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17. April 2015, 05:39 Uhr

Einsame Orte in Europa

Schön, aber spooky

Von Oliver Lück

Kein Handtuch, über das man stolpert. Traumhaft. Eigentlich. Aber wer am White Strand an der irischen Küste tatsächlich allein ist mit sich, den Wellen und dem Wind, kommt auch ins Grübeln.

Es bringt nichts, einen Strand zu beschreiben - Meer und Sand, Himmel und Wind, vielleicht Dünen. Strände sind immer irgendwie gleich.

Und trotzdem ist es immer so: Wer - egal, wo auf dieser Welt - an wunderschöne, einsame Strände kommt, dann aber niemanden trifft, beginnt irgendwann, sich Fragen zu stellen: Warum bin ich allein hier? Wieso ist dieser herrliche Platz nicht voller Menschen? Warum kommt bloß keiner? Vielleicht gleitet der Besucher nach einiger Zeit sogar ein wenig ins Hysterische ab: Hier stimmt doch was nicht!

Am White Strand an der irischen Nordwestküste im County Mayo, dem vielleicht schönsten Strand Irlands, kommen diese Gedanken schon nach kurzer Zeit auf. Vielleicht zwei Kilometer lang ist er und an mancher Stelle einen halben Kilometer breit, strahlend weiß sein Sand.

Wer an einem eher windstilleren Tag, wenn das Meer etwas ruhiger da liegt, von dem kleinen Parkplatz aus zum Wasser läuft, könnte glauben, dass der Strand gar nicht endet und sich bis zu den vorgelagerten Inseln Clare Island und Inisturk zieht. Mit bloßem Auge und etwas Glück lassen sich an solchen Tagen auch Delfine beobachten.

Ein verwittertes Schild weist den Weg

Doch bitte nicht verwechseln: Es gibt mindestens noch drei weitere Strände in Irland, die White Strand heißen. Wer den in Mayo besuchen will und mit dem Auto unterwegs ist, fährt vom Dörfchen Louisburgh etwa 15 Kilometer in südlicher Richtung die zerklüftete Küste entlang. Felder, Natursteinmauern, Kühe und Schafe, tiefgrüne Hügel, Fels, vereinzelte Häuser - schon von der Straße aus ist die in einem weiten Bogen geschwungene, leuchtende Bucht gut zu sehen. Ein hölzernes, mit den Jahren grau verwittertes Schild weist den Weg: White Strand.

Und dann weiß man nicht so recht, ob man enttäuscht oder erleichtert sein soll, wenn doch irgendwann Menschen auftauchen. In zwei Tagen sind es am White Strand immerhin drei Besucher. Reinhard aus Österreich, Don aus Frankreich und Jim aus dem nächsten Dorf, der jeden Tag mit seinem Hund Barkley hier spazieren geht.

Reinhard fährt seit vielen Jahren im Urlaub in seinem Wohnmobil mit dem Kennzeichen "Druid 1" von einem magischen Ort in Europa zum nächsten. Er ist Sozial- und Kulturhistoriker an der Grazer Universität und unterrichtet dort österreichische Geschichte.

Don aus Brest hat den White Strand vor vier Jahren entdeckt und kommt seither jedes Jahr für eine Woche oder länger her. Er schläft dann hinter einer Düne in seinem Zelt. Und Jim, der schüchterne Mann mit dem roten Vollbart, der hier schon immer lebt und eigentlich genauso aussieht, wie man sich einen Iren auch vorstellt, sagt eigentlich gar nichts, was gut an diesen Ort passt.

Doch selbst hier muss er, der Einheimische, dem Fremden eine nicht ganz unwichtige Frage stellen: "Findest du es auch so schön hier?"

Mit GPS zum White Strand: 53.668444, -9.898742

Teil 1: Schweden: Insel Lyr

Teil 2: Belgien: Geisterdorf von Antwerpen Teil 3: Schottland: 27 Kilometer zu Fuß zur Kneipe Teil 4: Galicien: Das Tal der Stille

Teil 5: Lettland: Jurmalciems

Im nächsten Teil: Å in Norwegen

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