Kringel-A
Moin! Å wird zwar auch Aa geschrieben, beides spricht der Norweger aber wie ein geschlossenes O aus. Es ist wirklich eine sehr schöne Gegend dort.
verbal_akrobat 23.04.2015
5. Kann man die Bilder auch
Moin & Gruß
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